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Missbrauchsfälle: Kirche soll Opfer finanziell entschädigen

Kaum ein Tag vergeht derzeit, ohne dass neue Missbrauchsfälle an kirchlichen oder weltlichen Schulen bekannt werden. Politiker fordern nun, die Opfer zumindest finanziell zu entschädigen.

Führende Politiker der Bundesregierung und der Opposition haben die katholische Kirche und weltliche Einrichtungen aufgerufen, in einem Akt symbolischer Wiedergutmachung die Opfer sexuellen Missbrauchs finanziell zu entschädigen. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) forderte die katholische Kirche in der "Süddeutschen Zeitung" zudem abermals auf, die Aufklärung der Missbrauchsfälle konsequenter anzugehen als das bisher geschehen sei.

Vor allem Mitglieder der christlichen Parteien fordern zudem schärfere Gesetze, um künftig auch in jahrzehnte-alten Missbrauchsfällen die Täter bestrafen zu können. Die zivilrechtlichen Verjährungsfristen sollten verlängert werden, sagte Leutheusser-Schnarrenberger der "Passauer Neuen Presse". Forderungen nach einer Verlängerung der strafrechtlichen Verjährungsfristen sieht sie dagegen skeptisch. Der Parlamentarische Staatssekretär in ihrem Ministerium, Max Stadler (FDP), äußerte sich in einem Gespräch mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" ähnlich. Die regelmäßige Verjährungsfrist von drei Jahren für Ansprüche auf Schmerzensgeld und Schadenersatz sei deutlich zu kurz. Der FDP-Rechtsexperte Hartfrid Wolff will die Verjährungsfrist für Ersatzansprüche daher auf 30 Jahre anheben.

Kinderhilfe: Verjährung ganz abschaffen

Auch CDU und CSU zeigen sich offen für längere Verjährugsfristen. Viele Opfer seien erst nach vielen Jahren in der Lage, sich mit ihrem Leid auseinanderzusetzen, sagte CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe. CSU-Chef Horst Seehofer und seine Justizministerin Beate Merk sprachen sich wie Wolff für eine längere Verjährungsfrist von mindestens 30 Jahren aus. Bislang liegt die Frist bei 10 Jahren, in besonders schweren Fällen bei 20 Jahren - gerechnet vom 18. Geburtstag des Opfers an.

Ministerin Leutheusser-Schnarrenberger ist in dieser Frage allerdings weiter skeptisch: "Ich glaube nicht, dass es das Allheilmittel ist." Der Deutsche Kinderschutzbund reagierte ebenfalls zurückhaltend auf längere Verjährungsfristen. "Es hilft jetzt keinem Kind", sagte Kinderschutzbund-Präsident Heinz Hilgers.

Die Deutsche Kinderhilfe forderte, Verjährungsfristen ganz abzuschaffen. Ihr Vorsitzender, Georg Ehrmann, verwies im Fernsehsender N24 darauf, dass Mörder und NS-Verbrecher mit lebenslanger Verfolgung fürchten müssten. "Gleiches sollte für Sexualstraftäter gelten, deren Opfer lebenslang unter den Taten leiden."

Weitere Fälle in diakonischer Einrichtung

Angesichts der zahlreichen Missbrauchsfälle, die in den vergangenen Wochen bekannt geworden sind, will Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) ab dem 23. April einen Runden Tisch einrichten. Die Deutsche Bischofskonferenz begrüßte diesen Plan und will sich an den Gesprächen beteiligen. Papst Benedikt XVI. wird sich am Freitag die Hintergründe vom Vorsitzenden der Bischofskonferenz, dem Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, berichten lassen. Bis dahin hält sich der Vatikan wahrscheinlich bedeckt.

Nachdem Missbrauchsfälle bei den Regensburger Domspatzen bereits für weltweites Aufsehen sorgen, erreicht der Skandal nach Informationen der "Nassauischen Neuen Presse" jetzt auch die Limburger Domsingknaben. Ein ehemaliges Chormitglied habe Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst angeschrieben und ihm von Übergriffen des damaligen Dirigenten zwischen 1967 und 1973 berichtet. Der beschuldigte Domkapellmeister und Priester ist 2002 gestorben.

Konkrete Hinweise auf Misshandlungen gibt es nun auch aus einer diakonischen Einrichtung in Nordrhein-Westfalen. Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf ermittelt gegen 17 ehemalige Mitarbeiter eines Tochterunternehmens der Graf-Recke-Stiftung, eine der ältesten diakonischen Einrichtungen Deutschlands. Der Staatsanwalt bestätigte einen entsprechenden Bericht der ARD-"Tagesschau". Bei den Ermittlungen gehe es um Misshandlung Schutzbefohlener, Freiheitsberaubung und Nötigung unter anderen autistischer Kinder bei der Stiftungstochter Educon, die Schulen für behinderte und verhaltensauffällige Kinder betreibt.

Die Vorwürfe seien der Geschäftsführung im Sommer 2009 bekanntgeworden. Daraufhin sei Anzeige bei Staatsanwaltschaft Düsseldorf und dem Landesjugendamt erstattet worden, teilte die Stiftung am Montagabend mit. Die betroffenen Mitarbeiter und die Bereichsleitung seien zunächst vom Dienst suspendiert worden, ihnen wurde später gekündigt, hieß es. Der Staatsanwalt sprach von einem "extrem rüden Umgang" mit den Kindern. Grundlage der Ermittlungen seien unter anderem zahlreiche Videos, auf denen der Umgang gefilmt worden sei: "Die Bilder sind teilweise extrem erschreckend", sagte er. Die Ermittlungen würden Monate dauern. Zu den konkreten Vorwürfen wollte sich ein Sprecher der Stiftung nicht äußern.

Neue Ermittlungen an der Odenwaldschule

Die reformpädagogische Odenwaldschule entschuldigte sich unterdessen öffentlich für die Vergehen in den Siebziger- und Achtzigerjahren in ihrem Haus. "Das Leid können wir nicht mehr gutmachen", sagte die Direktorin des Internats in Heppenheim, Margarita Kaufmann. Sie rief betroffene Schüler der Jahre 1970 bis 1985 auf, sich zu melden. Die Schule will dazu auch eine Hotline einrichten. Die Direktorin hat drei Lehrer als mutmaßliche Täter in Verdacht.

Insgesamt seien bislang 24 Missbrauchsfälle bekannt, unter den Opfern sei eine Frau, wie Kaufmann sagte. "Ihre Erfahrungen waren so schlimm, dass sie am Telefon weinte." Vorwürfe gegen den früheren Schulleiter des Internats gab es schon 1998. Ein Jahr später wurde Anzeige erstattet. Die Staatsanwaltschaft Darmstadt stellte seinerzeit das Verfahren wegen Verjährung ein. Am Montag kündigte die Behörde an, erneut gegen Lehrer ermitteln zu wollen. Es sei nicht auszuschließen, dass es auch nicht-verjährte Übergriffe gebe.

DPA/AP/dho / AP / DPA