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Rätselhafter Mord in Untergriesheim: Zeichen an der Wand

Eine 70-jährige gläubige Katholikin wird brutal in ihrem Bett ermordet. Neben der Leiche findet man arabische Schriftzeichen. Ein islamistischer Anschlag? Oder doch ein Raubüberfall?

Von Ingrid Eißele

Schrecken im Idyll: der Tatort in Untergriesheim

Schrecken im Idyll: der Tatort in Untergriesheim. Erst am Morgen fand der Ehemann Maria M. in ihrem Zimmer.

Am späten Abend des 18. Mai 2016 spricht der pensionierte Lehrer Günter M. wie üblich ein Nachtgebet mit seiner Frau Maria. Beide sind gläubige Katholiken, in ihrem Flur hängt ein Weihwasserkessel neben den Sterbebildern der Angehörigen. Das Gebet für die Toten ist ihr Ritual, das an diesem Abend mit einer liebevollen Geste endet: Der 74-jährige Günter M., ein großer, kräftiger Mann, tupft seiner zierlichen Ehefrau mit Weihwasser ein Kreuz auf die Stirn, umarmt und küsst sie und wünscht ihr "eine gesegnete Nacht".

Danach geht Maria in ihr Zimmer am Ende des Flurs, Günter M. in seines. Er schnarcht, seine Frau hat einen leichten Schlaf und braucht Medikamente, um zur Ruhe zu kommen, sie leidet unter einem entzündeten Gesichtsnerv. Auch er nimmt ein Schlafmittel. Die Tür ihrer Zimmer lassen beide wie üblich einen Spalt offen.

Acht Monate später, im Schwurgericht in , wird Günter M. diesen Moment auf dem Flur ganz genau beschreiben. Und noch einen Satz hinzufügen: "Ich bin glücklich, dass ich diese Verabschiedung hatte."

Ein Segen, ein Kuss, eine Umarmung. Ein winziger Trost angesichts des Unfassbaren, das folgt.

Er klopft gegen ihre Wange, rüttelt an der Schulter. Weint, schreit, kann nicht begreifen

Irgendwann in jener Nacht hört Günter M. im Halbschlaf ein Geräusch. Es klingt, "als würde jemand mit einer Tasche an der Hauswand vorbeistreifen". Er vermutet, dass es die Tochter ist, die mit ihrer Familie im unteren Geschoss wohnt und für den frühen Morgen einen Ausflug geplant hatte. Er ruft nach seiner Frau. Keine Antwort vom Ende des Flurs. Er schläft wieder ein.

Als Günter M. kurz nach sieben Uhr aufsteht und ins Bad gehen will, wundert er sich über die offenen Türen in der Wohnung, die er am Abend doch geschlossen hatte. Noch merkwürdiger: In der Küche fehlt sein Smartphone, das er am Abend dort hingelegt hatte, außerdem das Geld aus seinem Portemonnaie und Erspartes aus der Urlaubskasse, 300 bis 500 Euro. Zusehends irritiert läuft er von Raum zu Raum. "Du, da war jemand im Haus!", ruft er in Richtung des Schlafzimmers seiner Frau. Keine Antwort. Die Tür ist geschlossen.

Er öffnet, macht das Licht an, die Rollläden sind noch heruntergelassen. Er kann seine Frau nicht sehen, nur eine hoch aufgetürmte Daunendecke. Er hebt die Bettdecke. Maria liegt darunter.

Er klopft gegen ihre Wange, rüttelt an der Schulter. Weint, schreit, kann nicht begreifen. Er will telefonieren, aber das Telefon funktioniert nicht. Irgendwann erreicht er auf dem alten Handy seiner Frau die . Der Mitschnitt seines Notrufs gibt eine Ahnung, in welcher Panik sich der Mann befand.

Ein Anblick, der selbst gestandene Profis verstört

"Hier ist M.", sagt eine Männerstimme, atemlos, keuchend. "Meine Frau liegt ermordet im Bett. Gefesselt und ermordet und geschlagen ... Irgendjemand war im Haus. Die Türen sind offen ... Ich weiß nicht, was ich machen soll." Verzweifeltes Weinen. Er muss die Adresse wiederholen. "Lassen Sie alles unverändert", sagt der Polizeibeamte. "Ich schicke Ihnen gleich Hilfe."

