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Missbrauch in der katholischen Kirche: ZdK-Präsident fordert Diskussion um den Zölibat

Welche Konsequenzen zieht die Kirche aus den Missbrauchsfällen? Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, fordert eine Auseinandersetzung mit dem Thema Sexualität und hält auch eine Lockerung des Zölibats für denkbar.

Angesichts der Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen hat Alois Glück, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), eine Lockerung des Zölibats ins Gespräch gebracht. Die Kirche müsse "Konsequenzen struktureller Art ziehen und dabei reflektieren, ob es kirchenspezifische Bedingungen gibt, die den Missbrauch begünstigten", sagte Glück der "Süddeutschen Zeitung". "Dazu gehört zweifellos eine Auseinandersetzung mit dem ganzen Thema Sexualität, angefangen vom Umgang damit bis hin zur Auswahl des kirchlichen Personals." Die Lockerung des Pflichtzölibats - der Ehelosigkeit von Priestern - sei "ein Weg", sagte Glück. Allerdings sei damit das Problem nicht gelöst. Papst Benedikt XVI. hat die Ehelosigkeit von Priestern bereits am Freitag verteidigt. Der "heilige Zölibat" sei ein "kostbares Geschenk" und "Zeichen der vollständigen Hingabe" an Gott. Die Kirche müsse an der Besonderheit des Priesteramtes festhalten und sich nicht den Moden der säkularisierten Gesellschaft unterwerfen.

ZdK-Präsident Glück forderte, dass die Kirche nun den "Willen zur vorbehaltlosen Aufklärung" der Missbrauchsfälle beweist. Oberstes Gebot müsse sein, die Opfer in den Mittelpunkt zu stellen und nicht zu versuchen, durch Schweigen das Ansehen der Kirche zu schützen. Glück sagte: "Wer hier nicht mitgeht, gefährdet die Glaubwürdigkeit der Kirche, oder anders ausgedrückt: Er versündigt sich an den Opfern und der Kirche." Die Welle an Missbrauchsfällen nannte der ZdK-Präsident einen Albtraum: "Es ist die schwerste Belastung unserer Kirche, seit ich denken kann."

Erzdiözese räumt schwere Fehler ein

Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche hatte am Freitag endgültig den deutschen Papst Benedikt XVI. erreicht. Erst hörte Joseph Ratzinger im Vatikan "tief erschüttert" den Bericht der deutschen Bischöfe über sexuelle Übergriffe. Dann wurde ein gravierender Fall aus seiner Amtszeit als Erzbischof von München und Freising bekannt: Wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, wurde ein vorbelasteter katholischer Priester 1980 nach Bayern versetzt und wieder in eine Gemeinde geschickt. Dort verging er sich erneut an Jugendlichen, 1986 wurde er verurteilt. Ratzinger soll dem Umzug des Mannes von Essen nach München zugestimmt haben, jedoch nicht dem Einsatz in einer Gemeinde. Die Erzdiözese bestätigte den "SZ"-Bericht und räumte schwere Fehler ein.

Das Bistum München und Freising teilte mit, dass der frühere Generalvikar Gerhard Gruber die "volle Verantwortung" übernehme. Vatikansprecher Federico Lombardi schloss sich der Darstellung an und betonte, der heutige Papst selbst "habe mit der Sache nichts zu tun".

Die meisten Deutschen haben derweil das Vertrauen in die Kirche und ihre Jugendarbeit verloren. Das ergab eine Emnid-Umfrage mit 1000 Befragten für den Nachrichtensender N24. Demnach werfen 86 Prozent der Bürger der Kirchenführung mangelnde Aufklärungsbereitschaft vor.

DPA/AFP / DPA