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Missbrauchsprozess: Der Vater - "ein pädophiles Stück"

Der Inzestfall Detlef S. schockiert nicht nur den Westerwald. 350 Taten umfasst die Anklageschrift. Zum Prozessauftakt geriet ein Brief seiner Tochter zu einer Abrechnung voller Hass.

Von Uta Eisenhardt, Koblenz

Im Landgericht Koblenz herrscht der Ausnahmezustand. Seit Montagabend postieren sich vor dem Gerichtsgebäude die Fernsehübertragungswagen. Wenige Stunden später drängeln sich Dutzende Journalisten vor dem Sitzungssaal 128. Dort verhandelt die 4. Große Strafkammer einen ungeheuerlichen Fall von sexuellem Missbrauch von Kindern und Förderung sexueller Handlungen Minderjähriger.

"Herr Detlef S., das sind Sie?", fragt der Vorsitzende Richter Winfried Hetger den Angeklagten. Er blickt dabei auf einen kleinen, schmallippigen Mann mit Brille. Grotesk wirkt der 48-Jährige in seinem weinroten Sakko, das ihm mehrere Nummern zu groß ist. Das doppelreihige Ausgehstück scheint ebenso wie der wild gemusterte Schlips ein Überbleibsel aus den 80ern zu sein. Dieser Winzling soll der "Fritzl aus Deutschland" sein, wie ihn die "Bild" getauft hat?

Später hat eine Psychiaterin von der Uniklinik Bonn auf dem Gerichtsflur eine Erklärung parat: Der schmächtige, arbeitslose Kraftfahrer aus Fluterschen muss sich im realen Leben so wert- und machtlos gefühlt haben, dass er sich ein Paralleluniversum schuf, in dem er "sich potent und wichtig erlebte".

Anklageschrift listet 350 Taten auf

Schon im trockenen Juristen-Deutsch erschrecken die 350 Taten, die Staatsanwalt Thorsten Kahl auflistet: Natascha S. und ihr Zwillingsbruder Björn B. waren gerade mal vier, fünf Jahre alt und lagen im Bett des Stiefvaters, als der die Geschlechtsteile der Kinder gestreichelt und gesagt habe: "Das tut nicht weh. Ihr werdet sehen, das tut gut!" Auch im Mai 1995, an Nataschas 12. Geburtstag, soll er sie zwischen den Beinen gestreichelt und gesagt haben, als Vater dürfe er das.

Drei Wochen später dann war Nataschas Kindheit endgültig zu Ende. Detlef S. fuhr mit seiner Stieftochter ins Nachbardorf Straßenhaus - zu Ali und Mustafa. Die sollen dem Kind Schnaps gegeben haben. Ali habe es dann vergewaltigen dürfen, für einen Preis von 40 D-Mark. Fortan sollen die beiden türkischen Freier ihre Kindheit und Jugend begleitet haben - mindestens zwei Mal im Monat sei ihr Stiefvater mit ihr dorthin gefahren.

Überdies habe er sie mindestens einmal monatlich selbst missbraucht. Acht Kinder entstanden aus dieser Verbindung, eines starb. Bei der Geburt des ersten Kindes im Jahre 2000 war Natascha 17 Jahre alt. Der Jüngste wurde 2009 geboren.

Vaterschaft ja, Missbrauch nein

Lange leugnete Detlef S. seine Vaterschaft. Selbst im Landgericht behauptet er zunächst, er habe nur vier leibliche Kinder. Nachdem ein biologisches Gutachten verlesen wurde, das dem Angeklagten eine 99,999-prozentige Vaterschaft bescheinigt, erklärt sein Verteidiger: "Er ist der Vater der sieben Kinder der Nebenklägerin." Alle weiteren Vorwürfe aber weise Detlef S. zurück.

Er bestreitet damit auch die 323 Taten zu Lasten seiner Tochter Jasmin. Laut Anklage habe er kurz nach ihrem neunten Geburtstag zunächst vergeblich versucht, das Mädchen zu vergewaltigen. Drei Jahre später soll es ihm dann auf dem Autorücksitz gelungen sein: Das Flehen und Schreien seiner Tochter hätten ihn nicht abgehalten. Einmal wöchentlich, so der Staatsanwalt, vergriff sich der Angeklagte nun an seiner Tochter.

