Misshandlung Ein Teufelskreis des Schweigens

Nach dem monatelangen Martyrium eines Berufsschülers in Hildesheim gibt der Gewaltexzess den Ermittlern weiter Rätsel auf. Die ganze Klasse soll davon gewusst, aber geschwiegen haben. Vier Jugendliche sitzen in Untersuchungshaft.

Nach dem monatelangen Martyrium eines Berufsschülers in Hildesheim gibt der Gewaltexzess den Ermittlern weiter Rätsel auf. Polizei und Staatsanwaltschaft prüften zudem, ob Lehrer von den Monate langen Quälereien wussten und möglicherweise nicht eingriffen. 9 Schüler sollen ihren 17 Jahre alten Klassenkameraden immer wieder malträtiert und sexuell gedemütigt haben. Videofilme davon stellten sie ins Internet. Die ganze Klasse soll davon gewusst, aber geschwiegen haben. Vier Jugendliche sitzen in Untersuchungshaft.

Die Staatsanwaltschaft setzte am Mittwoch die Auswertung von Beweismaterial fort und befragte Zeugen. Bei Wohnungsdurchsuchungen hatten Beamte Fotos und auch Videoaufzeichnungen sichergestellt. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Bernd Seemann, sagte, wenn es zur Anklage komme, werde in einem halben Jahr mit der Hauptverhandlung begonnen. Die mögliche Strafe, die den Tätern blüht, reicht nach dem Jugendstrafrecht von einem Täter-Opfer-Ausgleich, gemeinnütziger Arbeit bis hin zu einer Haftstrafe.

Im Moment keine Konsequenzen für Lehrer

Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann (CDU) will an diesem Donnerstag die Berufsschule besuchen. Schulleiter Hans-Hermann Sölter nahm unterdessen seine Kollegen in Schutz. "Nach unserer Kenntnis ist es noch nicht erwiesen, dass die Misshandlungen auch während des Unterrichts stattfanden." Deshalb werde derzeit auch nicht über Konsequenzen für die aufsichtsführenden Lehrer nachgedacht. Als Folge der Vorfälle will die Schule aber Hilfe von Kriminologen in Anspruch nehmen und die Gewaltprävention verstärken. Schulsozialpädagogin Rosi Fellendorf sagte: "Bei jeder kleinen Andeutung über Gewalt müssen sich die Lehrer künftig sofort bei mir melden."

Unklar blieb am Mittwoch, ob das Opfer wieder an die Werner-von-Siemens-Schule zurückkehren wird. Der 17-Jährige, der als schüchterner Schüler gilt, wird psychiatrisch betreut. Er habe gute Leistungen erbracht und strebte einen Metallberuf an, sagte der Schulleiter. Der Schüler war früher durch Kleidung aus der rechten Szene, wie Bomberjacken und Springerstiefel, aufgefallen. Eine rechtsextreme Gesinnung habe er aber nicht gezeigt, sagte Schulsozialpädagogin Fellendorf.

Eine verheerende Art der Gewöhnung

Nach Meinung von Opferschützern hatte sich an der Schule möglicherweise ein Teufelskreis des Schweigens gebildet. Bei längeren Gewaltexzessen werde es für die Beteiligten immer schwieriger, das Schweigen zu durchbrechen, sagte ein Sprecher der Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer "Weißer Ring" der dpa. Es könne eine verheerende Art von Gewöhnung eintreten. Auch Angst und Willensschwäche können aus Sicht des Hildesheimer Psychologens Werner Greve eine Mauer des Schweigens auslösen. "Sie hatten wahrscheinlich die ganz persönliche Angst, an die Stelle des Opfers zu rücken."

Der Berufsschullehrer-Verband Niedersachsen berichtete, es sei nicht ausgeschlossen, dass Lehrern Auseinandersetzungen unter Schülern verborgen blieben. Bei großen Gebäuden mit 2000 bis 3000 Schülern lasse sich immer eine Ecke finden, um unterzutauchen, sagte Verbandsvorsitzender Heinz Ameskamp in Cloppenburg. "Es ist nicht möglich, jeden Schüler zu beobachten." Von Video-Überwachung auf Schulhöfen etwa hält Ameskamp aber nichts.

DPA

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