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In Dessau ermordete Studentin: So leiden die Eltern von Yangjie L.

Yangjie L. wurde brutal ermordet. Ein tatverdächtiges Paar will zuvor Sex mit der 25-Jährigen gehabt haben. Vieles spricht dagegen - dennoch machte die Staatsanwaltschaft das angebliche Sextreffen zum Thema. Die Eltern des Opfers sind fassungslos - wie der stern aus einem Brief erfuhr.

Das Opfer studierte Architektur im 5. Semester an der Hochschule Anhalt in Dessau 

Das Opfer studierte Architektur im 5. Semester an der Hochschule Anhalt in Dessau 

Yangjie L. wurde vor mehr als zwei Wochen in Dessau-Roßlau ermordet. Die 25-jährige Studentin aus China war am Abend des 11. Mai zum Joggen aufgebrochen und nicht mehr zurückgekehrt. Wenig später fand man ihre schwer entstellte Leiche in einem Gebüsch. Ein junges Paar ist dringend tatverdächtig: Ein 20-jähriger Mann und seine gleichaltrige Partnerin gaben an, sich am Tag vor dem Verschwinden der Chinesin getroffen zu haben.

Mit dem Mord will das Paar nichts zu tun haben. Es gab jedoch an, dass es zu "einvernehmlichem Sex" zu dritt gekommen sei. Dann hätte Yangjie L. die Wohnung des Paares verlassen. Für das angebliche Sextreffen gibt es bis heute keinen Beleg. Vielmehr besagen Zeugenangaben, dass Yangjie L. sich zu dem Zeitpunkt woanders aufhielt. Dem leitenden Staatsanwalt Folker Bittmann wird nun vorgeworfen, dass er die Behauptung der mutmaßlichen Täter öffentlich gemacht habe - das macht vor allem die Eltern des Opfers fassungslos. "Sie sind im Moment völlig paralysiert", sagt Architekturprofessor Rudolf Lückmann von der Hochschule Anhalt in Dessau. Er betreut derzeit die Angehörigen in Deutschland, auch er ist wütend auf den Staatsanwalt.

"Von einem Horror zum anderen"

Die Familie von Yangjie L. hält sich seit vergangener Woche in Deutschland auf. Dozent Lückmann kannte das Opfer persönlich. Er schreibt in einem Brief an den stern: "Ich bin mit den armen Menschen von einem Horror zum anderen unterwegs". Die Eltern von Yangjie wollen anonym bleiben, sie äußern sich nur über Lückmann.

Yangjie L.'s Vater und Mutter hätten Polizei und Staatsanwaltschaft darum gebeten, die Ehre der Tochter zu bewahren, der Familie die Würde zu lassen. Das Gegenteil sei der Fall gewesen. "Yangjie's Gesicht ist von den bestialischen Mördern vollständig zertrümmert worden. Staatanwälte sprechen normalerweise für diese Opfer", sagt Lückmann. "Herr Bittmann spricht allerdings die Version der Tatverdächtigen aus."

Zweifel an Geschichte der Verdächtigen aus Dessau

Der Professor fragt: "Wie kann ein Staatsanwalt solche Geschichten herauslassen, wo doch seine eigene Behörde der Schilderung der mutmaßlichen Mörder offensichtlich so wenig Glauben schenkte, dass sie das Pärchen in Untersuchungshaft genommen hat?" Bittmann hatte in einer Pressekonferenz selbst ausgeschlossen, dass die Äußerungen der Tatverdächtigen - "zumindest was den Zeitpunkt angeht" - stimmen. 

Denn Zeugen hatten mit Handyaufzeichnungen rekonstruieren können, dass sich Yangjie L. zum Zeitpunkt des angeblichen Treffens woanders aufgehalten hatte. 

In chinesischen Medien wird Yangjie L. verhöhnt

"Yangjie's Ruf ist völlig untadelig", stellt Lückmann klar. "Es gab überhaupt keine Hinweise auf ein ausschweifendes Leben." In einem Tagebuch, das die Eltern nach der Freigabe durch die Polizei in Yangjies Zimmer fanden, hätte sich nur "eine kleine Märchenwelt" erschlossen. "Eine junge Frau mit dem jugendlichen Alter angemessenen Wünschen und Träumen, nichts mehr."

Viele Bekannte hätten ihn in den vergangenen Tagen angesprochen, das Mädchen hätte sein Schicksal ja selbst heraufbeschworen. "Aber noch schlimmer ist das Echo in China", schreibt er. In vielen großen Zeitungen sei von dem angeblichen "flotten Dreier" die Rede gewesen, das Opfer verunglimpft worden. "Vergewaltigung, ausschweifende Sexualität wird dort anders als im Westen bewertet", schreibt Lückmann. Aufgrund der vernichtenden Berichterstattung in China müssten die Eltern von Yangjie womöglich den Wohnort wechseln.

"Die Aussagen von Herrn Bittmann haben den Ruf der ermordeten Tochter und ihrer Familie nachhaltig beschädigt", so Lückmann. Die Eltern von Yangjie L. werden kommende Woche mit der Urne ihrer toten Tochter zurück nach China fliegen - und dort vermutlich ein neues Leben beginnen müssen.

Die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau war auf Anfrage des stern nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Kim Schwarz