Das Schlafzimmer der Maria M. ist ein Anblick, der selbst gestandene Profis verstört, Ärzte, Polizeibeamte und Kriminalisten. Um den Hals der 70-Jährigen ist ein Kabel gewickelt, es stammt vom Haustelefon, das am Kopf des Betts stand. Sie ist mit einem Schal gefesselt. Zwischen ihren gefesselten Händen steckt ein Kreuz.

Der Notarzt entdeckt zudem, was der geschockte Ehemann gar nicht wahrgenommen hat: arabische auf dem Schrank hinter der Tür. Auch einen Satz auf Englisch: "It's payback time". Im Zimmer von Maria M. gibt es viele Zeichen ihrer Gläubigkeit, Bilder von Papst Benedikt und Johannes Paul II. Und einen gerahmten Sinnspruch: "Jeder neue Tag ist ein neues Geschenk der Liebe Gottes." Der Satz ist mit Rotstift durchgestrichen, ebenso das Kalenderblatt des Monats Mai. "Da wollte jemand ein Leben auslöschen, aus dem Kalender austragen" , schildert ein Polizist seinen ersten Eindruck.

DNA-Spur führt zum Verdächtigen

Ein Rachemord? Die Tat eines Wahnsinnigen? Der Anschlag eines Islamisten?

Schnell ist den Ermittlern klar, dass weder Günter M. noch andere Familienmitglieder als Täter infrage kommen. Denn an der toten Maria M. finden sich DNA-Spuren eines Fremden. Die Ermittler entdecken zudem einen markanten Schuhabdruck auf einer Treppe. Im Heizungskeller finden sie eine blaue Textilfaser, die vom Täter stammen muss. Drei Tage später hat die Polizei einen Verdächtigen, auf den die DNA-Spur passt: Abubaker C., 27, ein Pakistani, der knapp 30 Kilometer entfernt in einer Flüchtlingsunterkunft in Öhringen lebt. Er kam 2013 über die Türkei und Griechenland nach Deutschland und beantragte Anfang 2014 Asyl. Er arbeitete als Fensterputzer, bis er den Job nach einem Arbeitsunfall verlor. Gegen ihn liefen mehrere Ermittlungsverfahren, unter anderem wegen Bedrohung, Vergewaltigung, Diebstahls und Drogenhandel, die inzwischen eingestellt wurden. Doch seitdem ist seine DNA in der BKA-Datei gespeichert. Es gibt keine Beziehung zwischen Abubaker C. und der Familie in Untergriesheim.

Angeklagter Abubaker C. vor dem Landgericht Heilbronn

Abubaker C., 27, ist vor dem Landgericht Heilbronn des Mordes angeklagt. Die Indizien sind erdrückend. Aber was war das Motiv?


Ein paar Stunden später vernimmt ihn Heiko G. von der Kripo in Heilbronn. Er zeichnet das Verhör mit einer Videokamera auf. Eine eigenartige Szenerie. Abubaker C., 1,72 Meter groß, rund 50 Kilo schwer, mit Bart und kräftigem Haupthaar, sitzt barfuß und mit angezogenen Beinen auf dem Sofa des Vernehmungszimmers, er scheint in Erzählstimmung. "Ich bin ein frommer Muslim", erklärt er, in Saudi-Arabien geboren, in Pakistan aufgewachsen. Er berichtet, dass er eine gute Schulbildung habe und seit seiner Ankunft in Deutschland "immer gearbeitet" und Steuern bezahlt habe.

Er beteuert, er habe "nix gemacht". Dann aber verwickelt er sich in langes Dozieren über "unseren Propheten Mohammed" . Ob es nach seinem Glaubensverständnis in Ordnung sei, einen Menschen umzubringen, fragt der Kripobeamte. Abubaker C. weicht aus, verliert sich in weitschweifigen Andeutungen. "Wer die Scharia nicht achtet, kriegt Strafe vom lieben Gott." Ob er diese Strafe ausführen würde? "Ich würde das machen", sagt C., aber er müsse dazu "den Auftrag bekommen" . Er habe niemanden umgebracht. "Aber wenn einer verkehrt ist, muss er bestraft werden."

