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Mordfälle Levke & Felix: Der Doppelmord passt nicht ins Bild

Dass der geständige Marc Hoffmann ein Mädchen und einen Jungen umgebracht haben soll, sorgt für Verblüffung bei der Polizei. Dieses Verhalten widerspricht kriminalistischer Erfahrung.

Zehn Wochen hofften und bangten die Ermittler mit den Eltern von Felix. Nun haben sie furchtbare Gewissheit: Der zierliche achtjährige Junge aus Neu Ebersdorf nahe dem niedersächsischen Bremervörde ist ermordet worden. Zu der Tat bekannte sich der 31-jährige arbeitslose Installateur Marc Hoffmann aus Bremerhaven, der vor vier Wochen bereits den Mord an der achtjährigen Levke aus Cuxhaven gestanden hatte. Nun sind die Ermittler alarmiert: Hat der Vater zweier Töchter noch mehr Opfer auf dem Gewissen?

Schon bevor Polizeitaucher am Freitag die Leiche von Felix aus dem Fluss Geeste bei Bremerhaven holten, hatte die Soko "Levke" Zusammenhänge mit ungeklärten Verbrechen aufzuklären versucht. Zunächst hatte man jedoch nur ungeklärte Delikte an Mädchen im Blick, wie der Soko-Chef Karsten Bettels am Samstag vor Journalisten erklärte.

Dafür, dass ein pädophiler Täter sich an Jungen und Mädchen gleichermaßen vergreift, finden die Polizisten aus kriminalistischer Erfahrung nur dürre Worte: "Höchst unwahrscheinlich".

Durch das jetzige Geständnis des 31-Jährigen "gewinnt der Fall eine ganz neue Dimension", sagte Bettels. Nun werde man nämlich auch ungeklärte Verbrechen an Jungen einbeziehen, "und zwar seit Marc Hoffmann seinen Führerschein hat, seit seinem 18. Geburtstag."

Seither sei der 31-Jährige, der aus Attendorn in Nordrhein-Westfalen stammt und erst seit 1995 in Bremerhaven lebte, mobil gewesen. Bettels forderte jeden Bekannten des Mannes von Jugend an auf, sich bei der Polizei zu melden, um so ein "Bewegungsbild" zu erhalten. "Klar ist für mich aber auch, dass er nicht für alle ungeklärten Taten in Frage kommen kann", schränkte der Soko-Leiter ein.

Was ist mit Adelina?

Doch vielleicht für weitere ungeklärte Kindermorde im Elbe-Weser-Dreieck? Die Ermittler wollen nichts ausschließen. Und auch kein Zufall ist, dass der für den Mordfall Adelina zuständige Bremer Staatsanwalt Uwe Picard am Samstag zur Pressekonferenz nach Cuxhaven kam. Die Zehnjährige hatte am 28. Juni ihren Urgroßvater in einem Hochhaus besucht und war danach verschwunden. Ihre Leiche wurde am 6. Oktober 2001 in einem Wald bei Bremen gefunden.

Der Mörder muss Adelina irgendwo auf dem kurzen Weg zurück zur Mutter begegnet sein. Ob auch in diesem Fall der Täter ziellos mit dem Wagen herumfuhr und das Kind einfach von der Straße wegschnappte? Die Ermittler wissen bislang nur: Marc Hoffmann hat gestanden, dass er die achtjährige Levke am 6. Mai zufällig an der Straße stehen sah und in sein Auto lockte.

Ungeklärt ist auch der Mord an der achtjährigen Johanna aus Ranstadt-Bobenhausen in Hessen, die am 2. September 1999 verschwand und sieben Monate später tot aufgefunden wurde.

Bisherige Annahme: Hoffmann interessiert sich nur für Mädchen

Die Polizei war bisher davon ausgegangen, dass Hoffmann sich nur für kleine Mädchen interessierte. Jetzt sollen auch ungeklärte Morde an Jungen auf Hinweise überprüft werden. Ins Blickfeld rückt vor allem der Fall des neunjährigen Dennis aus Osterholz-Scharmbek. Er verschwand am 5. September 2001 aus einem Schullandheim Wulsbüttel im Landkreis Cuxhaven und wurde am 19. September im benachbarten Landkreis Rotenburg tot aufgefunden. Dennis wurde nach Einschätzung der Polizei von einem päderasten Serientäter ermordet, der für rund 40 Sexualdelikte im Großraum Bremen und für vier weitere Morde in Schullandheimen, Internaten und Zeltlagern verantwortlich sein könnte.

Der Mann soll stets schwarz maskiert auftreten, sehr groß sein und offensichtlich gut auf Kinder eingehen können. Er könnte bereits 1992 den Mord an dem 13-jährigen Stefan begangen haben, der aus einem Internat in Scheeßel im Landkreis Rotenburg verschwand und später in Verden tot aufgefunden wurde.

Der achtjährige Dennis verschwand 1995 aus einem Zeltlager in Schleswig-Holstein; seine Leiche wurde in Dänemark gefunden. 1998 wurde der elfjährige Nikky nach einem Aufenthalt im Zeltlager nahe dem holländischen Brunssum ermordet aufgefunden. Im April 2004 verschwand der elfjährige französische Schüler Jonathan aus einem Schullandheim am Atlantik. Ende Mai wurde er ermordet aufgefunden.

Aus Marc Hoffmanns Vergangenheit war bislang unter anderem bekannt, dass er 1994 für die Vergewaltigung einer 17-Jährigen im Raum Olpe verurteilt worden war. Die Siegener Staatsanwaltschaft hatte ihn nicht als Wiederholungstäter eingestuft und deshalb keine Erfassung seines DNA-Profils veranlasst. Die DNA-Daten hätten die Ermittler bei der Aufklärung des Mordes an Levke nichts genutzt, hatte die Staatsanwaltschaft Stade im Dezember erklärt. Denn man habe keine für einen Vergleich geeignete DNA gefunden.

Imke Zimmermann/AP/AP