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Stiefvater legt Geständnis ab: Missbrauchsfall von Staufen: Ein Tsunami an grausamen Details

Mit einem Geständnis des Stiefvaters hat der Hauptprozess um den Missbrauchsfall von Staufen begonnen. Was Christian L. über seine zahllosen Vergehen an unschuldigen Kindern zu berichten hat, ist kaum zu ertragen. Nur offenbar nicht für Berrin T.

Von Ingrid Eißele

Baden-Würtemberg, Freiburg: Die wegen Kindesmissbrauchs angeklagte Mutter sitzt in einem Saal des Landgerichts.

Baden-Würtemberg, Freiburg: Die wegen Kindesmissbrauchs angeklagte Mutter sitzt in einem Saal des Landgerichts.

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Sie hat das wirre, dünne Haar zu einem kleinen Zopf am Hinterkopf gebunden, schmucklos, mit einfachem Gummi. Den Kopf hält Berrin T. gesenkt, über Stunden hinweg, während die beiden Staatsanwältinnen die Anklage verlesen, einen ganzen Vormittag lang - es ist ein Tsunami an grausamen Details, die über diesen gesenkten Kopf mit dem seltsam kindlichen Zöpfchen hinwegbranden, ohne dass sich irgendeine Regung im Gesicht von Berrin T. zeigen würde.

Berrin T., eine der beiden Hauptangeklagten im Prozess um den im badischen Staufen,  sagt kein einziges Wort an diesem ersten Prozesstag. Sie sei bereit, auszusagen, aber nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit, erklärt ihr Anwalt. Schließlich gehe es um intimste Dinge, um ihr Sexualleben.

Dass die Öffentlichkeit dennoch einiges über sie erfuhr, das liegt am zweiten Angeklagten, Christian L., der ausführlich erzählte.

Seine sexuellen Interessen hat er ihr nie verschwiegen

Christian L. lernte die acht Jahre ältere Frau 2015 in kennen, beide arbeiteten bei der "Tafel". "Mich hat ihre Art beeindruckt, sich nichts gefallen zu lassen." Er habe ihr erzählt, dass er bis 2014 im Knast saß, wegen Missbrauchs von Kindern. Sie habe sich davon nicht erschrecken lassen - schließlich habe er für seine Taten gebüßt.

Einen Monat später, erzählt L., habe sie ihn zu sich nach Hause eingeladen. "Ich war nur an einer freundschaftlichen Beziehung zu ihr interessiert." Bald besucht L. die Kollegin jeden Tag. Es sei ihr um Nähe gegangen, um Kuscheln, im Arm halten. "Sie wollte, dass ich sie abends nicht verlasse." Ihr damals siebenjähriger Sohn sei anfangs zurückhaltend gewesen, dann aber aufgetaut.

Seine sexuellen Interessen habe er ihr nie verschwiegen. An Kindern.

Willige Helferin

Berrin T. kümmert sich Anfang 2015 manchmal um die kleine Tochter einer Bekannten. Berrin T. habe abgelehnt, dass er sich an ihrem Sohn vergreift, deshalb wird die dreijährige Tochter der Bekannten das erste Opfer.  "Ich habe Druck gemacht", räumt L. ein. Er habe gedroht, dass er sonst nicht mehr komme. Anfangs habe er Berrin T. noch aus dem Zimmer geschickt. Doch dann wird sie zur willigen Helferin, die das Kind "vorbereitet". 

Einmal fesselt sie das entwicklungsverzögerte Mädchen mit Handschellen auf dem Rücken, während sich L. an dem weinenden Kind vergeht. Es ist eine Arbeitsteilung, die das Paar bald perfektionieren wird. Vorbereiten, missbrauchen, filmen. Als die des Mädchens ihr Kind nicht mehr bringt - es fällt durch sein sexualisiertes Verhalten im Kindergarten auf, die Mutter schöpft Verdacht, Berrin T. bestreitet vehement jede Verantwortung - verlangt der Freund das nächste Opfer. Den Jungen. "Nach einer Weile hat sie zugestimmt", sagt L. unter der Bedingung, "dass ich ihm auf keinen Fall weh machen soll."

"Wenn ich Kaffee wollte, ist sie gerannt"

Warum wurde Berrin T. zur Täterin? Hatte sie ein eigenes sexuelles Interesse? "Sie hat das zwar gesagt, aber wahrscheinlich nur, um mir zu imponieren", sagt L. Sie sei ihm hörig gewesen, behauptet er. Es sei schlimm, "dass Frau T. alles verloren hat".

Christian L. wirkt sichtlich bemüht, sie zu entlasten. Das zeigt Wirkung bei Berrin T. Während er über sie spricht, wendet sie ihm das Gesicht zu, es wirkt offen, verletzlich.

Eifersüchtig sei sie gewesen. Und stets um sein Wohl besorgt. "Wenn ich Kaffee wollte, ist sie gerannt." Wenn er Sex mit Kindern wollte, auch. Sex gab es nicht in dieser Beziehung, nur einmal. Als der Junge in einer Pflegefamilie war.

Wer die wichtigste Person in seinem Leben sei, fragt die Staatsanwältin den Angeklagten. Er zögert einen Moment. Dann sagt er: Seine beste Freundin. Ramona.  Da senkt Berrin T. wieder den Kopf.