Als der Beamte eine Pause macht, läuft die Videokamera dennoch weiter. Abubaker C. sitzt stumm auf dem Sofa, schaukelt leicht mit dem Kopf. Nach der Pause sagt er: "Ich bin auf der richtigen Seite." Er lege "alles in die Hände von Allah und dem Prophet Mohammed" . "Ja gut, fertig jetzt", sagt der Beamte Heiko G. entnervt. Dass er der Täter sei, sei "kein Problem nachzuweisen". Er wolle nur den Grund wissen, das Motiv: Warum?

Viele Indizien, aber kein Motiv

Tatsächlich hat die Polizei viele Indizien, die nahelegen, dass Abubaker C. der Mörder ist. Bei ihm wird das Handy von Günter M. gefunden und Schmuck von Maria M. Sein eigenes Mobiltelefon, das ergibt die Auswertung der Daten, war in der Mordnacht in Untergriesheim eingeloggt, wo er nie gewesen sein will. Der Abdruck seiner roten Nike-Schuhe, Größe 44, passt zum im Haus gefundenen Abdruck. Nachbarinnen haben ihn am Abend vor der Tat in der Nähe des Hauses gesehen. Und: Seine DNA findet sich am Schal der toten Maria M.

Viele Indizien. Doch kein Motiv.

Ist Abubaker C. ein religiöser Fanatiker, der in einem Dorf Angst und Schrecken verbreiten will? Wollte er "einen aus seiner Sicht ungläubigen Menschen umbringen", wie die Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift schreibt?

Keine Frage, der zauselbärtige Abubaker C., der den Richter belehrt, sichtlich unbeeindruckt die Obduktionsbilder des Opfers anschaut und finstere Drohungen ausstößt ("Wenn jemand auf unsere Frauen schaut mit falschen Augen und falschen Gedanken, gleich Kugel und erledigt!"), passt perfekt ins Bild des Hasspredigers. Ein gefundenes Fressen für rechte Internetportale wie Breitbart oder "Politically Incorrect", dessen Schreiber beim Angeklagten einen "stechenden typischen islamistischen Blick" entdeckt haben will.

Täter handelte "sehr überlegt und professionell"

Die Familie des Opfers wolle keine Instrumentalisierung des Leids, stellt ihr Anwalt Tobias Göbel klar. Es ist auch seinen beharrlichen Fragen zu verdanken, dass das Bild, das Abubaker C. von sich zeichnet, im Laufe des Prozesses Risse bekommt. Göbel bezweifelt, dass es sich um eine religiös motivierte Tat handelt. "Wir haben es hier mit einem grausamen, aber typischen Raubmord zu tun" , so seine Hypothese. Dafür spreche der Tathergang. Der Täter schlich sich ins Haus, das gut gesichert war, hinterließ keine Fingerabdrücke, legte die Telefonanlage still – und agierte nahezu geräuschlos, auch als er offenbar überraschend auf Maria M. stieß. Sie hat sich kurz gewehrt, das zeigen Abwehrverletzungen an Händen und Armen. Sogar die sechs Fußmatten hat er wieder ordentlich auf den Lichtschacht gelegt, durch den er möglicherweise eingestiegen war. Das sei schon "sehr überlegt und professionell", sagt ein Polizeibeamter.

Der Islamwissenschaftler Rüdiger Seesemann, der die Zeichen an der Wand im Auftrag des Gerichts entschlüsseln sollte, kommt zu dem Schluss, dass es sich um "schiitische Anrufungen" handelt, um Teile von Gebetsformeln, die auf eine schiitische Sekte hindeuten. Das müsse nicht bedeuten, dass auch der Schreiber Schiit sei. Zusammenhängend ergäben die Wörter den Satz: "Seine Hoheit Ali war der Letzte, der zu den Leuten der Ewigkeit gesagt hat: Ich bin Gott." Fazit des Experten: "Für mich erschließt sich kein Zusammenhang zwischen den Inschriften und der Tat."

Die Schriften an der Wand, ein düsteres Menetekel? Nein, wohl eher "tarnen und täuschen", sagt Rechtsanwalt Göbel. Der Täter wolle wohl damit den Verdacht auf andere lenken. Abubaker C. erklärt dem Gericht, das sei der Beweis, dass er es nicht gewesen sein kann. "Die Schriften gehören einem Schiiten, ich aber bin Sunnit."

