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Mord in der Klinik: Erstochen in der Psychiatrie

Sie sollte im Klinikum Bad Salzuflen ihre Magersucht bekämpfen, er seine Psychosen. Er war verliebt, sie fühlte sich verfolgt. Am Ende tötete Marius L. seine Mitpatientin Frieda mit 62 Messerstichen. Jetzt hat der Prozess begonnen.

Von Kerstin Schneider

Als ihn die Meldung vom Tod der 16-jährigen Frieda erreichte, sagte Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) seine Termine ab. Der Minister ließ sich in seiner dunklen Dienstlimousine nach Bad Salzuflen in die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie fahren. Dort war Frieda gestorben. Nicht etwa an der Magersucht, wegen der die Ärzte sie behandelt hatten. Frieda war erstochen worden, mit 62 Messerstichen in ihrem Krankenbett. Von einem 17-jährigen Mitpatienten.

"Es ist ein tragisches Unglück", sagte Laumann in die Mikrofone der wartenden Journalisten, obwohl die Arbeit der Kripo noch gar nicht getan war. Die Tat sei "nicht vorhersehbar gewesen", versicherte auch der Chefarzt. "Dieser Vorfall hätte sich in jeder anderen Einrichtung auch ereignen können."

Ein wenig abnehmen

Frieda will abnehmen. "Nur ein, zwei Kilo", verspricht sie ihrem Vater. In der Nierengegend quillt etwas Speck über ihre neue Hüftjeans. Und der soll weg. "Friedchen", wie das Mädchen auch genannt wird, weil sie so sanftmütig, still und zurückhaltend ist, wohnt bei ihrem Vater und dessen Frau. Ihre Eltern Ralf Friedrich, 45, und Brigitte Sämann, 46, haben sich scheiden lassen, als Frieda, ihre Zwillingsschwester und der ältere Bruder noch klein waren. Doch die Eltern verstehen sich gut, wohnen in Minden nur einen Kilometer voneinander entfernt, damit die Kinder zwischen den Elternhäusern pendeln können.

Frieda, die die neunte Klasse der Gesamtschule besucht, will Fotografin werden. An den Dachschrägen ihres Zimmers kleben keine Poster von Teenie-Stars, sondern fotografische Stillleben. Eisblöcke, kunstvoll garniert mit Kirschen, ein Farbspiel von Rot und Weiß. Für ihr Alter hat sie schon einen sehr ausgeprägten Sinn für Ästhetik. Nur mit ihrem Körper ist sie nicht zufrieden. Dabei ist sie mit einem Gewicht von 58 Kilo bei 1,68 Meter Größe ganz und gar nicht dick. "Ich konnte Frieda ein bisschen verstehen", erinnert sich die Mutter Brigitte Sämann. "Ein, zwei Kilo, damit die Jeans besser sitzt. Welche Frau kennt das nicht?"

Frieda verzichtet aufs Frühstück, nimmt kein Pausenbrot mit in die Schule, stochert bei den Mahlzeiten lustlos im Essen herum. Schon bald sind die vermeintlichen Speckröllchenverschwunden. "Du siehst toll aus", beneiden sie ihre Klassenkameradinnen. Frieda hungert sich auf 52 Kilo runter, längst rutscht ihr die Jeans, für die sie abnehmen wollte, über die vorstehenden Hüftknochen. Ihren besorgten Eltern sagt sie: "Ich bin noch zu dick." In ihrem Tagebuch, einer Chronik des Selbsthasses, notiert Frieda: "Ich bin eine hässliche, fette Sau."

Zusammenbruch und Krankenhaus

Alle zwei, drei Tage würgt Frieda ein paar Bissen herunter, magert ab auf 40 Kilo. An einem Morgen im Frühjahr 2007 sitzt sie zitternd im Bett und atmet schwer. Auf ihrer Stirn perlt Schweiß. Sie ist zu schwach, um aufzustehen, ihre Beine, knöchern und dünn, knicken ein. Ralf Friedrich fährt seine Tochter ins Krankenhaus, wo die Ärzte Frieda mit Tropf und Nasensonde aufpäppeln, bis im Mai 2007 ein Platz in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Bad Salzuflen frei wird. In der Klinik werden Patienten zwischen etwa drei und 18 Jahren wegen psychischer Störungen behandelt. Frieda kommt auf die K3 - eine Station, auf der Teenager untergebracht sind, Jungen wie Mädchen. "Sie müssen Geduld haben", sagen die Ärzte dem Vater.

