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Mitja-Prozess: Die liebenswürdige Seite des Uwe K.

Uwe K. hat zugegeben, den kleinen Mitja vergewaltigt und erdrosselt zu haben. Doch eine Bestie sei sein Mandant nicht, sagte K.s Anwalt am ersten Prozesstag. Die Strategie der Verteidigung scheint klar: K., ein "gutmütiger" und "liebenswürdiger" Kerl, soll als Opfer unglücklicher Lebensumstände dargestellt werden.

Von Lars Radau, Leipzig

Als die Justizbeamten die Handschellen lösen, zucken Uwe K.s Unterarme kurz nach oben. Es wirkt, als wolle er die Hände vors Gesicht schlagen, es vor den im Halbkreis um die Anlagebank postierten Kamerateams und Fotografen verbergen. Doch dann entschließt sich der 43-Jährige, der sich seit heute wegen Mordes und sexuellen Missbrauchs an dem neunjährigen Mitja vor der Schwurgerichtskammer des Leipziger Landgerichts verantworten muss, das Blitzlichtgewitter durchzustehen. Seine dunklen Augen im blassen Gesicht blicken stur geradeaus.

K. äußert sich nicht

Das Antlitz des bereits mehrfach wegen sexuellen Missbrauchs Vorbestraften ist seit einem halben Jahr ohnehin bundesweit bekannt. Die Überwachungskamera einer Straßenbahn filmte K. und den kleinen blonden Jungen am 22. Februar. Statt vor seinem Elternhaus auszusteigen, das direkt neben der Haltestelle im Leipziger Stadtteil Lützschena liegt, fuhr Mitja noch drei Stationen weiter, mit in K. Wohnung.

Dort, trägt Staatsanwältin Claudia Laube vor, vergewaltigte und erstickte K. den Jungen in der Nacht, "irgendwann zwischen 18 Uhr und dem nächsten Morgen." Um die Tat zu vertuschen, habe K. den Leichnam dann in eine Decke gewickelt und mit dem Fahrradanhänger in seinen nur 500 Meter entfernten Garten transportiert.

Während die Anklägerin weitere Details referiert, rutscht der Mann im dunkelblauen Sweatshirt Stück für Stück in sich zusammen. K.s Blick ist jetzt auf die Tischplatte gerichtet. Selbst zu den Vorwürfen äußern will er sich nicht. Sein Mandant, sagt K.s Verteidiger Malte Heise, sei dazu noch nicht in der Lage, es fehle ihm an "Kraft" und "emotionaler Stärke". Allerdings habe er ihn gebeten, eine Erklärung abzugeben.

K. bietet Entschuldigung an

Ohne Umschweife räumt Heise ein, dass die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zuträfen. Sein Mandant, betont der Anwalt, schäme sich sehr über seine Tat und würde diese gerne rückgängig machen. "Er bedauert, dass er vor allem den Eltern großes Leid zugefügt und bittet sie um Entschuldigung - auch wenn er weiß, dass er dies nicht erwarten kann." Gleichwohl, so der Anwalt, handele es sich bei Uwe K. "nicht um den Killer, nicht um die Bestie, die die Öffentlichkeit aus ihm gemacht hat.". Im Gegenteil: Menschen, die den gelernten Maurer näher kennen würden, beschrieben seinen Charakter eher als "gutmütig, liebenswürdig und ruhig." Allerdings leide K. auch an seiner Alkoholabhängigkeit. Unter dem Einfluß von Alkohol kämen lange verdrängte Emotionen und "traumatische Erinnerungen" wieder hoch. Zum Beispiel daran, dass K. als kleiner Junge selbst zweimal Opfer sexueller Gewalt geworden sei. Für Heise ist es daher "kein Zufall", dass auch alle seine anderen Taten im Suff passierten.

Erst recht, betont Heise, sei sein Mandant kein krankhaft pädophiler Kinderschänder. Zu jeder Zeit habe er auch längere Beziehungen mit erwachsenen Frauen gehabt, phasenweise auch gegen seine Alkoholsucht gekämpft. Schließlich seien die Zeitspannen zwischen den einzelnen Straftaten - die erste mit 17 - immer länger geworden.

Doch als K. auf den kleinen Mitja traf, befand er sich wieder in einer "desolaten Lebenssituation". Seine Freundin, die er bei einer ABM-Maßnahme ausgerechnet im Schulzoo kennengelernt hatte, hatte ihn vor die Tür gesetzt, um das Umgangsrecht mit der gemeinsamen Tochter musste er gerichtlich kämpfen. Sein Arbeitgeber hatte ihm nahegelegt, mangels Aufträgen "erst einmal Urlaub" zu nehmen.

Der Krise begegnet K. mit seinem bewährten Fluchtmittel: Am Vormittag des 22. Februar, erklärt Anwalt Heise, habe sein Mandant in zwei Leipziger Innenstadt-Kneipen zehn bis zwölf halbe Liter Bier getrunken. Auf dem Heimweg ins nördlich gelegene Schkeuditz sei ihm in der Straßenbahn übel geworden. Deshalb sei er an der Haltestelle Stahmeln ausgestiegen. Dort habe ihn dann Mitja angesprochen.

Leiche in Gartenlaube versteckt

An dieser Stelle atmet Ina Alexandra Tust hörbar tief durch. Die Anwältin, die Mitjas Eltern als Nebenkläger vertritt, kann sich schlicht nicht vorstellen, dass der als fröhlich und aufgeschlossen geltende Junge alle Warnungen und Verhaltensregeln für den Umgang mit Fremden ignoriert haben sollte. "Ich habe an dieser Version sehr starke Zweifel."

In K.s Wohnung angekommen, fährt Heise fort, habe Mitja zunächst unterwegs gekauften Kuchen gegessen und im Wohnzimmer ferngesehen, während sein Mandant in der Küche eine dreiviertel Flasche Schnaps und weiteres Bier getrunken habe. Gegen 19 Uhr habe er sich dann im Schlafzimmer an dem Kind vergangen. Der Junge habe geschrieen, und K. habe ihm mit der linken Hand den Mund zugehalten und ihm mit dem rechten Arm den Hals zugedrückt, bis Mitja leblos zusammensackte.

Die Leiche habe K. im Garten vergraben wollen, es sei ihm aber die Kraft ausgegangen. Außerdem habe es in der Umgebung schon von Polizisten gewimmelt. Und offenbar hatte der Mörder Angst, dass die ihn kurzerhand "zusammentreten" würden, falls sie ihn mit dem toten Mitja entdeckten. Deshalb habe er sich in einer anderen, leer stehenden Gartenlaube verborgen - panisch, gehetzt.

In eben dieser Panik und unter steigendem Verfolgungsdruck sei K. schließlich auf den Selbstmord-Gedanken gekommen. Nachdem ein erster Versuch mit einem auf die Straßenbahn-Oberleitung geworfenen Stahlseil gescheitert war, stürzte sich K. schließlich vor einen fahrenden Zug der Linie 11 - in der alles begonnen hatte.

Nach einer guten halben Stunde ist Heises Erklärung beendet - und der erste Prozesstag auch. Richter Hans Jagenlauf bittet die Parteien noch in einen Nebenraum. Das Geständnis K.s ermöglicht es, die Zeugenliste für den nächsten Verhandlungstag auszudünnen. Statt der bislang vorgesehenen 21 werden am Donnerstag jetzt 15 Zeugen befragt.