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50 neue Verdächtige, 2000 Beweisstücke Missbrauchskomplex von Bergisch Gladbach wird immer größer – Ermittler machen Kampfansage an die Täter

Kriminaldirektor Michael Esser ermittelt zum Missbrauchskomplex von bergisch Gladbach
Kriminaldirektor Michael Esser leitet die Besondere Aufbauorganisation "Berg", die im sogenannten Missbrauchskomplex von Bergisch Gladbach ermittelt
© Roland Weihrauch / DPA
"Kein Beteiligter soll noch ruhig schlafen können" – Polizei und Staatsanwaltschaft kündigen nach bundesweiten Durchsuchungen im Missbrauchskomplex von Bergisch Gladbach ein weiterhin entschiedenes Vorgehen gegen die Kriminellen an.

Die Zahl der Beschuldigten im sogenannten Missbrauchskomplex von Bergisch Gladbach wächst und wächst – und sie wird weiter wachsen, sind sich die Behörden sicher.

Nach den jüngsten Razzien gibt es nun insgesamt 207 namentlich bekannte Verdächtige. Polizei und Staatsanwaltschaft hatten am Dienstag bundesweit 60 Objekte durchsucht und dabei allein 50 Beschuldigte ins Visier genommen. Ihnen werde der Besitz und die Verbreitung kinderpornografischen Materials vorgeworfen, sagte Ermittlungsleiter Michael Esser am Tag nach dem Zugriff im Polizeipräsidium Köln. Es gebe zwar keine Hinweise darauf, dass die neuen Beschuldigten selbst Kindern sexuelle Gewalt zugefügt hätten, aber Esser betonte: "Jedes Bild bedeutet auch ein Missbrauchsopfer." Eine Verharmlosung des Delikts akzeptiere die Polizei nicht.

Polizei stellt mehr als 2000 Beweisstücke sicher

Insgesamt haben die Beamten bei dem koordinierten Durchsuchungen mehr als 2000 Asservate sichergestellt, darunter Handys und Tablets, aber auch ganze Server mit Darstellungen sexueller Gewalt an Kindern, und zwei Tresore, die nun geöffnet werden müssen. Die Auswertung der Beweismittel werde viel Zeit in Anspruch nehmen, hieß es.

An der Aktion waren rund 1000 Beamte beteiligt, alle Bundesländer – mit Ausnahme des Saarlandes, von Thüringen, Berlin und Hamburg – waren betroffen. Schwerpunkte waren Bayern und Nordrhein-Westfalen gewesen. Auch Spezialeinheiten für Festnahmen und Observationen waren den Angaben zufolge im Einsatz. Sie sollten durch besonders schnelle Zugriffe dafür sorgen, dass Beschuldigte ihre Smartphones nicht im letzten Augenblick sperren oder Daten verschlüsseln.

Den neuen Verdächtigen sind die Ermittler durch die Auswertungen von Messenger-Chats auf die Spur gekommen. In ihnen seien die Bilder und Videos getauscht worden. "Wir haben in Zusammenarbeit mit dem Betreiber des Messenger-Dienstes nach einem richterlichen Beschluss Informationen bekommen." Diese Daten seien anschließend in "kriminalistischer Kleinarbeit" aufgearbeitet worden, um die Teilnehmer der Chats eindeutig namentlich zu identifizieren.

Es sind Ermittlungen riesigen Ausmaßes – extrem belastend, extrem fordernd, extrem personalintensiv. Und doch verspricht Ermittlungsleiter Esser: "Wir geben den Kampf gegen Pädokriminelle nie auf." Der jüngste Erfolg dürfte jedoch weiterhin nur die Spitze des Eisbergs sein, nachdem die Ermittler kürzlich mitgeteilt hatten, dass sie rund 30.000 Hinweisen auf weitere Verdächtige nachgehen. "Wir nutzen dabei alle technischen und rechtlichen Möglichkeiten", kündigte Esser an, "wir werden die Anonymität der Chats aufhellen." Er und seine Kollegen setzten immer mehr Puzzleteile zusammen. Es gehe darum, dass Leiden missbrauchter Kinder so schnell wie möglich zu beenden. Niemand, der Missbrauch begehe oder an Bildern davon Gefallen finde, solle noch ruhig schlafen können.

Ermittlungen im Fall Bergsich Gladbach laufen seit einem Jahr

Die 50 neuen Verdächtigen – 48 Männer und zwei Frauen – stellen laut Esser "einen Querschnitt der Gesellschaft" dar. Sie seien nach Abschluss der erkennungsdienstlichen Maßnahmen zunächst allesamt wieder auf freien Fuß gesetzt worden.

Im Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach geht es um ein Netzwerk aus Pädokriminellen, die Kinder missbrauchten und untereinander in Chats Missbrauchsdarstellungen austauschten. Das Netzwerk wurde vor knapp einem Jahr bei Ermittlungen gegen einen Mann aus Bergisch Gladbach entdeckt, daher kommt die Bezeichnung.

Seither laufen großangelegte Auswertungen. Es gab in dem Fall bereits erste Urteile. Vor dem Kölner Landgericht begann kürzlich auch der Prozess gegen den 43-Jährigen, bei dem der gesamte Fall seinen Ausgang genommen hatte. Im Haus des Familienvaters in Bergisch Gladbach hatten Ermittler im vergangenen Oktober Unmengen kinderpornografischer Daten gefunden.

mit Material von AFP und DPA

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