Abubaker C. behauptet, es gebe ein Komplott anderer Pakistani gegen ihn – ehemaliger Freunde, mit denen er sich überworfen habe und die anderen Glaubensrichtungen angehören, also beispielsweise Schiiten sind. Sie seien die wahren Täter. Dann behauptet er, Araber hätten ihm am Tag vor der Tat am Bahnhof Drogen gegeben, an die Zeit danach könne er sich nicht erinnern. Wie tickt dieser Mann?

Gutachter sieht auffälligen Narzissmus bei dem Angeklagten

Der Psychiater Kristian Olav Rosenau befragte den Angeklagten mehr als 20 Stunden lang für sein Gutachten. Seine Einschätzung: Abubaker C. sei "im Denken rasch und wendig", Herr seiner Sinne und "immer gesteuert und beherrscht". Er sei weder psychotisch noch leide er an einer anderen psychischen Erkrankung, die ihn in seiner Schuldfähigkeit einschränke, er hat eine durchschnittliche Intelligenz.

Auffällig erschien dem Gutachter der Narzissmus des Angeklagten. Abubaker C. habe ein "grandioses Verständnis von der eigenen Wichtigkeit, er glaubt, einzigartig zu sein". Sein persönliches Drama sei: "Er konnte keine beständige, tragfähige Beziehung herstellen." Auch nicht zu einer Frau. Anfangs lief es gut, er hatte einen Job, Kontakte zu Deutschen. Eine Helferin vom Arbeitskreis Asyl beschreibt ihn als freundlichen, gebildeten jungen Mann. Nach Verlust seines Jobs war er in Geldnot und pumpte Bekannte an. Als er im April einen pakistanischen Freund bestahl, bei dem er mal gewohnt hatte, zeigte der ihn an.

Seinen Bekannten im Flüchtlingsheim fällt auf, dass er sich in den Wochen vor der Tat in sich zurückzieht. Er sei nächtelang wach gewesen, habe nichts gegessen, nur geraucht, auch Marihuana, berichtet sein Mitbewohner, ebenfalls Sunnit. Erkennbar religiös sei er aber nicht gewesen. Seine Gedanken vertraute er seinem Tagebuch an, er nennt die Eintragungen seine Dichtung. "Frauen sind wie eine Rosenblüte, süß wie Honig ... Alle spielen mit den Gefühlen der einfachen Männer ... verdammt seien die Schlampen. Es ist Zeit, mit den Mädchen zu spielen, die mit den Herzen der Männer spielen. Es ist Zeit, zurückzuzahlen." Es ist der Satz, der sich auch am Tatort in Untergriesheim fand: It's payback time. Die Sätze über die Frauen, behauptet er später, habe ihm "ein Kamerad" diktiert.

Einmal, zwischen weitschweifigen Erklärungen, ruft Abubaker C. dem Islamwissenschaftler Seesemann zu: "Professor, sagen Sie mir, was bin ich?" Eine Antwort scheint sich nun abzuzeichnen – jedenfalls strafrechtlich: möglicherweise ein kaltblütiger Raubmörder mit bizarrer Persönlichkeit. "Normalverrückt" , nennt das Gutachter Rosenau. Neurotisch, schräg, aber eben nicht krank.

Dienstag fällt das Urteil

Am Abend nach dem Mord fand der Pfarrer einer evangelischen Kirche im nahen Neuenstein einen Mann auf den Kirchenbänken liegend. Er hatte das Gesangbuch neben sich aufgeschlagen. Er wolle "mit Gott in Kontakt kommen", sagte er und fragte, ob es in der Gemeinde "eine ältere Frau gibt, bei der er übernachten könne" . Der ahnungslose Pfarrer verneinte. Er fuhr den Mann in eine Obdachlosenunterkunft. Es war Abubaker C.

Sein größter Wunsch, sagte der dem Gutachter, wäre es, sich eine Woche lang mit einem Menschen einzuschließen und sich alles von der Seele zu reden. Aber dieser Wunsch werde ihm wohl nie erfüllt werden.

Eine Erklärung, die er gegen Ende des Prozesses angekündigt hatte, zog er im letzten Moment zurück. Staatsanwältin und Nebenklage fordern Lebenslänglich und die besondere Schwere der Schuld, die höchstmögliche Strafe. Die Verteidigung plädierte auf Totschlag.

Am kommenden Dienstag soll das Urteil fallen.