Auch Jasmin sei an Ali und Mustafa verkauft worden, außerdem noch fünf Mal an den Dönerladenbetreiber Sevkit A. Letzterer muss sich ab dem 18. März vor dem Amtsgericht Betzdorf verantworten. Ali ist inzwischen verstorben, der Termin für den Prozess gegen Mustafa vor dem Landgericht Koblenz steht noch nicht fest.

Abschiedsbrief voller Wut und Trauer

Jasmin war es, die den Fall endlich ins Rollen brachte. Dabei wollte sie den Vater gar nicht anzeigen. Sie wollte nur nicht aus dem Haus ziehen, ohne ihren Angehörigen mitzuteilen, was der Vater "abgezogen" habe. "So mein lieber Papa, wenn man dich je so nennen konnte." Mit diesem Satz beginnt ein Brief, den die 18-Jährige bei ihrem Auszug hinterließ. Auch Natascha S. las diesen Brief und übergab ihn dem Jugendamt.

Es ist ein Brief voller Wut und Trauer. Die junge Frau bezeichnet den Vater darin als "krankes, pädophiles Stück Scheiße", den "nur das Geld interessiert" habe. Etwa die Entschädigung, die ihr nach dem Unfall gezahlt wurde: "Die hat Papi schön verprasst." Die Familie aber, vor allem die Mutter, solle aufhören, zu träumen. "Denkt mal nach, Leute! Warum wollte ich nie bei ihm oben im Schlafzimmer übernachten", fragt die Briefschreiberin.

Jahrelang habe der Vater behauptet, er fahre mit der Tochter zum Kieferorthopäden, wenn er sie wieder zu Ali und Mustafa brachte. "Er hat mich gezwungen und mich erpresst. Der kranke Herr hat Geld bekommen, nachdem ich die Bastarde vögeln musste." Sie wolle die Familie nicht zerstören und ihren Vater nicht anzeigen. "Natascha, nimm dir deine beiden Töchter mal vor. Ich will, dass sie Kind bleiben dürfen und nicht kaputt gemacht werden."

Urteil fällt vielleicht schon kommende Woche

Nun sind die Taten gegen die 28-jährige Natascha zum Großteil verjährt: Nur 25 Übergriffe, die in einer Zeit geschehen sein sollen, als die Stieftochter noch nicht 14 Jahre alt war, können noch strafrechtlich verfolgt werden. Der große Rest aber, als das Mädchen 14 bis 18 Jahre alt war, verjährte bereits 2006 - fünf Jahre nach Nataschas 18. Geburtstag. Auch die Zeugung der acht Kinder kann von der Justiz nicht geahndet werden: Es handelt sich dabei weder um Inzest, da sie keine leibliche Tochter ist, noch - soweit bislang bekannt - um eine Vergewaltigung.

Und die Prügel mit der Bundeswehrkoppel, dem Teppichklopfer und der selbst gebauten Lederpeitsche? "Wenn man nach Hause kam, bekam man erst einmal eins mit dem Knüppel ins Gesicht", so schildert Markus S., 32-jähriger Stiefsohn des Angeklagten, sein Leid auf dem Gerichtsflur. Er sei geschlagen und unterdrückt worden, habe seinen Lohn bei Detlef S. abgeben müssen, sagt der junge Mann mit den traurigen Augen. Missbraucht wurde er nicht.

Sollte sich die Justiz jemals für seine Verletzungen und die seiner Angehörigen interessieren, würde Markus sicher gegen den Stiefvater aussagen. Doch angesichts der 15 Jahre Haft, die dem Angeklagten maximal drohen, falls das Gericht den schweren sexuellen Missbrauch an seinen Kindern feststellt, fällt die erwartbare Strafe für die gefährliche Körperverletzung so gering aus, dass Staatsanwalt Thorsten Kahl auf deren Verfolgung zunächst verzichtete.

Die Verurteilung von Detlef S. hängt nun von seinen Kindern ab, die in dem Prozess als Nebenkläger auftreten. Deren Aussagen hört sich das Gericht in den kommenden Tagen höchstwahrscheinlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit an. Nächste Woche könnte voraussichtlich ein Urteil fallen.

  • Uta Eisenhardt