Mord in Wien Der Lebenslauf des Schlächters


Die Leiche hat er ausgenommen wie ein Metzger, Hirnmasse und Zunge hat der Deutsche Robert A. auf einem Teller angerichtet. Selbst erfahrene Polizisten sind ob des grausamen Mordes fassungslos. Die Bluttat in Wien ist aber auch die Geschichte einer gründlich gescheiterten Jugend.
Von Markus Götting, Wien

Glücksklee. Ausgerechnet Glücksklee hat hier einer angepflanzt, in einem winzig kleinen Blumentopf, der mit einem roten Schleifchen verziert ist und auf der Fensterbank neben einem kleinen Kaktus steht. Die Gardinen, nikotingelb und schmuddelig, müssen schon mal Feuer gefangen haben, jedenfalls ist ein gigantischer Brandfleck darin. Die Reichsapfelgasse 26 im Wiener 15. Bezirk; es ist das letzte Zimmer der Wohnung mit der Nummer Sechs, ganz unten im Erdgeschoss. Die Gardinen sind zugezogen. Dahinter ist es also passiert.

Mord mit Zehn-Kilo-Hantel

Als die Polizei kommt, sieht Robert A. ganz ruhig aus. Er wehrt sich nicht gegen die Festnahme, geht auch auf niemanden los; da ist nur so eine innere Anspannung gewesen, sagen die Polizeibeamten hinterher. Die hat man schon bemerkt. Aber ansonsten? Robert A., 19 Jahre alt, geboren in Salzburg, aber deutscher Staatsbürger; er sagt nicht viel im ersten Verhör bei der Polizei. Er macht ein paar Angaben zur Person, aber über seine Tat - über seine Tat will er nicht reden. Als wäre er gar nicht dabei gewesen. Ganz sicher aber war er nicht bei sich selbst.

Josef S. hat wohl geschlafen, als Robert A. ihn erschlug. A. nahm eine Zehn-Kilo-Hantel und drosch auf den Kopf seines 49-jährigen Mitbewohners ein, immer wieder schlug er zu, mitten ins Gesicht. Es muss ein Rausch gewesen sein, er hat sein Opfer entsetzlich zugerichtet. Als die Polizei die Leiche fand, war das Gesicht kaum mehr zu erkennen. Aber immer noch steckten die Kopfhörer des MP3-Players in S.s Ohren.

Einen Tag, vielleicht sogar zwei verbrachte A. an der Seite des Toten. Niemand weiß das bis jetzt genau. A. sah fern, ging einkaufen, Kaffee trinken, dann machte er sich an der Leiche zu schaffen, schlitzte sein Opfer mit einem Messer auf, vom Hals bis zum Genitalbereich, er versuchte den Körper auszunehmen wie ein Metzger. Es war Dienstag früh, als die Putzfrau klingelte. A. öffnete, Blut an den Händen, am Mund; er nahm sie bei der Hand und sagte: "Schauen Sie, was passiert ist."

Die Putzfrau ruft die Polizei, und als die Beamten eintreffen, finden sie einen Teller auf dem Esstisch. Hirnmasse aus dem geöffnetem Schädel von S. ist dort angerichtet und die Zunge, die A. ihm heraus geschnitten hatte. Er wollte sie offenbar roh verspeisen. "Ich hab in meinem Leben schon viel gesehen", sagt ein Polizist, "aber so etwas noch nicht." Die Gerichtsmedizin wird in den kommenden Tagen klären, ob A. wirklich von seinem Opfer gegessen hat.

Übergangsquartier für Obdachlose

Im ersten Stock des Hauses in der Reichsapfelgasse steht ein Kinderfahrrad mit Stützrädern vor einer Wohnungstür. Man erschauert ein wenig bei diesem Anblick: Unten das Böse, oben die Unschuld. Und wie bitte erklären Eltern einem Kind, was hier, nur eine Etage tiefer, passiert ist?

Es war keine ganz freiwillige Wohngemeinschaft. Ein privater Sozialdienst bot den beiden Obdachlosen das Übergangsquartier an, A. lebte seit Januar in dieser Wohnung, sagen die Nachbarn, vor ein paar Monaten zog auch noch S. mit ein, und einmal in der Woche schaute Werner O. vorbei, ein selbständiger Sozialarbeiter, der dieses Projekt betreut. An sein Telefon geht Herr O. zur Zeit nicht ran. Verständlich. Aber nicht mal die Polizei, sagt Chefermittler Gerald Höbarth, kann ihn erreichen. Dabei wäre O. einer der wenigen, die dazu beitragen könnten, das Unbegreifliche begreiflich zu machen: Wieso die letzte Grenze des zivilisatorischen Umgangs fallen konnte.

Robert A. war etwa zwölf Jahre alt, als er zum ersten Mal in ein Kinder- und Jugendheim gesteckt wurde. Wegen Auffälligkeiten im erzieherischen Bereich, wie Höbarth das nennt. Immerhin hat man am Mittwoch wenigstens mit der Mutter sprechen können, die im 19. Wiener Bezirk lebt. Und nach allem, was man nun weiß über Robert A., ist seine Biographie die Chronik einer fatalen Tour durch die Erziehungsheime und Psychiatriekliniken der Stadt. Ein junger Mann, der schon als Kind harte Drogen ausprobiert hat, die offensichtlich seine Psychosen auslösten; einer, der an Wahnvorstellungen litt, fremde Stimmen hörte und als extrem aggressiv beschrieben wird. Der letzte Befund lautet: paranoide Schizophrenie.

Frau B. wohnt in der Reichsapfelgasse gleich neben dem Hauseingang wohnt. Sie sagt, sie habe jedes Mal eine Gänsehaut bekommen, wenn sie A. begegnet sei. "Der hat ja immer Selbstgespräche geführt, und geflucht hat der und verstanden hat man da nie etwas, so wie der geredet hat." Sie trägt ein Kleid, das ein wenig aussieht, als sei sie gerade aus dem Bett gestiegen, und auf dem Herd köchelt eine sehr merkwürdige Brühe oder Suppe, die auch nicht sehr schön riecht. Sie sagt: "Das geht doch mit dieser Wohnung schon seit zwei Jahren so. Ständig wohnt da wer anders. Und zwei, drei Mal die Woche ist die Polizei gekommen." Immer nur Alkoholiker, sagt sie, Verhaltensgestörte. Irre. Drei Zimmer, 60 Quadratmeter - manchmal haben die Männer zu viert in der kleinen Bude gewohnt, und wenn man die Gardinen anschaut, kann man sich vorstellen, wie es da zugegangen ist.

Ein Bekannter von Robert A., der anonym bleiben will, berichtet von mehreren Strafdelikten wie Diebstahl und Einbruch, von Alkohol und Drogen. Und vermutlich ist das die ganz große Dimension dieser Tragödie: Dass da ein Junge rum gelaufen ist wie eine lebende Zeitbombe, dessen mörderisches Gewaltpotenzial Ärzte und Betreuer unterschätzt haben. Von Josef S., seinem Opfer, heißt es, er sei Alkoholiker gewesen und geistig zurück geblieben, und die Nachbarn berichten von ewigen Streits der beiden, besonders in letzter Zeit. Und manchmal ist es eben nur ein kleiner Funke, der so ein Pulverfass in die Luft jagt. Und vielleicht reichen ein paar Worte aus, um einen Menschen derart zu entmenschlichen.


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