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Missbrauch im Feriencamp auf Ameland Drei Jugendliche legen Geständnisse ab


Die Horror-Ferienfreizeit auf Ameland: Inzwischen haben drei Jugendliche umfangreiche Geständnisse abgelegt, jüngere Kinder brutal sexuell gequält zu haben. Auch immer mehr Opfer brechen ihr Schweigen. In den Vordergrund rückt zunehmend die Rolle der Betreuer.

Sie sollen ihre Opfer aufs Schlimmste mit Colaflaschen und Besenstielen misshandelt haben: Nun haben nach Informationen der "Neuen Osnabrücker Zeitung" zwei weitere Jugendliche die ihnen vorgeworfenen Taten vollständig zugegeben. Damit stünden drei Beschuldigte fest.

Bisher gibt es mindestens acht Tatverdächtige im Alter von 14 bis 16 Jahren, fünf Jugendliche gelten als Haupttäter. Möglicherweise sei der Täterkreis aber viel größer, hieß es von der Staatsanwaltschaft: Bis zu 13 Jugendliche kämen als Beschuldigte in Betracht. Auch zwei 13-Jährige, die zuvor selbst Opfer von Misshandlungen geworden waren, sollen sich später an den Taten beteiligt haben.

"Opfer wirken relativ gefasst"

Sechs 13- und 14-jährige Jungen, so der derzeitige Ermittlungsstand, sollen bei der Ferienfreizeit des Stadtsportbundes Osnabrück ein unfassbares Martyrium erlitten haben. Im Schlafsaal eines ehemaligen Bauernhofs auf der holländischen Insel Ameland wurden sie mehrmals Opfer von brutalstem Missbrauch.

In vier Nächten sollen die älteren Täter über sie hergefallen sein und mit den Gegenständen misshandelt haben. Weitere Versuche seien nur gescheitert, weil sich die Opfer "verzweifelt an ihren Betten festgekrallt haben, über Feuerleitern geflüchtet sind oder erheblichen Widerstand geleistet haben", sagte der Leiter des Osnabrücker Jugendschutz-Kommissariats, Berndt Klose, der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Der Oberstaatsanwalt Alexander Retemeyer sagte, dass "jeder sexuelle Missbrauch, der mit dem Eindringen in den Körper verbunden ist, nach dem Gesetz eine Vergewaltigung ist". Die Vorwürfe umfassen außerdem gefährliche Körperverletzung und schwerer sexueller Missbrauch.

Georg Linke von der Polizei-Inspektion Osnabrück sagte stern.de: "Die Opfer wirken relativ gefasst, auch wenn es ihnen natürlich nicht leicht fällt, über die Vorfälle zu sprechen." Man habe ihnen und ihren Eltern psychologische Hilfe angeboten, sie sei aber noch nicht in Anspruch genommen worden.

Mutmaßliche Täter hätten nicht teilnehmen dürfen

Dieter Neuhaus, der mittlerweile zurückgetretene Leiter der Ferienfreizeit, sagte "Spiegel Online", die mutmaßlichen Täter stammten nicht aus "schlechten" Familien. Allerdings hätten einige von ihnen in diesem Jahr gar nicht mitfahren dürfen, die Altersbeschränkung liegt bei 14 Jahre. "Ich habe sie erst auf nachdrückliches Bitten der Eltern mitgenommen", sagte Neuhaus der Nachrichtenseite. In den vergangenen Jahren seien sie "nie negativ aufgefallen".

Inzwischen melden sich bei der Polizei auch immer mehr Eltern mit Zeugenaussagen ihrer Kinder. Laut "Neuer Osnabrücker Zeitung" seien die Ermittler erstaunt, dass die Kinder in den Vernehmungen viel mehr Details preisgeben als gegenüber ihren Eltern. Offenbar hatten sie über die Vorfälle auf Ameland zunächst nicht gesprochen - bis auf ein 13-Jähriger, dessen Mutter den Fall ins Rollen brachte. Binnen zwei Wochen sollen alle Kinder vernommen worden sein. Erst danach sollen die Betreuer vorgeladen werden. Laut Oberstaatsanwalt Retemeyer müsse geklärt werden, ob den Betreuern der Vorwurf der unterlassenen Hilfeleistung gemacht werden müsse.

Kinder sprachen vor Betreuern von "Fisten"

Gegenüber Betreuern sei im Ferienlager mit Blick auf die sexuellen Misshandlungen das Wort "Fisten" gefallen, sagte Retemeyer. Ihnen sei eventuell die Bedeutung des Wortes nicht bekannt gewesen, so der Oberstaatsanwalt. Als "Fisting", "Fisten" oder "Fausten" werden Sexualpraktiken bezeichnet, bei denen die Faust in den After gestoßen werde.

Wolfgang Wellmann, der Vorsitzende des Osnabrücker Stadtsportbundes, meinte, die Betreuer hätten von sexuellen Übergriffen nichts bemerkt. Andere Kinder hätten ihnen nur berichtet, "dass in dem Schlafsaal die Älteren die Jüngeren ärgern". Wellmann sagte: "Ich bin auch entsetzt über die fehlende Empathie der Kinder füreinander."

Eltern sollten vorsichtig sein

Der Präsident des Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, appellierte unterdessen an Eltern, darauf zu achten, mit wem sie ihre Kinder in den Urlaub schicken. Auch bei Reisen mit freien Trägern sollte es selbstverständlich sein, "dass die Leitung eine gute sozialpädagogische Ausbildung, möglichst ein entsprechendes Studium und ausreichende Erfahrung hat", sagte Hilgers der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Bei dem Feriencamp handelte es sich nach Darstellung des Stadtsportbundes Osnabrück um eine Ferienfreizeit, an der 170 Jungen und Mädchen zwischen 8 und 16 Jahren von Ende Juni bis Anfang Juli in Buren auf Ameland teilgenommen hatten. Die Kinder hätten dabei Aktivitäten wie Kutschfahrten, Strandwanderungen oder Strandspiele und auch das Deutsche Sportabzeichen machen können.

söw/AP AP

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