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Erfolgreichste Volksmusikgruppe Europas: Mord im Industriegebiet? Das Verbrechen, das die Kastelruther Spatzen bis heute belastet

Stehen die Kastelruther Spatzen auf der Bühne, besingen sie die heile Welt. Dabei überschattet ein Tötungsdelikt die Geschichte der erfolgreichen Volksmusikgruppe. Das Verbrechen wurde bis heute nie geklärt.

Die Kastelruther Spatzen und ihr Manager Karl Heinz Gross: Am 6. März 1998 wurde Gross in Magdeburg getötet.

Stehen die  dieser Tage auf den Bühnen ihrer Frühjahrstournee, träumen sich ihre Fans mal eben wieder ins Paradies. Sie oben singen von Heimat, von Tradition und Familie, und sie unten sehnen sich nach Geborgenheit und Liebe, irgendwo zwischen den schneebedeckten Gipfeln und den kristallblauen Bergseen von Südtirol. Das funktioniert seit Jahren so. Die Kastelruther Spatzen gelten als die erfolgreichste Volksmusikgruppe der Geschichte, groß geworden nicht zuletzt in Deutschland, Rekord-Echo-Preisträger. Ein Verbrechen passt nicht in ihre Welt. Doch die Welt ist anders, da draußen, abseits der großen Festzeltbühnen, der ausverkauften Konzerthallen und der Schallplatten-Verleihungen.

Am 6. März jährt sich der Todestag von Karl Heinz Gross. Der Freund und Manager der Kastelruther Spatzen wurde an einem verregneten Freitagabend vor 20 Jahren schwer verletzt, weit weg von den Bergen, in einem verlassenen Industriegebiet in  gefunden. Schwere Rumpfquetschung, Schädelverletzung, heißt es später aus der Gerichtsmedizin, Blut, Notoperation. Gross überlebte nicht. Am späten Abend erlag er seinen Verletzungen. Zu Hause in Südtirol warteten Ehefrau und vier Kinder auf ihn.

Die Ermittler in Magdeburg gingen schnell von einem Tötungsdelikt aus. Geklärt wurde die Tat bis heute nicht. Am Mittwochabend berichtete die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" über den Fall Gross. Wieder.  

Kastelruther Spatzen: Der Fall Karl Heinz Gross

Es ist nicht das erste Mal, dass der Tod von Karl Heinz Gross groß in den Zeitungen steht. Die "Spatzen", die heile Welt, erfolgreich wie nie, verehrt und geliebt - dann das Verbrechen: Das Medienecho Ende der 90er war enorm. Stefan Gross war damals gerade alt genug, um alles mitzubekommen: acht Jahre. Den Tag, an dem sein Vater starb, werde er sein Leben lang nicht vergessen, sagt er dem stern. "Das Geschehene ist jeden Tag präsent." Niemals vergessen, wie er am Morgen im Bett lag, sein großer Bruder weinend ins Zimmer kam und, als er fragte was los sei, meinte, er solle noch etwas schlafen. Dann die Menschen im Wohnzimmer, die Familie, die Freunde, die Nachbarn, die Tränen. "Als es dann überall im Fernsehen, im Radio, in den Zeitungen berichtet wurde, riss es mir den Boden unter den Füßen weg."

Die Familie Gross konnte damals nicht entkommen. Die Tat war überall, und überall dieselben Texte. Sie fingen an mit der Geschichte des erfolgreichen Konzerts in Magdeburg am 5. März, den begeisterten "Spatzen"-Fans in den neuen Bundesländern. Dann kam der defekte Kleinlastwagen mit den Fanartikeln dazwischen, den Karl Heinz Gross, Manager der Band und selbst mehrere Jahre lang Busfahrer, in Magdeburg in Reparatur geben wollte, während die "Spatzen" zum Konzert nach Essen weiterfuhren. Das war am 6. März.

Am frühen Nachmittag brachte Gross den Wagen in eine Werkstatt in Magdeburg-Rothensee, um 16.37 Uhr der letzte Kontakt: Karl Heinz Gross telefoniert mit der Band und schimpft über die Mechaniker. Manchmal habe er aufbrausend sein können, sagt später sein Albin Gross. Gegen 17 Uhr noch der Versuch eines Telefonats mit seiner Frau. Dann - nichts mehr. Gegen 18.15 Uhr finden Lkw-Fahrer den stark blutenden Karl Heinz Gross vor einer verlassenen Lagerhalle: Er liegt im Regen, rund zwei Kilometer von der Werkstatt entfernt.