Marius L. ist 13, als er seinen ersten Joint raucht. Seine Eltern merken nicht, dass ihr Sohn immer öfter "stoned" nach Hause kommt. Sie sind, wie seine Mutter Margot L., 50, sagt, "zu sehr mit eigenen Problemen beschäftigt". Seitdem ihr Mann seine Arbeit als Lagerist verloren hat, ist er häufig betrunken. Aus der kleinen Etagenwohnung hören die Nachbarn oft lautes Geschrei. Sie beobachten, wie Marius die Polizei holt, als sein Vater auf die Mutter losgeht. Und dass der Junge, der früher immer freundlich gegrüßt hat, nur noch verschämt zu Boden schaut.

Als sich seine Eltern im Mai 2005 trennen, ist Marius 15. Inzwischen raucht er fast täglich Cannabis. Der Junge hat die Hauptschule hinter sich, will die mittlere Reife nachholen. Doch es fällt ihm immer schwerer, sich im Unterricht zu konzentrieren. Er schwänzt die Schule, hängt mit Freunden in verwaisten Kellern ab und lässt den Joint kreisen.

Psychose durch Haschisch-Konsum

Eines Nachts schleicht er sich unbemerkt aus der Wohnung, setzt sich in einen Zug nach Bielefeld. Als die Polizei ihn aufgreift, faselt er wirres Zeug, will einen Mörder melden. Die Beamten schöpfen Verdacht, sagen der Mutter, dass ihr Sohn Drogen nimmt. Als Margot L. Marius zur Rede stellt, zuckt er mit den Achseln. "Mama, Kiffen ist harmlos. Das machen alle in meinem Alter." Seine Mutter ist beruhigt, irgendwo hat auch sie gelesen, "dass Haschisch harmlos ist".

Ein weitverbreiteter Irrtum. Kiffer laufen Gefahr, psychotisch zu werden, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie beweist: Wer auch nur einmal in seinem Leben einen Joint raucht, erhöht das Risiko, im Laufe seines Lebens an Wahnvorstellungen, Halluzinationen, manisch-depressiven Schüben oder Denkstörungen zu erkranken, um 40 Prozent. Dauerkonsumenten von Cannabis erhöhen ihr Risiko sogar um das 50- bis 200-Fache. Und Cannabis kann unter bestimmten Umständen Schizophrenie auslösen. Die Kranken leiden unter Verfolgungswahn, sehen Dinge, die nicht existieren, hören Stimmen. Sie werden, wie es landläufig heißt, verrückt. Besonders gefährdet sind Menschen, die ohnehin eine genetische Veranlagung für Schizophrenie haben. Wenn sie zum Joint greifen, so warnen Mediziner, ist eine Psychose so gut wie programmiert. Zu diesen Menschen gehört Marius L. Seine Großmutter und seine Tante leiden unter Schizophrenie. Doch der Teenager ahnt nichts von der lauernden Gefahr. Schon bald zeigen sich die ersten Symptome: "Marius hielt einen Nachbarn, den er gut kannte, für einen Polizisten und glaubte, der Mann sei hinter ihm her", erzählt seine Mutter.

Wenig später, Marius L. ist inzwischen 16, wird er von echten Polizisten mit Cannabis in der Tasche erwischt. Er muss wegen unerlaubten Erwerbs von Betäubungsmitteln vor den Jugendrichter. Doch der sieht von einer Verfolgung ab. Marius L. bekommt nur einen Eintrag ins Erziehungsregister, einen Teil des Bundeszentralregisters. In den Gerichtsakten steht bereits, dass Marius aufgrund seines langfristigen Eigenkonsums nicht nur drogenabhängig, sondern auch psychisch erkrankt" ist. Tatsächlich kifft sich der Teenager langsam um den Verstand. Er hält sich für einen Pharao, will sich im Kino die Kleider vom Leib reißen, weil ihm Stimmen befehlen, sich auszuziehen.

Die erste Behandlung

Im Sommer 2006 bringt ihn seine Mutter das erste Mal nach Bad Salzuflen. Die Ärzte diagnostizieren eine schizophrene Psychose, behandeln Marius mit Neuroleptika, bis die Stimmen in seinem Kopf verstummen. Im November 2006 wird er wieder entlassen. Doch schon nach kurzer Zeit setzt er die Medikamente ab und kifft wieder. Sofort kehren die Stimmen in seinem Kopf zurück. "Er wollte sich die Augen ausstechen, um sein Hirn aus dem Schädel zu ziehen", erinnert sich seine Mutter. Pfingstmontag, im Mai 2007, bringt Margot L. ihren Sohn wieder nach Bad Salzuflen.

