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Mord an Ägypterin: Prozessbeginn in Dresden

Wenn das Dresdner Landgericht von Montag an den Mord an der Ägypterin Marwa El-Sherbini verhandelt, schaut nicht nur die arabische Welt auf Deutschland. Die Bluttat vom 1. Juli mitten im Gerichtssaal löste vielerorts Entsetzen aus und ließ vor allem in Marwas Heimatstadt Alexandria den Ruf nach Vergeltung laut werden.

Wenn das Dresdner Landgericht von Montag an den Mord an der Ägypterin Marwa El-Sherbini verhandelt, schaut nicht nur die arabische Welt auf Deutschland. Die Bluttat vom 1. Juli mitten im Gerichtssaal löste vielerorts Entsetzen aus und ließ vor allem in Marwas Heimatstadt Alexandria den Ruf nach Vergeltung laut werden.

Marwa musste sterben, weil der Täter Ausländer hasste. So oder ähnlich wird es in der Anklageschrift stehen. Dabei war der Beschuldigte selbst als Fremder nach Deutschland gekommen. Der in Perm geborene Alex W. ist ein Russlanddeutscher, seit Herbst 2003 lebt er in Deutschland. Alex W. hatte Ägypterin Marwa beleidigt

Der Prozess weist eine ganze Reihe von Besonderheiten auf. Sein Schauplatz ist zugleich der Tatort. Das Leben der 31 Jahre alten Marwa verlosch im Landgericht Dresden. Dort stand am 1. Juli ein Revisionsprozess wegen Beleidigung auf dem Programm.

Alex W. hatte Marwa im Sommer 2008 auf einem Spielplatz in Dresden als «Islamistin», «Terroristin» und «Schlampe» beschimpft, nachdem sie ihn gebeten hatte, ihrem Sohn einen Platz auf der Schaukel frei zu machen. Marwa trug ein Kopftuch. Sie erstattete Anzeige. In der ersten Verhandlung trat Alex W. laut Staatsanwalt diszipliniert auf, zeigte sich aber uneinsichtig.

Das Gericht verhängte eine Geldstrafe, Alex W. legte Berufung ein. Es kam zur Neuauflage. Am 1. Juli saßen auch Marwas Sohn (3) und ihr Ehemann mit im Saal. Der 32-Jährige schrieb an einem Dresdner Institut seine Doktorarbeit. Die im dritten Monat schwangere Marwa war in Dresden als Apothekerin beschäftigt.

Als Marwas Vernehmung beendet war, griff der 28 Jahre alte Alex W. unvermittelt an und stach wie im Rausch mit einem Küchenmesser zu. Mindestens 16 Mal wurde Marwa getroffen. Ihr Ehemann versuchte sie zu schützen und wurde dabei lebensgefährlich verletzt, auch er bekam 16 Stiche ab. Der kleine Sohn war Augenzeuge

Vom Geschehen am Tatort hat die Staatsanwaltschaft ausführlich berichtet. Über Notruf verständigten Gerichtswachtmeister die Bundespolizei. Zwei Beamte stürmten in den Saal und hielten Marwas Ehemann wohl zunächst für den Täter. Im Gemenge schossen sie ihm ins Bein.

Der kleine Junge wurde Zeuge, wie seine Eltern zu Boden sanken. Der Pflichtverteidiger von Alex W. hatte seinen Mandanten mit einem Stuhl in der Hand noch von weiteren Attacken abhalten wollen - alles umsonst. Marwa El-Sherbini hatte keine Überlebenschance, zu schwer waren die ihr zugefügten Verletzungen.

In den Vernehmungen bei der Staatsanwaltschaft schwieg Alex W. zu den Motiven. Nur einem Sachverständigen, der ein psychiatrisches Gutachten anfertigte, gab er wohl einen Einblick in sein Innenleben. In ihrer Mitteilung zur Anklageerhebung schrieb der Staatsanwalt am 28. August: «Da das Motiv des Angeklagten dessen ausgeprägter Hass auf Nichteuropäer und Moslems war, ist auch vom Mordmerkmal der niederen Beweggründe auszugehen.» Belege für eine Schuldunfähigkeit von Alex W. wegen einer psychischen Erkrankung listet das Gutachten nicht auf. Auch darüber wurde spekuliert. Landgericht wird zur Festung ausgebaut

Für den Prozess - bis zum 11. November sind elf Termine angesetzt - rüstet Sachsens Justiz das Landgericht zu einer Festung auf. Keine andere Verhandlung wird in diesem Zeitraum hier geführt. Der Zugang für die Beobachter erfolgt über Sicherheitsschleusen. Die Straßen im unmittelbaren Umfeld sind gesperrt. Rund 200 Polizisten sichern den Prozess ab. Im Saal sitzen die Beteiligten per Glasscheibe getrennt. Das Landeskriminalamt spricht von einer «abstrakten Gefährdungslage», dementiert aber konkrete Morddrohungen gegen Alex W.

«Es gab in Sachsen noch nie ein Verfahren mit einem derartigen Sicherheitsaufwand», sagt Oberstaatsanwalt Christian Avenarius. Über andere Dinge vermag auch er nur zu mutmaßen, beispielsweise ob der Ehemann von Marwa im Zeugenstand erscheint und wie viele Zeugen überhaupt vernommen werden. Auch dieser Umstand macht den Prozess ungewöhnlich: Fast alle Zeugen haben von Berufs wegen mit der Justiz zu tun. Im Ausland ist das Interesse groß. Auch viele Medien aus dem arabischen Raum haben sich akkreditieren lassen.

DPA / DPA