Die Kastelruther Spatzen und ihr Manager Karl Heinz Gross: Am 6. März 1998 wurde Gross in Magdeburg getötet.


Polizei Magdeburg: Viele Theorien, aber kein Ergebnis

Bis heute wissen die Ermittler nicht, wie Gross an diesen verlassenen Ort auf der Magdeburger Steinkopfinsel gekommen ist. Ein Sprecher der Polizeidirektion Magdeburg Nord sagt dem stern, man gehe noch immer davon aus, dass der Fundort nicht der Tatort gewesen sei, dass der oder die Täter ortskundig gewesen seien, dass "kein Mensch hier entlang geht, wenn er nicht muss". Doch all das ist keine neue Erkenntnis. Nach Gross' Tod bildeten die Ermittler eine Sonderkommission mit dem Namen "Soko Spatz", mehrere Dutzend Polizisten wurden mit den Untersuchungen betraut, rund 800 Personen wurden befragt, fünf Verdächtige intensiv überprüft. Auch die Band-Mitglieder wurden verhört. Albin Gross soll damals gesagt haben: "Vergeuden Sie nicht Ihre Zeit."

Eine Theorie der Ermittler: Karl Heinz Gross wurde von einem Lastkraftwagen angefahren, dann mit einem stumpfen, harten Gegenstand am Kopf verletzt. Die Obduktion hatte eine schwere Rumpfquetschung und schwere Kopfverletzungen ergeben, das passte dazu. Ein Raubmord schien unwahrscheinlich, Gross hatte bei seinem Auffinden seine Geldtasche mit 7000 DM bei sich getragen, dazu Schmuck und ein Mobiltelefon, das für damalige Zeiten als ziemlich modern galt. Vielleicht war es ein Unfall, der vertuscht werden sollte. Vielleicht war Gross Ziel eines  Angriffs geworden, vielleicht war er Zeuge eines Verbrechens. Vielleicht. Vielleicht.

Es blieb beim Vielleicht. Jahrelang traten die Ermittler auf der Stelle, am 15. Juli 2003 wurde das Verfahren eingestellt, teilt die Staatsanwaltschaft Magdeburg dem stern mit. Grund: Ausreichende Beweise zur Überführung eines Täters lagen nicht vor. Bis heute bestand nie ein zwingender Tatverdacht gegen eine Person, keine Tatwaffe wurde bisher gefunden. Bis heute wurde im Fall Gross kein Verdächtiger festgenommen, niemand angeklagt und schon gar nicht verurteilt. Die Staatsanwaltschaft Magdeburg lässt wissen: "Der Verfahrensstand ist unverändert." Der Polizeisprecher sagt: Natürlich arbeite man mit vollem Engagement und natürlich werde man ermitteln, sollten nach der "Aktenzeichen XY... ungelöst"-Sendung Hinweise eingehen. Aber: "Es ist sehr ruhig um den Fall."

"Ich möchte dem Täter nur einmal in die Augen sehen und fragen: Warum?"

Stefan Gross hat keine Ruhe, schon gar nicht in diesen Tagen. Seine Familie habe lange darüber beraten, ob man mit dem ZDF zusammenarbeiten wolle, noch einmal an die Öffentlichkeit gehen solle, nach all den Jahren. "Dass der Fall in den Medien ist, hat für uns zwei Seiten", sagt er. Zum einen gehe es um die Aufklärung des Verbrechens, die nicht nur seine Familie verlange, sondern auch die Fans der "Kastelruther Spatzen". Zum anderen sind da die Erinnerungen, der Schmerz, immer wieder. Am Ende stimmte man zu. Noch einmal alles erzählen. "Wir als Familie sind sehr stark. Meine Mutter, meine drei Geschwister und ich wissen, dass unser Vater stolz auf uns ist. Auf uns und darauf, wie wir unser Leben bis jetzt gemeistert haben." Stefan Gross ist heute 28 Jahre alt, ein erwachsener Mann. Heute sagt er: "Ich möchte dem Täter, den Tätern nur einmal in die Augen sehen und fragen: Warum?" Seit 20 Jahren fehlt Gross für dieses Treffen das Gegenüber.

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pg