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Mitschüler des Amokläufers: "Bastian war kein Außenseiter"

Sechs Jahre lang ging Marco Sch. mit dem Amokläufer von Emsdetten auf die Geschwister-Scholl-Schule, im Abschlussjahr saßen sie im Unterricht nebeneinander. "Das letzte Jahr wurde er immer komischer", sagt Marco im Interview mit stern TV über Sebastian B.

Im letzten Schuljahr saßen Sie neben Sebastian B. - was war er für ein Typ?
Im Unterricht hat er oft starr die Wand angeguckt, hat nicht großartig mitgemacht, sich nie beteiligt. Was andere gesagt oder gemacht haben, hat ihn kaum interessiert. Aber eigentlich war er in Ordnung, sympathisch bis vor ein paar Monaten. Da konnte man ganz normal mit ihm sprechen wie mit jedem anderen Menschen auch. Man ist auch mal zusammen was trinken gegangen.

War er ein Außenseiter?


Geärgert hat ihn niemand, das steht fest. Er war kein Außenseiter, er hat so vor sich hingebrütet.

Aber Freunde hatte er nicht?


Doch, auf jeden Fall. In der Klasse hatte er fünf Freunde, mit denen hat er in einer Laube gegrillt und Party gemacht. Wir hatten auch ein Abschlussgrillen, da hab ich noch ein Bier mit ihm getrunken, da war er noch ein ganz normaler Mensch.

Aber Sebastian B. hat sich verändert?
Vor zwei Jahren hat er sich diesen langen Mantel geholt, dann kamen die schwarzen Fingernägel dazu und schwarz gefärbte Haare. Das letzte Jahr wurde er immer komischer. Erst saß ich neben ihm und hab Spaß über die Lehrer gemacht oder über andere Schüler gewitzelt, er hat dann auch noch gelacht. Aber später hat er so gut wie kein Wort mehr mit mir geredet.

Meinen Sie, dass er in der Zeit irgendwo hineingeraten ist?


So wie ich es mitgekriegt habe, hatte er auf seine Gaspistole, die auch andere schon gesehen haben, "Satan" in den Griff geritzt und mit roter Farbe nachgezogen. Aber Äußerungen in die Richtung hat er nicht gemacht.

Haben Sie etwas von dieser irren Wut, die er offenbar hatte, bemerkt?
Nie, er war nie gewalttätig, nie brutal.

Es hatte aber einen Vorfall mit einer Gaspistole gegeben.


Da hat Bastian jemanden mit der Gaspistole bedroht. Da kam die Polizei, und in diesen Tagen hätte er eigentlich seinen Gerichtstermin gehabt.

Sebastian B. hatte eine Vorliebe für Waffen.


Er war ein Waffennarr, hatte in der Schule Militärkataloge dabei, auch mal ein Messer. Im Sportunterricht hat er seinen kleinen privaten Militärparcours aufgebaut. Und jeder wusste eigentlich von seinen Videos, die er gedreht hatte; dass er im Wald rumkriecht und mit Plastikkugeln schießt.

Vorgestern waren es keine Plastikkugeln mehr.


Im ersten Moment war ich vollkommen perplex. Ich wusste gar nicht, was los ist, das war wie so ein kleiner Schock. Das erlebt man sonst in Amerika oder in Erfurt, aber man hätte nie gedacht, dass das in so einer kleinen Stadt wie Emsdetten vorkommt.

Hatten Sie eine Ahnung?
Das Schlimme war, dass ich - aus Spass - noch zu einem gesagt habe: Bastian B. ist doch von der Schule runter; also dass ich wirklich schon im Hinterkopf hatte, wie viele andere auch, dass er es war. Viele hätten ihm das zugetraut, aber dass er es wahr macht, hätte keiner gedacht.

Im Internet hat der Amokläufer viele Spuren hinterlassen.


Ja, sein Name war ResistantX. So wie er sich gegeben hat, sollte es heißen, dass er nicht so sein wollte, wie die anderen, dass er ein kleiner Rebell sein wollte. Das X sollte dafür stehen, dass hinterher alles zerbricht und vorbei ist.

Aber es gibt auch ein handschriftliches Tagebuch.


Das hat er handschriftlich verfasst, eingescannt und eine Stunde vor dem Attentat wohl an gewisse Leute verschickt. Welche das genau waren, weiß ich nicht, aber so haben wir es auch bekommen. Es machte in Emsdetten die Runde.

Was denken Sie heute über Sebastian und seine Tat?


Da sind Wut und Unverständnis. Man kann ihn nicht verstehen. Selbst wenn man alles liest und sämtliche Psychologen zusammenkramt. Letztendlich wird keiner dahinter kommen, was er wirklich gedacht hat.

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