Marius L. zieht ins Zimmer drei. Auf dem gegenüberliegenden Flur, im Zimmer Nummer sechs, wohnt Frieda. Die Teenager treffen sich tagsüber im Aufenthaltsraum oder am Billardtisch. Marius verliebt sich in Frieda, das bildhübsche, blonde Mädchen. Er bittet seinen Zimmergenossen Tobias, ihr in seinem Namen einen Brief zu schreiben: "Ich würde gerne mit Dir gehen." Doch das Mädchen hat genug mit sich selbst zu tun. Sie nimmt langsam zu, und mit jedem Gramm wächst die Panik, wieder gesund zu werden. Zu sehr ist die Magersucht für sie zum Lebensinhalt geworden. "Manchmal denke ich, dass ich die Krankheit nicht hergeben will und kann", schreibt sie in ihr Tagebuch. Nach einer Beziehung steht ihr gar nicht der Sinn. "Ich glaube nicht, dass wir zusammenpassen", formuliert "Friedchen" diplomatisch einen Brief an Marius. "Aber sicher findest Du eines Tages eine Freundin, die zu Dir passt."

In Wirklichkeit ist Marius Frieda unheimlich - wie den meisten Patienten auf der K3. Mal glaubt er, er sei der Teufel. Mal hört er, wie die Zimmerpalme zu ihm spricht: "Erlöse mich. Ich bin dein Opa Siegfried." Eines Abends, so erinnert sich später eine Zeugin, jagt Marius ein türkisches Mädchen über den Flur und zischt: "Ich steche dich ab." Erst als das Mädchen Schutz bei einer anderen Patientin sucht, lässt er von ihr ab.

"Ich soll mich von ihm fernhalten"

Eines Abends, Anfang August 2007, telefoniert Frieda mit ihrem Vater. "Papa, ich muss auflegen", sagt das Mädchen plötzlich. "Hier schleicht so ein Typ rum und blafft mich von der Seite an." Frieda fühlt sich verfolgt, sagt: "Ich habe Angst." Ob der "Typ" Marius L. war, ist nicht klar. Frieda nennt ihrem Vater keinen Namen. Bei Marius L. schlagen die Medikamente nicht richtig an. Die Psychose hält seinen Kopf besetzt, lässt ihn gewalttätig werden. Mitte August greift er ein Mädchen an, schlägt ihr mit der Faust ins Gesicht. Ein paar Tage später bekommt Frieda Ausgang, darf mit der Mutter in die Stadt fahren. Frieda erzählt von einem Jungen in der Klinik, vor dem sie sich fürchtet. "Der sagt, er höre eine Stimme, die ihn bedroht. Und diese Stimme heißt Frieda." - "Der ist wahrscheinlich schizophren", erklärt Brigitte Sämann ihrer Tochter. Frieda nickt. "Ich soll mich von ihm fernhalten. Und er darf mir nicht zu nahe kommen", erzählt sie. Die Mutter ist beruhigt. Sie glaubt, das Klinikpersonal sei informiert. Wer sonst sollte Frieda die Anweisung gegeben haben, sich von dem Jungen fernzuhalten?

Frieda fühlt sich verfolgt, Marius verstoßen. Er merkt, dass sie ihm aus dem Weg geht, nichts mit ihm zu tun haben will. Liegt hier das Motiv?

"Ich habe einen Plan", sagt Marius am Abend des 3. September zu seinem Zimmergenossen Tobias. Die Jungen liegen schon im Bett. "Ich bringe Frieda um." "Das lass mal schön bleiben", antwortet Tobias. Er glaubt nicht, dass Marius das ernst meint. Der redet oft wirres Zeugs, behauptet neuerdings, dass auf seinen Schultern zwei Engel säßen, die so laut auf ihn einredeten, dass er nichts verstehen könne. Und dass manchmal auch eine dritte Stimme zu ihm spreche. Die von Frieda. Tobias schläft ein. Von seinem nächtlichen Gespräch mit Marius erzählt er niemandem. Am nächsten Tag, dem 4. September 2007, geht es auf der K3 hektisch zu. Marius bittet die Schwester, nach draußen gehen zu dürfen. Die Schwester lässt ihn ziehen. Gegen 18.30 Uhr verlässt der Teenager die Klinik, geht zum nächsten Supermarkt, kauft Schokoladenkekse und ein Küchenmesser. Es ist 21 Zentimeter lang, kostet 10,99 Euro. Beim Bezahlen zittern seine Hände. Die Kassiererin hat, wie sie später zu Protokoll gibt, ein mulmiges Gefühl. Doch Küchenmesser gelten nicht als Hieb- oder Stoßwaffen. Sie sind frei verkäuflich. Auch an Jugendliche unter 18 Jahren. Gegen 21 Uhr kehrt Marius in die Klinik zurück. Die Schwester wirft einen flüchtigen Blick in seine Tüte, will sehen, ob sich der drogensüchtige Junge Cannabis besorgt hat. Doch in der Tüte liegen nur die Kekse.

