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Missbrauch im Kloster Ettal: "Es gab tägliche Prügelstrafen"

Die dunkle Seite eines Eliteinternats: Über viele Jahre wurden Schüler im Kloster Ettal geprügelt und sexuell missbraucht. Während der Ermittler Details enthüllt, diskutiert der Ort über den Skandal.

Von Malte Arnsperger, Ettal

Vorsichtig lugt die Sonne zwischen den dicken Wolken hervor. Immer wieder schafft sie es, wärmende Strahlen ins Tal zu schicken. Der kräftige Schneefall vom Vormittag hat aufgehört und zur Mittagstunde den Blick frei gegeben auf die weitverzweigte Klosteranlage der Benediktinerabtei Ettal an ihrem Fuße. Eine Stimmung wie nach einem Gewitter. Passend für diesen Tag, an dem auch durch das Innere des rund 600 Jahre alten Klosters ein Gewitter gezogen ist.

"Kinder und Jugendliche wurden in Ettal über Jahrzehnte sexuell, psychisch und physisch misshandelt." Mit diesen Worten fasste Thomas Pfister, der Sonderermittler des Klosters, seinen vorläufigen Abschlussbericht über den Missbrauch in dem bayerischen Eliteinternat zusammen. "Wären die Vergehen nicht verjährt, hätten sie mehrjährige Haftstrafen zur Folge gehabt." Zuvor hatte der Münchner Rechtsanwalt bei der Pressekonferenz im Kloster detailliert aus den zahlreichen Schilderungen der Opfer berichtet, die ihn in den vergangenen Tagen erreicht haben. Sie lassen nur einen Schluss zu: Das Ausmaß der Misshandlungen ist weit größer als bisher angenommen. Rund 100 Schüler beschuldigen mindestens zehn Pater. Die allermeisten Vorfälle haben sich demnach in den siebziger und achtziger Jahren ereignet. Aber noch Ende 2009 soll Pater R. zwei Schülern Kopfnüsse verpasst haben.

Eine späte Entschuldigung

"Es gab tägliche Prügelstrafen", zitierte Pfister aus dem Schreiben eines Mannes, der in den sechziger Jahren das Internat besucht hatte. "Auch Erniedrigungen und Einschüchterungen gehörten zum Alltag, manche Patres waren Sadisten." Ein anderer Ex-Schüler erzählte aus seiner Schulzeit Anfang der 70er Jahre: "Die ersten drei Jahre waren die schlimmsten meines Lebens. Ich wurde mit einem Bambusstock geprügelt und landete auf der Krankenstation." Und ein Alt-Ettaler fasste seine Zeit in dem Kloster so zusammen: "In Ettal herrschte ein Terrorregime."

Neben Pfister saß in seiner schwarzen Kutte Pater Johannes Bauer, der Cellerar (Wirtschaftsverwalter), des Klosters. Während der Ausführungen des Sonderermittlers schloss der Mönch immer wieder für mehrere Augenblicke die Augen und schüttelte stumm mit dem Kopf. Denn nicht nur, dass Pater Bauer viele der beschuldigten Mitbrüder gut kennt. Auch er selber ist Täter. "Ich war in den Jahren 1985 bis 1987 Erzieher im Internat und habe, das muss ich zu meiner eigenen Schande offen sagen, ebenfalls Kinder brutal misshandelt und gedemütigt." Mit Tränen in den Augen fügte er hinzu: "Es tut mir leid und ich bitte alle von ganzem Herzen um Verzeihung."

"Die Gerüchte kannte doch der ganze Ort."

Während unten im Kloster ausgepackt und gebeichtet wird, sitzt Helmut Bartl in seinem Gasthaus am Berghang hinter der Abtei. Der 71-Jährige, dem früher auch ein Busunternehmen gehörte, hat 40 Jahre lang Internatsschüler zu Skiausfahrten ins nahe Garmisch oder ins Museum nach München gefahren. "Ich bin in Ettal geboren und ich möchte, dass hier alles in Ordnung ist. Aber es ist nicht alles in Ordnung." Ganz überraschend seien die aktuellen Enthüllungen für ihn nicht, behauptet der weißhaarige Mann. "Von den Schülern habe ich schon immer mal wieder etwas gehört." Warum er sich mit diesem Wissen nie an die Klosterleitung gewandt hat? "Die Pater haben es doch selber gewusst. Warum soll ich mich da einmischen? Zudem war und bin ich als Dienstleister und Geschäftsmann von denen abhängig." Und außerdem sagt er: "Die Gerüchte über die Geschehnisse im Kloster kannte doch der ganze Ort."

Das sieht Christian R. (Namen geändert) ähnlich. Der wuchtige Mann hat Angst. Angst vor dem langen Arm des Klosters. Deshalb will er unerkannt bleiben. "Schließlich muss ich noch 30 Jahre mit denen zusammenarbeiten." Aber dass bei seinen Geschäftspartnern hinter den Klostermauern in den vergangenen Jahren nicht alles mit rechten Dingen zuging sei auch zu ihm gedrungen, sagt Christian R. "Ich verstehe einfach nicht, warum die Schüler nicht schon früher aufgemuckt haben. Die haben doch sonst die ganze Zeit die Klappe offen."

Eklat auf der Pressekonferenz

Wie schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, es für die Klosterschüler war, sich Gehör zu verschaffen, zeigt der Bericht des Sonderermittlers. Die Mehrzahl der Patres habe zwar nicht selbst geprügelt. Doch durch ihr Schweigen in einem "Klima des Wegsehens" hätten sie den anderen erst einen "rechtsfreien Raum" für ihre Vergehen geschaffen, bilanzierte Pfister. "Ohne eine falsche Solidarität hätten die Taten so nicht passieren können." Zwar lobte Pfister die heutige Klosterführung, die für eine "mustergültige Aufklärung" der Vorfälle sorge. "Das Kloster von heute ist nicht mehr das von gestern." Und auch Pater Johannes versprach: "Wir wollen aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Ein Wegschauen und ein Nicht-Wahrhaben-Wollen darf es bei uns nicht mehr geben."

Dass dieses Vorhaben jedoch schwierig werden könnte, zeigte sich schon bei der Pressekonferenz. Ungefragt nahm der kommissarische Schulleiter Rolf Rall das Mikrofon an sich. Die Kopfnüsse, die Pater R. noch 2009 ausgeteilt habe, seien nur leicht und mehr zum Spaß gewesen. Ermittler Pfister ging vehement dazwischen. Er habe selbst mit den Kindern gesprochen, und diese hätten ihm gesagt, dass die Schläge sehr weh getan hätten und dass sie aus Angst zu Bettnässern geworden seien. Pfister warnte: "Herr Rall, Sie müssen bei der Wahrheit blieben."

Ladenbesitzer Christian R. macht sich angesichts dieser Diskussionen keine Illusionen. "Der Mensch ist ein dummes Wesen. Er lernt doch sowieso nie aus seinen Fehlern." Ja natürlich, sagt der Mann, es habe nun ein reinigendes Gewitter im Kloster Ettal gegeben. "Die Luft ist wieder klar. Aber die müssen aufpassen, dass es in ein paar Tagen nicht wieder muffig riecht."

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