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Mord an Maria Bögerl: Unerträgliches Ablenkungsmanöver der Polizei

Maria Bögerls Tod ist eine Tragödie. Umso schlimmer ist die Strategie der Polizei, vom eigenen Versagen abzulenken - und den Witwer zu belasten. Der Fall muss politisch aufgearbeitet werden.

Ein Kommentar von Rainer Nübel

Zwei junge Menschen haben ihre Mutter, der Vater seine Ehefrau verloren: Die Verschleppung und der gewaltsame Tod der Heidenheimer Bankiersfrau Maria Bögerl ist eine menschliche Tragödie. Sie fordert Verständnis und Sensibilität. Immer mehr stellt sich jedoch die Frage, ob dies auch bei der Führung diverser Polizeibehörden in Baden-Württemberg als selbstverständlich angesehen wird - keineswegs nur in Heidenheim, sondern auch in Stuttgart. Wie hartnäckig die Polizei öffentlich darauf beharrt, dass allein Thomas Bögerl, der Mann der Ermordeten, die fehlgeschlagene Lösegeldbeschaffung betrieben habe, macht einen sprachlos.

Denn mit dieser Behauptung wird nahegelegt, es habe ausschließlich am Vorstandschef der Heidenheimer Kreissparkasse gelegen, dass die 300.000 Euro zum geforderten Zeitpunkt nicht vollständig vorlagen. Thomas Bögerl soll schuld daran sein, dass die Geldübergabe geplatzt ist - was eventuell dazu geführt haben könnte, dass die 54-Jährige getötet wurde. Also ausgerechnet jener Mann, der durch den Anruf des Entführers um 11.23 Uhr in eine emotionale Ausnahmesituation versetzt wurde, der verzweifelt um das Leben seiner Frau kämpfte und der, entscheidend wichtig, sofort die Polizei verständigt hat. Thomas Bögerl hat gegenüber einer Stuttgarter Tageszeitung betont, er habe nie darauf bestanden, das Lösegeld selbst zu besorgen. Jetzt werfen Medien die Frage auf, wer in diesem Streit um die "Schuld" die Realität wiedergibt und wer nicht.

Die Tragödie ist ein Polizei-Skandal

Doch darum geht es primär gar nicht in dieser menschlichen Tragödie, die zugleich ein Polizei-Skandal ist. In erster Linie geht es darum: Wenn ein Mensch sich in dieser extremen Notlage an die Polizei wendet, haben die Behörden ab diesem Augenblick die "Hoheit", sie entscheiden über das weitere Vorgehen - und damit tragen sie die Verantwortung. Das bedeutet: Selbst wenn, wie die Polizei Heidenheim jetzt unterstreicht, Thomas Bögerl sofort erklärt hätte, die geforderte Lösegeldsumme bereitstellen zu können, liegt die Entscheidung darüber, ob man diesen Weg geht, bei der Polizei, konkret beim Polizeiführer. Hinzu kommt: Es ist nicht nur üblich, sondern zwingend nötig, dass dem Betroffenen ein polizeilicher Betreuer zur Seite gestellt wird. Allein schon deshalb, weil der Kidnapper wieder anrufen und neue Forderungen stellen könnte. Man muss annehmen können, dass es auch in diesem Fall eine permanente Betreuung gab - alles andere wäre untragbar. Die Polizei hat sich dazu noch nicht geäußert. Aus polizeiinternen Vermerken geht freilich hervor, dass am Entführungstag gegen 15 Uhr, als die vollständige Summe endlich vorlag, Thomas Bögerl mit einem "Betreuer" Richtung Übergabeort losfuhr. Eine polizeiliche Betreuung von Thomas Bögerl bedeutet aber: Die Einsatzleitung war ständig über den Stand der Lösegeldbeschaffung informiert - also auch über den Umstand, dass sie nicht rechtzeitig zu realisieren war. Dies soll, wie von der Polizei selbst kolportiert wird, erst um 13.15 Uhr der Fall gewesen sein. Eine Dreiviertelstunde vor Ablauf der Frist. Das allein wäre ein schwerer Fehler - der Polizei.

Die ständig wiederholte Erklärung der Polizei, die Geldübergabe sei an den engen Vorgaben des Entführers gescheitert, teilen Experten wie der frühere Chefermittler bei der Reemtsma-Entführung, Dieter Langendörfer, nicht. Für die Polizei bestand die dringende Notwendigkeit, selbst zu handeln und das Geld rechtzeitig zu beschaffen, mit allen Möglichkeiten und ohne übliche bürokratische Vorgaben. Unerträglich ist daher die Strategie, nun offenbar davon ablenken und die Rolle von Thomas Bögerl in den Vordergrund rücken zu wollen.

Der Innenminister ist abgetaucht

Allein den Heidenheimer Polizeichef Volker Lück für das Vorgehen in diesem Fall in die Pflicht zu nehmen, wäre allerdings unfair. Der Beamte betont jetzt zwar, dass in der Frage der Lösegeldbeschaffung vorgesetzte Behörden in Stuttgart nicht eingeschaltet gewesen seien. Doch wer glaubt allen Ernstes, dass in einem solchen Fall die Landesbehörden nicht zumindest informiert waren? Immerhin hatte Lück Entführungsexperten vom Landeskriminalamt (LKA) an seiner Seite. Fehler oder veritable Pannen zuzugeben, diese Eigenschaft ist den baden-württembergischen Landespolizeibehörden allerdings eher fremd. Als im vergangenen Jahr die "Phantom-Killerin" von Heilbronn als ein Desaster um verunreinigte Spurentupfer enttarnt worden war, wollte der LKA-Chef die Riesenblamage öffentlich tatsächlich als "Erfolg" verkaufen.

Landesinnenminister Heribert Rech ist im Heidenheimer Entführungs- und Mordfall abgetaucht. Kein Machtwort, das die instinktlose Konfrontation der örtlichen Polizei mit Thomas Bögerl beendet. Und kein öffentliches Wort des Bedauerns - darüber, dass die Polizei den Tod von Maria Bögerl nicht verhindern konnte. Es wäre das Mindeste in dieser Tragödie, die politisch aufgearbeitet werden muss.