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Prozess in den USA: 19-Jährige steht nach Mord an Sexhändler vor Gericht – sie könnte freigesprochen werden

Mit 16 Jahren wurde Chrystul Kizer von einem Mann für sexuelle Dienste bezahlt, später sogar an andere Männer verkauft. Dann erschoss sie ihn. Jetzt droht ihr lebenslange Haft – eine Gesetzesklausel macht aber auch einen Freispruch möglich.

Frau in Handschellen

Chrystul Kizer muss sich wegen Mordes vor Gericht verantworten (Symbolbild)

Getty Images

Ein Mordfall bewegt die USA: Auf der Anklagebank sitzt die 19 Jahre alte Chrystul Kizer. Ihr wird vorgeworfen, Randy Volar, einen Mann Mitte 30, erschossen, seine Leiche anschließend verbrannt zu haben und in seinem Auto geflüchtet zu sein. Dass sie die Tat begangen hat, streitet die junge Frau aus Kenosha County im Bundesstaat Wisconsin nicht ab. Doch der Fall ist kompliziert, wie die US-Zeitung "Washington Post" berichtet, die die Geschichte ausführlich aufgerollt hat. Es geht um Sexhandel, Missbrauch, einen angeblichen Diebstahl und die Frage, wer das wahre Opfer ist.

Randy Volar nämlich soll Chrystul Kizer und andere minderjährige Mädchen über mehrere Jahre hinweg missbraucht haben, auf Seiten im Internet Sexhandel mit Mädchen betrieben haben und an der Verbreitung von Kinderpornografie beteiligt gewesen sein. Der Mord, so argumentieren Kizer und ihre Verteidiger, geschah aus Selbstverteidigung. Eine Jury muss nun über die Strafe befinden. Kizer droht eine lebenslange Haftstrafe – gleichzeitig ist aber auch ein Freispruch möglich.

Mord an Sexhändler: "Er war der einzige Freund, den ich hatte"

Eineinhalb Jahre hatten sich Kizer, zum Zeitpunkt der Tat 17 Jahre alt, und Volar schon vor der Nacht im Juni 2018 gekannt. Volar habe sie in jener Nacht zum Sex zwingen wollen, sie habe sich gewehrt. Dann habe sie ihn mit einer Waffe, die sie kurz zuvor besorgt hatte, erschossen, den Leichnam angezündet und sei in seinem BMW davongefahren. Wenige Tage später wurde sie verhaftet. Die Staatsanwaltschaft wirft Kizer vor, den Mann umgebracht zu haben, um sein Auto zu stehlen.

Kennengelernt hatten sich Kizer und Volar im Herbst 2016. Da war Chrystul Kizer 16 Jahre alt und Randy Volar 33. Der Kontakt sei über eine Website zustande gekommen, auf der minderjährige Mädchen sexuelle Dienste gegen Geld anbieten, erzählte Kizer der "Washington Post". Ihr drei Jahre älterer Freund habe sie misshandelt, sie habe Geld gebraucht, eine Freundin habe ihr die Website empfohlen. Volar war ihr erster Kunde und schaffte es schnell, das Vertrauen des Mädchens zu gewinnen. "Er war der einzige Freund, den ich hatte", sagte Kizer der "Washington Post" aus dem Gefängnis.

Gegen den Mann wurde bereits ermittelt

Volar allerdings ging es um Sex. Ohne Kizers Wissen filmte er ihre Treffen und verkaufte sie schließlich sogar über die Seite, auf der sie sich kennengelernt hatten, an andere Männer. Als Kizer den Kontakt abbrechen wollte, drohte er – so stellt es die junge Frau dar – damit, sie umzubringen. "Ich sagte ihm, dass ich das nicht mehr tun wollte. Er sagte, ich schulde es ihm", erzählt Kizer. Am Abend der Tat habe sie sich mit ihrem Freund, der von Volar nichts wusste, gestritten. Volar ließ sie mit einem Taxi abholen, in seiner Wohnung kam es dann zu dem Mord.

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Bei der Polizei war Randy Volar kein Unbekannter. Tatsächlich ist strittig, ob er nicht bereits früher für seinen Missbrauch von Minderjährigen zur Rechenschaft hätte gezogen werden können – oder müssen. Schon im Februar 2018 war er verhaftet worden, in seiner Akte finden sich deutliche Belege für sexuelle Kontakte mit Minderjährigen. Deutlich im Sinne von Filmaufnahmen und Fotos, wie er sie auch von Chrystul Kizer anfertigte. Doch Volar wurde wieder freigelassen. Knapp vier Monate später war er tot.

Sogar ein Freispruch ist möglich

Sie habe die Tat nicht geplant, sondern sich nur gegen die Übergriffe schützen wollen, sagte Kizer zum Prozessbeginn. Theoretisch besteht sogar die Chance, dass sie freigesprochen werden könnte, schreibt die "Washington Post". Im Bundesstaat Wisconsin gibt es seit 2008 ein Gesetz, wonach Opfer von sexueller Gewalt und Sexhandel, die sich gegen ihre Peiniger wehren oder von ihnen zu Straftaten gezwungen werden, mit Strafmilderung rechnen können. Die Klausel sei aber noch nie bei einem Mord vor Gericht herangezogen worden – weder in Wisconsin noch anderswo.

Quelle: "Washington Post"