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Missbrauch im Jesuiten-Orden: Immer mehr Fälle, immer mehr Details

Der Missbrauchskandal an Schulen des katholischen Jesuiten-Ordens nimmt immer größere Dimensionen an. Hinweise der Opfer gab es schon kurz nach den Übergriffen Anfang der 80er-Jahre, doch die wurden ignoriert. Die beschuldigten Patres sollen ihr Unwesen zudem auch im Ausland getrieben haben.

Schon vor fast 30 Jahren fanden sich Hinweise über den sexuellen Missbrauch von Schülern an einem Berliner Elitegymnasium in den Akten der Jesuiten. Bereits im Jahr 1981 sei in einem offenen Brief in verklausulierter Form darauf hingewiesen worden, sagte Ordensführer Stefan Dartmann am Montag in Berlin. "Ich schäme mich dafür, dass damals nichts unternommen worden ist", fügte er hinzu.

Dartmann bat nicht nur die mindestens 20 Opfer der sexuellen Übergriffe in Berlin um Entschuldigung für die Missbräuche. "Ebenso bitte ich um Entschuldigung für das, was von Verantwortlichen des Ordens damals an notwendigem und genauem Hinschauen und angemessenem Reagieren unterlassen wurde."

Fälle auch in Mexiko und Chile

An dem Berliner Gymnasium wurden von 1975 bis 1983 mindestens 22 Kinder und Jugendliche missbraucht. Täter waren nach Angaben des Ordens zwei Patres, die als Lehrer arbeiteten. Die Berliner Staatsanwaltschaft prüft die Missbrauchsfälle, hält die Taten aber für verjährt. Das betreffe auch etwaige Vorwürfe an den Jesuiten-Orden wie Strafvereitelung oder unterlassene Hilfeleistung.

Der Pater Provinzial berichtete, die beiden beschuldigten Jesuiten-Pater hätten in den 70er- und 80er-Jahren nicht nur Schüler des Canisius-Kollegs missbraucht. Zu beiden Lehrern fänden sich in den Ordensakten Hinweise auf Fehlverhalten auch an anderen Orten wie Hamburg, St. Blasien, Hildesheim und sogar aus Mexiko, Chile und Spanien.

"Exzessive körperliche Bestrafungsrituale"

Wolfgang S. arbeitete als Deutsch-, Religions- und Sportlehrer von 1975 bis 1984 an Jesuiten-Schulen in Berlin, Hamburg und St. Blasien im Schwarzwald. Danach ging er für den Orden nach Spanien und Chile. 1991 gestand er der Kirchenleitung seine Taten gegen "Zusicherung der Diskretion", weil er aus dem Orden ausscheiden wollte. Laut diesem Geständnis kam es auch zu Missbrauchsfällen in Hamburg und St. Blasien. Dartmann sagte zudem: "Es gibt klare Hinweise in den Akten, dass er bis 1990 auch in Chile und Spanien übergriffig geworden ist." Es habe sich um "exzessive körperliche Bestrafungsrituale" gehandelt.

Der 65-Jährige lebt heute in Chile. Der frühere Lehrer wandte sich laut "Spiegel" nun in einem Brief an seine Opfer. Es sei "eine traurige Tatsache, dass ich jahrelang Kinder und Jugendliche unter pseudopädagogischen Vorwänden missbraucht und misshandelt habe", heißt es in dem Brief.

Opfer wollte sich mit Mordanschlag rächen

Der andere Pater, Peter R., arbeitete von 1972 bis 1981 als Religionslehrer und Jugendseelsorger an dem Berliner Gymnasium, später in Göttingen in der Jugendarbeit, als Seelsorger in Hildesheim und beim dortigen Bischof. "Wann der Missbrauch anfing, wissen wir nicht", sagte Dartmann. 1981 suchten Berliner Schüler in einem offenen Brief an die Schule und die Kirche indirekt Hilfe und kritisierten besonders eine verfehlte Sexualpädagogik.

Dartmann bestätigte, dass auf einen der Lehrer im Jahr 1986 ein Mordanschlag verübt worden sei, den er leicht verletzt überlebt habe. Einer Meldung der "Berliner Morgenpost" zufolge beging der Täter, ein Missbrauchsopfer, anschließend Selbstmord. Beide Jesuiten waren Ende der 80er-, Anfang der 90er-Jahre aus dem Orden ausgeschlossen worden. Einer der beiden Lehrer habe aus Chile geschrieben und seinen Austritt damit begründet, er wolle "dem Teufelskreis von Verfehlungen" entgehen und heiraten.

"Wir glauben den Opfern"

Dartmann sagte, in den Missbrauchsfällen trügen alle Verantwortung, nur die Opfer nicht. "Sie haben sich im Stich gelassen gefühlt." In E-Mails hätten sie darauf hingewiesen, dass die Übergriffe unentdeckt geblieben seien, "weil uns damals niemand geglaubt hätte". Dartmann fügte hinzu: "Wir glauben den Opfern."

Der Rektor des Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes, sagte, es sei "vielleicht ein Skandal", dass die Verjährensfrist bei sexuellen Übergriffen ohne Vergewaltigung nur zehn Jahre betrage. Obwohl er früher Hinweise bekommen habe, sei ihm erst jetzt der "systematische Charakter der Übergriffe klargeworden". Im Jesuitenorden gebe es nur interne Anzeigepflichten. Er frage sich deshalb: "Stimmt unser Verfahren?"

Inzwischen hat der Orden die Rechtsanwältin Ursula Raue beauftragt, die Missbrauchsfälle zu untersuchen. Sie ist die unabhängige Beauftragte der Jesuiten für Missbrauchsfälle. Sie wolle innerhalb der nächsten 14 Tage einen Zwischenbericht vorlegen, sagte Dartmann. Der oberste Jesuit erklärte, seit 1978 habe er rund 1200 Mitbrüder gehabt. Man könne jetzt "nicht auf Verdacht alle Akten durchstöbern" und nach weiteren Missbrauchsfällen suchen. Es gelte vielmehr ein Klima von Aufklärung und Vertrauen zu schaffen. "Die Dinge sind vorgekommen, und ich fürchte, sie werden auch weiter vorkommen", sagte Dartmann.

APN/DPA / DPA