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Leiche soll exhumiert werden Er zerstückelte die Leiche seiner Frau: Wie Dr. Crippen mit modernster Technik der Zeit überführt wurden

Dr. Hawley Harvey Crippen
Dr. Hawley Harvey Crippen brachte 1910 seine Frau um. Die Aufklärung des Mordes gelang durch technischen Fortschritt. 
© akg-images/ / Picture Alliance
Der Mordfall von Dr. Crippen gehört zu den bekanntesten in Großbritannien. Denn durch moderne Technik konnte der Mann überführt werden. Nun will seine Familie aus den USA den Leichnam exhumieren und zurück in die Heimat bringen lassen. Dabei soll auch Boris Johnson helfen.

Der Fall des Hawley Harvey Crippen bewegte vor über 100 Jahren ganz Großbritannien. Denn der aus den USA stammende Mann hatte nicht nur gemordet. Ihm war auch die Flucht geglückt. Nur dank moderner Kommunikations- und Fortbewegungstechnik konnte er festgenommen und verurteilt werden. Ein Triumph des Fortschritts.

Dr. Crippen war um das Jahr 1900 mit seiner Frau Cora aus dem US-Bundesstaat Michigan nach London gezogen. Die Frau des Mediziners verfolgte einen großen Traum: Sie wollte Opernsängerin werden. Crippen unterstützte sie, mit allerlei Kursen und finanzierte Agenten. Unter dem Pseudonym Belle Ellemore versuchte sie, den großen Durchbruch zu schaffen. Doch das mangelnde Talent seiner Frau konnte Crippen mit Geld nicht aus der Welt schaffen. Und so stürzte sich die unzufriedene Frau in Alkohol und Männergeschichten. Auch Crippen suchte sein Glück außerhalb der Ehe in Affären. 

Diese Entwicklung muss man kennen, denn sonst wäre die Ehe der Crippens nicht als sonderlich zerrüttet wahrgenommen worden, obwohl sie wohl genau das war. Dennoch: In der Öffentlichkeit gaben sich die Eheleute Crippen harmonisch, luden Freunde zu sich ein. So auch am Abend des 1. Februar 1910. Das Ehepaar Martinetti war zu Gast gewesen, es wurde gut gegessen und sich unterhalten. An der Tür verabschiedeten die Crippens ihre Freunde.

Es soll das letzte Mal gewesen sein, an dem Cora Crippen gesehen wurde. 

Denn Dr. Crippen vergiftete seine Frau danach mit einem Giftcocktail, zerteilte die Leiche und vergrub die Überreste unter den Kellerfliesen. Freunden und Bekannten erzählte er, dass seine Frau in die USA zurückgekehrt sei. Ein Krankheitsfall in der Familie - so redete sich Crippen raus. Verdacht schöpften dennoch einige - immerhin zeigte sich Crippen mit seiner neuen Geliebte Ethel le Neve. Als die auch noch den Schmuck und die Kleider seiner ja angeblich nur verreisten Frau trägt, rufen Freunde die Polizei. Die nachgeschobene Nachricht, dass seine Frau Cora in den USA verstorben sei, glaubt ihm jetzt niemand mehr. 

Dr. Crippens Geschichte des gehörnten Ehemanns

Als Scotland Yard den kleinen, schmächtigen Mann befragt, knickt dieser ein und gibt zu, die Geschichte mit der Reise und dem Tod seiner Frau nur erfunden zu haben - und liefert dafür auch einen Grund: Er habe sich geschämt, dass sie ihn verlassen habe. Sie sei mit einem alten Freund auf und davon. Das klingt für die Ermittler plausibel. 

Doch als Crippen mit seiner neuen Flamme überstürzt die Stadt verließ, über Brüssel nach Antwerpen und von dort an Bord eines Schiffes nach Kanada, werden die Kriminalbeamten aktiv. Sie stellen das Haus von Crippen auf den Kopf und finden die Leiche seiner Frau. Die Kriminaltechnik erlebte in seinem Fall eine Sternstunde: Dem Arzt und Toxikologen William Henry Willcox gelang es, das Gift im Körper der Toten nachzuweisen und die exakte Dosis herauszufinden.

Crippen war schuldig, da waren sich die Ermittler sicher. Aber er war auch weg, an Bord eines Schiffes, zig Seemeilen entfernt. Ohne moderne Technik hätte Crippen bei seiner Ankunft in Kanada genug Zeit gehabt, um unterzutauchen. Doch die neueren Schiffe verfügten über einen Funktelegrafen. Und so kam es, dass der Kapitän der "Montrose" sehr schnell informiert wurde, wer sich da auf seinem Schiff aufhält.

Chief Inspector Walter Dew von Scotland Yard selbst fackelte auch nicht lange und ging an Bord der "SS Laurentic", einem deutlich schnelleren Schiff, dass die "Montrose" sogar noch überholte. In Kanada kam es zum großen Finale: Crippen, ohne Brille und Schnurrbart, und seine Freundin, die sich als Junge verkleidet hatte, trafen auf Dew, der in der Verkleidung eines Lotsen an Bord gekommen war. Er verhaftete Crippen und stellte ihn vor Gericht. Die Jury war sich schnell einig, nach 27 Minuten fällten sie ihr Urteil: schuldig. Hawley Harvey Crippen starb am 23. November 1910 durch den Strick.

Mörder exhumieren? 

Ein über 100 Jahre alter Mordfall wird nun wieder aktuell - denn die amerikanische Familie Crippens will seinen Leichnam in die USA überführen. Noch immer liegen die Gebeine des verurteilten Mörders auf dem Gelände des Pentonville-Gefängnisses in Islington im Norden Londons. Doch das soll sich ändern. Patrick Crippen aus Dayton, Ohio, glaubt fest an die Unschuld seines Verwandten und will seine Leiche auf dem Grundstück der Crippen-Familie beisetzen. 

Collage: Junges, braunhaariges Mädchen; Zigarettenstummel

Um sein ungewöhnliches Gesuch zu realisieren, holt sich Crippen prominente Hilfe: Er schrieb nicht nur dem britischen Justizminister Robert Buckland, sondern auch dem britischen Premierminister Boris Johnson: "Ich schreibe Ihnen als den am nächsten lebenden männlichen Verwandten von Hawley Harvey Crippen, der 1910 wegen Mordes angeklagt und hingerichtet wurde.  Ich beantrage die Exhumierung von Hawleys Leiche zur erneuten Bestattung in Coldwater, Michigan, USA, wo er geboren wurde. Auf dem Friedhof befindet sich ein Familiengrab mit drei verfügbaren Grabstellen."

Das Justizministerium bestätigte inzwischen, dass ein solches Gesuch eingegangen ist. Allerdings nicht zum ersten Mal: Bereits 2010 versuchte ein weiterer Verwandter des Dr. Crippen seine Leiche in die USA zu bringen. Der Antrag wurde abgelehnt. Der Anverwandte hatte allerdings auch auf eine posthume Begnadigung gepocht. Das versucht Mister Crippen aus Ohio nicht mehr zu erwirken.

Ob das Gesuch bei Boris Johnson Unterstützung findet, ist unklar. Ein Sprecher des Außenministeriums ließ den britischen "Telegraph" wissen, dass jeder, der eine Exhumierung von Überresten durchführen wolle, die notwendigen Lizenzen und Genehmigungen einholen müsse.


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