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Missbrauch in der katholischen Kirche: Die Zeit des Schweigens ist vorbei

Endlich reden die Opfer - und stellen die Trutzburg katholische Kirche vor eine existenzielle Herausforderung. Sie muss sich öffnen - allen voran der deutsche Papst.

Von Florian Güßgen, Lutz Kinkel und Manuela Pfohl

Selbst der Chefaufklärer aus dem eigenen Haus zeigte sich am Mittwoch schockiert. Die katholische Kirche werde mit "menschlichen Abgründen in bisher nicht geahntem Ausmaß konfrontiert", schrieb der Trierer Bischof Stephan Ackermann, der Sonderbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für die Aufklärung von Missbrauchsfällen, in einem Brief an die Gläubigen seines Bistums. Die "verbrecherischen Handlungen einiger" verdunkelten das Gesicht der Kirche, schrieb Ackermann.

"Da gibt es Orientierungslosigkeit"

Vermutlich reichen nicht einmal Ackermanns drastische Worte, um das Ausmaß der Krise zu erfassen, in der die katholische Kirche steckt - in Deutschland, aber auch weltweit. Denn der Name der Kirche ist in den vergangenen Wochen zum Synonym geworden für sexuellen Missbrauch, für die Vergewaltigung Schutzbefohlener, für einen brutalen Vertrauensbruch durch diejenigen, die über Jahrhunderte stur ein Selbstbildnis als liebende und fürsorgliche Väter geprägt haben. Von Hamburg bis Ettal - täglich gibt es seit Wochen neue Meldungen aus allen Teilen des Landes, was unter den vermeintlich schützenden Fittichen der Jahrtausende alten Institution geschehen ist. Die Opfer brechen ihr Schweigen. Im Gegensatz zum deutschen Papst.

Aber selbst Benedikt XVI. kann nicht übersehen, dass die Kirche in einer schweren Legitimationskrise steckt. Die Stimmung bei den Gläubigen in Deutschland ist bedrückt, das beobachten auch prominente Vertreter der Laien." Da ist Bestürzung, da ist Fassungslosigkeit, da gibt es Orientierungsschwierigkeiten", sagte etwa Alois Glück stern.de. Glück, lange Jahre eine der zentralen Figuren im Machtgefüge der CSU, ist seit November Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), des wichtigsten Laienverbands der Katholiken. " Wir erleben eine sehr tiefgehende Krise der katholischen Kirche in Deutschland." Dabei ist Deutschland nicht das erste Land, in dem die Kirche durch ihre eigenen Missetaten gleichsam von innen zerfressen wird. Auch in den USA und in Irland sind in den vergangenen Jahren atemberaubende Missbrauchsfälle aufgedeckt worden.

"Wir ahnen noch gar nicht, wie es in anderen Ländern aussieht"

Auch in anderen Ländern könnte die Strategie des eisernen Schweigens aufbrechen, die die Kirche in den vergangenen Jahrzehnten verfolgt hat. "Ich fürchte, wir ahnen noch gar nicht, wie es anderswo aussieht", sagte der Theologe und prominente Kirchenkritiker Eugen Drewermann stern.de. "Nehmen wir nur Länder wie Polen, in denen eine Modernisierung der Kirche wie in Deutschland gar nicht stattgefunden hat, wo alles noch sehr traditionalistisch ist."

Die Gründe für die Missbrauchsfälle mögen vielfältig sein. Sie sind sicher nicht einfach auf den Zölibat zu reduzieren, auf ein vermeintlich schädlich-verklemmtes Verständnis von Sexualität, auf ein vermeintlich repressives Klima in der Kirche, auf eine bisweilen mittelalterlich anmutende Moraltheologie. Und dennoch ist die Kirche - die Deutsche Bischofskonferenz ebenso wie der Vatikan - jetzt gefordert, Aufklärung zu betreiben, auf die Opfer glaubwürdig zuzugehen, neues Vertrauen bei den Gläubigen zu gewinnen. "Die weitere Entwicklung wird stark davon abhängen, wie jetzt gehandelt wird", sagte ZdK-Präsident Glück. "Wenn das zu einer intensiven, offenen und tabufreien Erörterung führt, wäre das sehr hilfreich."

Die Kirche und das Krisenmanagement

Wie genau dieser offene Umgang auszusehen hat, ist jedoch strittig. Muss die Kirche den Opfern finanzielle Entschädigungen zahlen, wie es etwa Drewermann fordert. Muss die Kirche einen Entschädigungsfonds einrichten, wie ihn die Grünen wollen. Muss die Kirche den Zölibat lockern oder ihn sogar ganz abschaffen? Und wie soll die Kirche die Aufklärung betreiben? Reicht es, wenn sie, wie mit Ackermann, einen der ihren zum Aufklärer kürt, oder muss sie, wie es einige fordern, jemanden von außen einsetzen?

Die deutschen Bischöfe haben gelobt, volle Aufklärung zu betreiben. Entscheidend dürfte dennoch sein, welche Linie der Papst vorgibt, wenn er sich denn einmal äußert. Am Freitag, so hieß es am Mittwoch aus dem Vatikan in Rom, wolle Benedikt XVI. den Hirtenbrief an die irischen Bischöfe unterzeichnen, in denen er möglicherweise seine Haltung zu den Missbrauchsfällen in Irland beschreibt. Ob er sich darin auch zu den deutschen Fällen äußert, ist ungewiss. Der kritische Theologe Hans Küng hat am Mittwoch per Gastbeitrag in der "Süddeutschen Zeitung" eine Entschuldigung des Pontifex gefordert, ein "Mea Culpa."

Die katholische Kirche, diese mystische, uralte Institution, muss zeigen, dass sie das moderne Krisenmanagement beherrscht. Sie muss einen Kulturbruch hinnehmen - und das als ihre einzige Chance begreifen. Die Zeit des Schweigens ist vorbei.

Von:

Manuela Pfohl und