Missbrauchsvorwürfe Scharfe Kritik an Bistumsleitung


Im Fall des katholischen Pfarrers, der sich erneut an einem Kind vergangen haben soll, versucht sich das Bistum Regensburg nun in Schadensbegrenzung: Die betroffene Gemeinde bekam einen neuen Pfarrer - und den Rat, "im Glauben nicht irre zu werden".

Mit der raschen Neubesetzung der Pfarrstelle versucht das Bistum Regensburg im Fall der Missbrauchsvorwürfe gegen einen vorbestraften Priester die Wogen zu glätten. Am Montag ernannte Bischof Gerhard Ludwig Müller mit sofortiger Wirkung Prälat Gottfried Dachauer (57) zum neuen Seelsorger für die Gemeinden Riekofen und Schönach, für die der vorigen Donnerstag verhaftete Geistliche bisher zuständig war. Der Bürgermeister von Riekofen, Armin Gerl (Freie Wähler), warf der Kirchenleitung indessen Versagen vor.

Wiederbeschäftigung wäre verboten gewesen

Auch von anderer Seite steht das Bistum unter Beschuss. Sollte sich der Verdacht gegen den Priester bestätigen, müssten auch gegen die Kirchenführung rechtliche Schritte eingeleitet werden, sagte der Vorsitzende der Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen, Johannes Heibel. Der 39 Jahre alte Pfarrer von Riekofen nahe der Domstadt, der wegen sexuellen Kindesmissbrauchs vorbestraft ist, war am Donnerstag verhaftet worden. Er soll sich mehrere Jahre lang an einem Ministranten vergangen haben. "Es ist unverantwortlich und menschlich unverzeihbar, solchen Seelsorgern noch einmal Menschen anzuvertrauen", sagte Heibel. Der Fall zeige erneut, dass auch eine Therapie bei Sexualstraftätern keine ausreichende Sicherheit biete. Seine Initiative warne bereits seit Jahren vor der Wiedereingliederung von Pfarrern, die einmal Kinder missbraucht haben.

Die Fehler des Ordinariates seien ohne Wenn und Aber einzugestehen, sagte Sigrid Grabmeier vom "Wir sind Kirche"-Bundesteam. Der Pfarrer sei trotz seiner Vorstrafe und entgegen den Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz als Pfarrer eingesetzt worden, kritisierte die Laien-Organisation. Der Priester war wegen Missbrauchs im Jahr 2000 per Strafbefehl zu einem Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Damals hatte er sich als Kaplan im niederbayerischen Viechtach an mindestens einem Buben vergangen. Den jüngsten Ermittlungen zufolge soll er auch zwischen 2003 und 2006 auch an seinem neuen Dienstsitz immer wieder einen Jungen missbraucht haben.

Gemeinde war nicht über Vorstrafe informiert

Nun stellt Bischof Gerhard Ludwig Müller den beiden Pfarreien "in der schwierigen Zeit nach der Verhaftung des bisherigen Pfarradministrators einen pastoral erfahrenen und kompetenten Geistlichen als Begleiter an die Seite", teilte das Ordinariat mit. "Zum jetzigen Zeitpunkt soll der Pfarrei sofort seelsorgerische Unterstützung angeboten werden", ergänzte ein Bistumssprecher. Der 1978 zum Priester geweihte Dachauer arbeitete 22 Jahre in der Pfarrseelsorge, leitete von 2001 bis 2006 das Regensburger Priesterseminar und war danach als Priesterseelsorger tätig.

Die Diözesanleitung hätte die Gläubigen schon vor Jahren über die kriminelle Vergangenheit des Priesters aufklären müssen, ärgerte sich Bürgermeister Gerl am Montag. "Niemand wusste davon." Erst vor wenigen Wochen habe es E-Mails über die früheren Taten des Priesters gegeben, kurz danach sei die Vorstrafe in den Medien thematisiert worden. Das Bistum lehnte eine Stellungnahme zu den Vorwürfen ab.

Pfarrgemeinderat schweigt

Der Rathauschef kritisierte weiter, das Bistum hätte dem vorbestraften Geistlichen besser "auf die Finger schauen" müssen. "Die Schuld muss man dem Ordinariat geben." Bei den Bürgern der 800- Seelen-Gemeinde sei das Vertrauen in die katholische Kirche gesunken. "Für uns ist das besonders schlimm, weil bei uns jeder jeden kennt." Der Riekofener Pfarrgemeinderat will sich derzeit zu dem aktuellen Fall nicht äußern. Es sei in dem Gremium vereinbart worden, öffentlich keine Stellungnahme abzugeben, sagte Pfarrgemeinderätin Birgit Meyer. Vor den neuen Missbrauchsvorwürfen hatte es in der Gemeinde noch eine Unterschriftenliste für den beliebten Pfarrer gegeben.

Das Bistum hatte die erneute Beschäftigung des Priesters damit begründet, dass der 39-Jährige laut einem Gutachten geheilt sei. Darauf habe man sich verlassen. Bischof Müller rief mittlerweile die Bürger von Riekofen in einem offenen Brief dazu auf, keine vorschnellen Urteile über den Ex-Pfarrer zu fällen. Die Aufklärung des Falls liege in den Händen der Justiz. Müller sprach den Betroffenen sein Mitgefühl aus. "Ich bitte Sie, im Glauben nicht irre zu werden", heißt es in dem Schreiben.

DPA DPA

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