Mord in Liverpool Der tote Rhys war nur Fußballfan


Mit drei Schüssen in den Nacken wurde der elfjährige Rhys Jones in Liverpool von einem Jugendlichen regelrecht hingerichtet. Er scheint ein unschuldiges Opfer eines brutalen Gang-Krieges zu sein. Und auch in anderen Teilen Großbritanniens werden immer mehr Teenager von Gleichaltrigen mit Waffen angegriffen.
Von Cornelia Fuchs, London

Rhys Jones starb in den Armen seiner Mutter auf dem Parkplatz der Kneipe FirTree im Liverpooler Vorort Croxteth Park. Er war in den Nacken geschossen worden, dreimal hatte ein Jugendlicher mit Kapuzenshirt auf das Kind gezielt, das gerade vom Fußballtraining nach Hause ging, und war dann auf einem Fahrrad davongefahren. Nun versucht ganz Großbritannien Antworten auf die Frage zu finden, wie es dazu kommen konnte, dass ein Elfjähriger zum Mordopfer wurde.

Krieg in der Mittelklasse-Gegend

Die Anwohner von Croxteth Park hatten versucht, Hilfe zu bekommen. Sie hatten sich an ihre lokale Polizei gewandt mit der Bitte, regelmäßige Patrouillen durchzuführen in ihren Straßen, so groß war die Angst, dass bald etwas passieren könnte. Croxteth Park ist ein netter Vorort von Liverpool, hier leben Pensionäre und Familien. Croxteth Park hat aber auch ein großes Problem: Es liegt zwischen den Einflussgebieten von zwei gewalttätigen Gangs, die ihre Streitigkeiten zunehmend in die baumgesäumten Straßen der Mittelklasse-Gegend verlegen. Jugendliche haben in den vergangenen Monaten immer wieder erzählt, dass sie mit Luftgewehren bedroht worden seien.

Ein Video der Gangs aus Liverpool

Die Merseyside Polizei weiß natürlich um den Gang-Krieg der "Croxteth Crew" und "The Strand", die aus dem Stadtteil Norris Green kommen und deren kleinere Ableger ihre Waffen und Kampfhunde in Youtube-Videos im Internet präsentieren. Der Niedergang in den Stadtteilen begann mit dem Verschwinden der großen Elektronikteil-Fabriken. Chronische Arbeitslosigkeit führte zum sozialen Abstieg vieler Familien, Alkohol und Drogen sind inzwischen allgegenwärtig. Die Gangs kämpfen zwischen den Sozialwohnungs-Anlagen um ihre Einflussgebiete, vor einem Jahr wurde ein 19-jähriges Gangmitglied am Tag seiner Entlassung aus dem Gefängnis erschossen. Gestern erging das Urteil gegen die Mörder. Kämpfe zwischen den Gangs sind üblich, so die Polizei. Seit 2004 schossen Mitglieder mindestens 17 Mal aufeinander.

Der Chef der Merseyside Polizei Bernard Hogan-Howe rief erst im Februar die Bewohner von Croxteth auf, ihr Schweigen zu brechen und mit der Polizei zusammenzuarbeiten. Seit zwei Jahren arbeitet die Polizei in der "Operation Matrix" gegen die Gang-Kultur. 6500 Verhaftungen gab es in einem Jahr, Waffen wurden beschlagnahmt, ganze Gegenden mit Aufenthaltsverboten belegt. Auch die Gegend um den Pub Firtree, vor dem Rhys Jones nun erschossen wurde, sollte eigentlich eine No-Go-Area für Gangmitglieder sein.

20 ermordete Teenager

Der 11-jährige Rhys Jones ist nur eines von mehr als 20 Teenagern, die dieses Jahr durch andere Teenager ermordet wurden in Großbritannien. Der Oppositions-Führer David Cameron hat schon davon gesprochen, dass Anarchie herrsche in den Straßen des Königreichs. Tatsache ist, dass die Zahl der Gewalttaten mit Pistolen seit 18 Monaten zurückgeht, auch ist die Zahl der Opfer nicht so hoch wie auf dem Höhepunkt der Gewalttaten 2001 als 95 Menschen durch Schusswaffen starben. Tatsache ist aber auch, dass immer mehr Jugendliche auf Jugendliche losgehen und diese immer öfter töten. Und in mehr als der Hälfte der Fälle geschieht dies in an immer den gleichen Orten: in London, Manchester und den West Midlands.

Es sind vor allem 16- bis 25-jährige, die sich gegenseitig bekriegen. Und es sind Teenager, die dabei umkommen. Erst im April starb die 12-jährige Kamilah Peston in Manchester durch Pistolenschüsse, der 15-jährige Michael Dosunumu wurde in seinem Haus in London erschossen. Die Polizei sprach in seinem Fall von einer Verwechslung. Insgesamt sind in diesem Jahr allein in London 17 Jugendliche gestorben, durch Messer- oder Schusswunden.

Die Zunahme der Gewalt steht auch im Zusammenhang mit der Zunahme der Zahl Jugendlicher, die für Drogengangs als Kuriere arbeiten. Die Gangs werben immer jüngere Mitglieder, um damit die harten Gesetze gegen Waffenbesitz zu umgehen. In Großbritannien gilt eine Mindeststrafe von fünf Jahren Gefängnis für den illegalen Besitz einer Schusswaffe. Daher geben Mitglieder ihre Waffen immer öfter in die Hände von Jugendlichen, die vor Gericht noch als Minderjährige gelten können. Illegale Schusswaffen gibt es auf dem Schwarzmarkt schon für 50 Pfund, etwa 75 Euro. Dafür bekommt man eine abgesägte Schrotflinte. Auf BMX-Fahrrädern dienen die Teenager den Drogenkartellen als Kuriere und Botenjungen.

Fußballfan, kein Gang-Mitglied

Auch der Mörder von Ryhs Jones fuhr auf einem BMX-Fahrrad davon. Was die Polizei jedoch noch nicht erklären kann: Der 11-jährige Rhys Jones war, anders als andere Teenager-Opfer, auf keinen Fall Mitglied einer Bande. Rhys wird von Nachbarn als freundlicher, vorwitziger Fußballfan beschrieben, der nie ohne sein Fan-T-Shirt des Clubs Everton vor die Tür ging. Einige sprechen davon, dass es eine Mutprobe sein könnte, dieser Mord an einem Unschuldigen.

In Manchester wurde im vergangenen Jahr der 15-jährige Jessie James umgebracht, einfach, weil er nicht Mitglied einer Bande werden wollte und daher deren Mitgliedern "disrespect" - Respektlosigkeit - entgegen gebracht hatte.

Melanie Jones, die Mutter des 11-jährigen Mordopfers, appellierte gestern an Zeugen: "Jemand weiß, wer es war. Ich weiß, dass dieser jemand wahrscheinlich Angst hat. Aber wir können die Mörder nicht laufen lassen. Sie haben mein Baby umgebracht, mit einem Schuss in den Nacken. Nächstes Mal könnte es Ihr Sohn sein." Die Polizei sucht nach einem schlanken, weißen Jungen zwischen zwölf und 15 Jahren, ungefähr 1,73 groß.


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