Missbrauchsprozess Marco W. wehrt sich


Der Missbrauchsprozess in der Türkei gegen Marco W. ist erneut vertagt worden. Nun wehrt sich der Berufsschüler erstmals öffentlich gegen die Vorwürfe. Er sei unschuldig, beteuert der 18-Jährige. In einem Buch will er seine Version der verhängnisvollen Nacht und der Haftzeit darstellen.
Von Malte Arnsperger

"Nun reicht es mir. Lange genug habe ich geschwiegen. Es ist an der Zeit, die Dinge auszusprechen, die mich belasten. Ich musste etwas tun, damit ich mich hoffentlich endgültig von meinen Albträumen befreien kann." Mit diesen Worten beginnt eine Pressemitteilung von Marco W., dem Schüler aus Uelzen, dem vorgeworfen wird, in April 2007 in der Türkei ein damals 14-Jähriges britisches Mädchen sexuell missbraucht zu haben. Nachdem der seit eineinhalb Jahren laufende Prozess gegen den heute 18-Jährigen am Mittwoch erneut vertagt worden war, wehrt sich Marco erstmals persönlich mit deutlichen Worten gegen die Anschuldigungen. "Ich bin unschuldig. Ich habe ein reines Herz", schreibt Marco. "Mir bleibt nur der Weg, mit meiner Geschichte um mein Ansehen zu kämpfen. Ich bin nicht länger bereit, aus taktischen Gründen den Mund zu halten, damit in einigen Jahren völlig unbeobachtet ein Urteil gesprochen wird und an mir der Makel hängen bleibt. 'Das war doch der, der angeblich die junge Engländerin...'“

Buch über Haft in Türkei

Marco W. kündigt an, ein Buch über seine Zeit in türkischer Haft veröffentlichen zu wollen. Am 14 Dezember, genau ein Jahr nach der Entlassung aus der Untersuchungshaft, werde "Marco W - Meine 247 Tage im türkischen Knast" erscheinen. Marco hatte nach seiner Rückkehr nach Deutschland in einem Exklusivinterview mit dem TV-Sender RTL schon über die Haft gesprochen.

Mit der Idee, seine Version der Geschichte zu erzählen, spiele er schon seit längerer Zeit, sagt der 18-Jährige. Doch wegen des laufenden Prozess und der Angst, dass seine Erzählungen sich negativ auf das Urteil auswirken könnten, hätte er gezögert. Doch: "Ein totales Schweigen über Haftverhältnisse und über die verhängnisvolle Nacht wäre vielleicht nach politischen und juristischen Maßstäben besser gewesen. Aber nicht für meine Seele."

Die Richter im türkischen Antalya hatten entschieden, den Missbrauchsprozess am 10. April 2009 weiterzuführen. Bis dahin muss die Staatsanwaltschaft entscheiden, ob sie eine weitere Beweisaufnahme verlangt oder Plädoyers halten will, sagte Marcos türkischer Anwalt Ahmet Ersoy stern.de. Das Gericht werde dann seinerseits entscheiden, ob es ein Urteil sprechen kann. Ersoy widersprach den Darstellungen von Marcos deutschen Anwälten, dass dem Gericht nun ein Abschlussgutachten eines Rechtsmedizinischen Instituts in Istanbul zum Zustand des mutmaßlichen Missbrauchsopfers Charlotte vorliege. Die Rechtsmediziner hätten lediglich mitgeteilt, dass sie kein Gutachten schreiben könnten, ohne dass sie Charlotte selber untersuchten, sagte Ersoy. Der Anwalt von Charlotte, Ömer Aycam, hatte ein Erscheinen des Mädchens in der Türkei im Gespräch mit stern.de ausgeschlossen. Aycan geht zudem weiter von einer Vergewaltigung durch Marco aus. Der Schüler aus Uelzen spricht von einvernehmlichen Zärtlichkeiten.

Marco bittet um Hilfe

Marco scheint immer noch unter den Erlebnissen zu leiden. Zwar denke er nicht mehr täglich an die Ereignisse in der Türkei. Doch bis vor kurzem hätten sie seine Träume in Albträume verwandelt. Er habe nichts gegen die Türkei. So etwas könne auf der ganzen Welt passieren. Doch, so Marco: "Jeder Einzelne mag sich ein persönliches Urteil darüber bilden, ob ich nach unseren Maßstäben angemessen und gerecht behandelt wurde."

Marco, der momentan eine Berufsschule in seiner Heimatstadt besucht, sagt, ein wichtiger Grund für das Buch sei auch die schlechte gesundheitliche Situation seines Vaters, der an Leukämie leidet und einen Spender suche, um überleben zu können. Deshalb bittet der Uelzener die Bevölkerung darum, sich bei der Knochenmarkspenderdateitypisieren zu lassen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker