Missbrauchsfall Marcos endloses Warten


Schon eineinhalb Jahre wird in der Türkei gegen den deutschen Schüler Marco Weiss wegen Missbrauchs verhandelt, Mittwoch ist der nächste Termin. Nun hat sich die Familie an die Medien gewandt. Sie kritisiert den Anwalt des angeblichen Opfers scharf – und berichtet über Marcos schwierigen Weg in ein normales Leben.
Von Malte Arnsperger

Sein Schicksal beherrschte im Jahr 2007 monatelang die Schlagzeilen: Marco Weiss. Der Schüler aus dem niedersächsischen Uelzen soll im türkischen Badurlaub ein damals 13-jähriges britisches Mädchen sexuell missbraucht haben. Rund 250 Tage saß der heute 18-Jährige im türkischen Gefängnis, während sein Prozess lief. Nach seiner Haftentlassung im Dezember 2007 war es ruhig geworden um ihn. Doch nun wird ein neues Kapitel im anscheinend nicht enden wollenden Verfahren gegen Marco Weiss aufgeschlagen. Am kommenden Mittwoch wird sich das Gericht in Antalya wieder mit dem Fall beschäftigen. "Unsere Familie wartet auf ein Ende im Prozess um Marco", heißt es in einer am Samstag verbreiteten Pressemitteilung der Familie Weiss. "Es ist für uns sehr belastend, dass die Entscheidungsfindung des Gerichts derart viel Zeit in Anspruch nimmt. Wir leiden unter der andauernden Ungewissheit, die das bisherige Ausbleiben eines Urteils mit sich bringt."

Marco Weiss soll im April 2007 die 13-jährige Charlotte nach einem Diskobesuch missbraucht haben, laut des Anwalts des Mädchens war es sogar eine Vergewaltigung. Marco bestreitet die Vorwürfe und spricht von einvernehmlichen Zärtlichkeiten auf Charlottes Zimmer. Der Prozess gegen Marco Weiss hatte im Juli 2007 begonnen, war aber immer wieder vertagt worden. Die lange Dauer der Untersuchungshaft für den Schüler hatte in Deutschland zu erheblichem Protest geführt. Selbst der Außenminister und die Kanzlerin hatten sich eingemischt. Die überraschende Freilassung Marcos im Dezember hatte das türkische Gericht damit begründet, dass die Beweisaufnahme vorerst abgeschlossen werden konnte.

Gutachten kaum zu erstellen

Laut eines ärztlichen Gutachtens wurden zwar Spermien in Charlottes Köper gefunden, dass Jungfernhäutchen war aber intakt. Charlotte hatte in einer Vernehmung auch angegeben, es sei nicht zu einer Penetration gekommen. Doch das Gericht in Antalya wollte diesen entscheidenden Punkt noch mal genau untersucht wissen. Gerichtsmediziner aus Istanbul wurden damit beauftragt, ein Gutachten zu einer möglichen Vergewaltigung und eventuellen psychischen Langzeitschäden von Charlotte zu verfassen. Nun liege eine Antwort aus Istanbul vor, sagte Ahmet Ersoy, der türkische Anwalt von Marco Weiss, zu stern.de. In dem Schreiben machen die Gerichtsmediziner nach Angaben Ersoys klar: Ohne Charlotte selber zu untersuchen, ist kein Gutachten möglich.

Auf genau diesen Umstand macht auch die Familie von Marco aufmerksam und kritisiert gleichzeitig heftig Ömer Aycan, den Anwalt von Charlotte. "Mit Verwunderung nehmen wir zur Kenntnis, auf welche Art und Weise der Anwalt der Gegenseite ein weiteres Mal seinem Verständnis anwaltlicher Seriosität öffentlich Ausdruck verleiht", heißt es in der Erklärung. Aycan hatte vor einigen Wochen mitgeteilt, der Prozess ziehe sich deshalb in die Länge, weil eine Akte zum Zustand Charlottes immer noch nicht eingetroffen sei. Dazu die Familie Weiss: "Aycan versäumt es zu erwähnen, dass das von der Kammer beantragte Obergutachten auf Basis der vorhandenen Beweislage nicht erstellt werden kann. Auf Grundlage der eingereichten Unterlagen wird es kein Gutachten geben." Wie es nun weitergeht, ob das Gericht am Mittwoch den Fall erneut vertagt oder ob es endlich zu einem Urteil kommt, vermag der Anwalt von Marco, Ahmet Ersoy, nicht vorherzusagen. "Das Gericht muss jetzt entscheiden. Es könnte auch einen Freispruch geben. Das ist, was wir erwarten."

"Wollen eine Verurteilung erreichen"

Ömer Aycan, Anwalt von Charlotte, will davon nichts wissen. Er gehe von einer erneuten Vertagung des Prozesses aus, sagte er stern.de. "Wir wollen eine Verurteilung erreichen. Wir gehen nach wie vor von einer Vergewaltigung aus", so Aycan. Seine Mandantin werde aber keinesfalls in die Türkei reisen. Zum Zustand von Charlotte wollte Aycan nichts sagen. Auch zu dem Schreiben der Gerichtsmediziner wollte er sich nicht äußern. Das Vorgehen Aycans sorgt bei Familie Weiss für Kopfschütteln: "Für mich ist es unerträglich, mit ansehen zu müssen, wie dieser Mann zu Lasten meines Sohnes Profilierung betreibt", sagt Ralf Jahns, Marcos Vater. "Sein Verhalten ist wieder einmal der Prozesstaktik geschuldet, Marco als skrupellosen, gewalttätigen Vergewaltiger darzustellen."

Marco selber muss nicht zu dem Prozesstermin am Mittwoch erscheinen. Der 18-Jährige, dem es "den Umständen entsprechend befriedigend" gehe, hoffe "inständig" auf einen baldigen Freispruch, "damit die Belastung der monatelangen Ungewissheit von ihm abfällt", teilt seine Familie mit. "Der Prozess ohne Urteil hindert ihn daran, vollständig in ein für ihn normales Leben zurückzukehren."

Der Vater ist schwer krank

Nach Angaben der Familie wird Marco das letzte Schuljahr wiederholen, auch weil es ihm erst im Januar 2008 möglich gewesen sei, in das laufende Schuljahr einzusteigen. Die Geschehnisse in der Türkei scheint Marco noch längst nicht verarbeitet zu haben, Marco habe die Zeit seit seiner Freilassung genutzt, um in "langen vertrauensvollen Gesprächen über seine Erlebnisse und die daraus folgenden Ängste zu berichten, weil er feststellen konnte, dass das Reden ihm hilft, sein Trauma ein Stück weit zu verarbeiten", heißt es von Seiten der Familie Weiss.


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