Plötzlich: Schreie

Gegen 22 Uhr wird es langsam ruhig auf der Station. Im Dienstzimmer sind die beiden Nachtschwestern Anne H. und Britta G. mit der Schichtübergabe beschäftigt. Die meisten Patienten liegen schon in ihren Betten. Plötzlich gellen Schreie aus Friedas Zimmer. Die Nachtschwestern rennen über den Flur, stoßen die Zimmertür auf. Vor dem Bett steht Marius, sticht wie von Sinnen auf Frieda ein. Verzweifelt, mit letzter Kraft versucht sie sich zu wehren. Anne H. greift nach einem Stuhl, stößt ihn zwischen Marius und Frieda. Sie kann die beiden trennen, zieht Marius in einen Nebenraum. Im Vorbeigehen tritt er Frieda gegen den Kopf, zischt: "Hoffentlich stirbt sie." Als der Notarzt wenige Minuten später eintrifft, ist Frieda tot. Als die Polizisten ihn nachts aus dem Bett klingeln, begreift Ralf Friedrich erst gar nicht, was die Beamten da sagen. "Frieda ist tot." - "Aber sie war doch bloß magersüchtig", denkt der Vater. "Davon stirbt man doch nicht." Wie durch eine Nebelwand hört er die Beamten. Frieda ist erstochen worden. Von einem Mitpatienten. Die Umstände sind noch ungeklärt.

Ein paar Tage später kommt der Brief vom Minister. "Ich wünsche Ihnen die Kraft und Gottes Segen, diesen Schicksalsschlag zu überwinden", schreibt Karl-Josef Laumann.

Doch Friedas Eltern glauben nicht, dass der Tod ihrer Tochter ein solch unaufhaltsamer Schicksalsschlag war. "Spätestens nach dem Angriff auf ein anderes Mädchen hätte die Klinik reagieren und Marius verlegen müssen", sagt ihr Anwalt Detlev Otto Binder aus Bielefeld. Er will im Prozess gegen Marius wegen Totschlags, der in dieser Woche begonnen hat, eine Antwort auf die Frage, warum der gewalttätige Psychotiker gemeinsam auf einer Station mit hochsensiblen, magersüchtigen Mädchen behandelt wurde. Warum der drogensüchtige Junge überhaupt Ausgang bekam. Warum die Krankenschwester nach seiner Rückkehr nur einen kurzen Blick in die Plastiktüte warf, statt Marius gründlich zu durchsuchen.

Friedas Eltern wurden krank

Doch die Klinik schweigt. Auch der Pressesprecher des Landkreises, Träger der Klinik, will sich nicht äußern. Denn inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Detmold gegen den Chefarzt und Friedas Psychologen wegen fahrlässiger Tötung. "Wenn es Hinweise auf die Gefährlichkeit des Beschuldigten gab, hätte die Klinik möglicherweise Maßnahmen ergreifen müssen, um die Tat zu verhindern", sagt Oberstaatsanwalt Dieter Varnholt. Friedas Tod hat ihre Eltern krank werden lassen. Ralf Friedrich kann seit Monaten nicht mehr arbeiten. Brigitte Sämann schläft und isst kaum noch, muss in einer Klinik behandelt werden. Ob sie je wieder arbeiten kann, ist fraglich. Ihre "Erwerbsfähigkeit" ist laut Gutachtermeinung "erheblich gefährdet". Neulich bekam sie Post von der Krankenkasse. Krankengeld sei "nicht als Dauerleistung vorgesehen".

Mühsam kämpfen sich Friedas Eltern zurück ins Leben. Im Dezember haben sie sich mit Margot L. getroffen, der Mutter von Marius. Brigitte Sämann und Ralf Friedrich wollen verstehen, wie der Junge zu dem Teenager werden konnte, der ihre Tochter umgebracht hat. Stundenlang haben sie miteinander geredet. Margot L. hat Friedas Eltern erzählt, wie ihr Sohn anfing zu kiffen, ihr mehr und mehr entglitt, bis er abdriftete in den Wahn. Und als Margot L. fertig war mit ihrer Erzählung, sagte Brigitte Sämann: "Wir haben beide ein Kind verloren."

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