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"Nicht bereit, diese Akte zu schließen": Vor zehn Jahren wurde Maria Bögerl entführt und ermordet – wie die Polizei den Täter noch fassen will

Es ist einer der bekanntesten ungeklärten Mordfälle der Republik: Vor zehn Jahren wird Maria Bögerl aus ihrem Haus in Heidenheim entführt. Wochen später findet ein Spaziergänger ihre Leiche. Das Schicksal der Bankiersfrau lässt die Ermittler nicht los.

Mordfall Bögerl

Vor genau zehn Jahren wurde Maria Bögerl entführt, eine Woche später wandten sich ihr Ehemann und ihre Kinder bei "Aktenzeichen XY ... ungelöst" an den oder die Täter, am 3. Juni wurde der Leichnam in einem Waldstück entdeckt

DPA

Es ist ein Vormittag im Mai, an dem Maria Bögerl in ihrem Haus im württembergischen Heidenheim überwältigt wird. Mit Handschellen wird die Frau des damaligen Sparkassenchefs gefesselt, zu ihrem Auto gebracht und entführt. Kurze Zeit später klingelt das Telefon ihres Ehemanns Thomas Bögerl. Der Entführer fordert 300.000 Euro Lösegeld, schnell. Der Ablageort soll an der A7 sein, markiert mit einer Deutschlandflagge. Doch das gelieferte Geld wird nie abgeholt.

An diesem Dienstag ist das genau zehn Jahre her: die Entführung, die Erpressung – und schließlich ein nicht auszuhaltendes Warten. Warten auf einen weiteren Anruf des Entführers, der nie kommt. Warten auf ein Lebenszeichen der Frau, das es nicht gibt.

Ermittlungen im Mordfall Maria Bögerl gehen weiter

In ihrer Verzweiflung wenden sich Ehemann und Kinder der Entführten knapp eine Woche später über die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY ... ungelöst" an die Öffentlichkeit. Sie flehen um die Freilassung der Mutter und Ehefrau. Das Bild des Vaters mit Sohn und Tochter brennt sich ein ins kollektive Gedächtnis.

Der Ehemann und die Kinder von Maria Bögerl

Der Ehemann und die Kinder von Maria Bögerl richteten im Fernsehen einen Appell an den oder die Entführer

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Doch der Schritt in die Öffentlichkeit ist vergebens. Knapp drei Wochen später findet ein Spaziergänger in einem Waldstück ganz in der Nähe der Geldübergabestelle die Leiche der 54-Jährigen.

Heute vermuten die Ermittler, dass Maria Bögerl bereits kurz nach ihrer Entführung erstochen wurde. "Wir gehen anhand unserer Befunde davon aus, dass sie zeitnah am Tattag zu Tode kam – zwischen Erpresseranruf und Geldübergabe", sagt Thomas Friedrich, der die Ermittlungen in dem Fall seit Anfang 2014 leitet. "Mutmaßlich wäre sie nicht zu retten gewesen." 

Der Leichnam von Maria Bögerl wurde am 3. Juni 2010 in einem Waldstück bei Heidenheim-Nietheim gefunden

Der Leichnam von Maria Bögerl wurde am 3. Juni 2010 in einem Waldstück bei Heidenheim-Nietheim gefunden

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Fast sechs Jahre lang hatte sich die "Soko Flagge" um die Aufklärung des Falls gekümmert, ein weiteres Jahr eine personell reduzierte Ermittlungsgruppe. Aktuell ist noch der erfahrene Mordermittler Michael Bauer beim Polizeipräsidium Ulm damit beschäftigt. 

"Dass so lange in Soko-Besatzung mit 40, 50 Leuten ermittelt wurde, ist in Deutschland einzigartig", sagt Friedrich. Kontinuierlich werde an dem Fall gearbeitet. Im Januar gab es die letzte größere Aktion: Die Wohnungen von drei Beschuldigten wurden durchsucht. Doch auch diese Spur führte ins Nichts.

Kinder kritisieren im stern die Polizei 

Für Christoph und Carina Bögerl ist es furchtbar. Knapp ein Jahr nach dem Tod der Mutter nimmt sich der Vater das Leben. Er war in Verdacht geraten, in den Fall verwickelt zu sein. Die Verleumdungen, die erfolglosen Ermittlungen der Polizei und den Verlust seiner Frau habe er nicht ertragen, hieß es in der Traueranzeige der Familie. 

Die Kinder geben dem stern im Jahr 2012 ein langes Interview, kritisieren darin die Arbeit der Ermittler scharf. "Das Ausmaß an Pannen hat unser Vertrauen zerstört. Die Instanz, die dazu da ist, dir zu helfen, macht tausend Fehler und versinkt in planlosem Aktionismus", sagt Tochter Carina, damals 29 Jahre alt. Ihrem Vater allein habe man die Beschaffung des Lösegelds überlassen, kritisieren die Kinder unter anderem in dem Interview. "Wir haben", sagt Carina Bögerl, "den Soko-Chef in einem späteren Gespräch so verstanden: Wenn ein Bankdirektor das nicht könne, wer dann?"

Sohn Christoph, seinerzeit 25, und der Lebensgefährte der Tochter Carina geraten nach der Entführung ebenfalls selbst unter Tatverdacht. Die Ermittler verdächtigen sie, wenige Tage vor der Tat mit dem Entführer telefoniert zu haben. Der sollte sich im Haus des Ehepaars Bögerl, das zu diesem Zeitpunkt nicht daheim war, aufgehalten und die Tat vorbereitet haben. Wie sich herausstellt, basiert dieser Verdacht jedoch auf falsch gespeicherten Uhrzeiten in der Telefonanlage. Später stellt die Staatsanwaltschaft Ellwangen klar: "Umfangreiche Ermittlungen" hätten "keine Anhaltspunkte" dafür ergeben, dass "der oder die Täter" aus dem Kreis der Familie kämen.

Mit diesem Bild fahndete die Polizei nach Maria Bögerl

Mit diesem Bild fahndete die Polizei nach Maria Bögerl

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Als Vorstandschef war Bögerl in der Region sehr bekannt. Der spektakuläre Fall bewegte die Menschen. Die Bilder der wochenlangen Suchaktion, die Hoffnung, die Umstände der Entführung – all das bleibe in Erinnerung, sagt Heidenheims Oberbürgermeister Bernhard Ilg. Der CDU-Politiker war schon 2010 im Amt. Es sei sehr bedrückend, dass der Mörder auch nach zehn Jahren nicht gefunden worden sei.

DNA-Spur macht Ermittlern Hoffnung

Doch nach Angaben von Polizist Friedrichs gibt es noch viele Ermittlungsansätze. Derzeit würden vor allem noch physikalische Daten, beispielsweise aus Funkzellen, ausgewertet. Mehr als 10.000 Spuren seien gesammelt worden. In eine setzen Friedrich und seine Kollegen weiterhin große Hoffnung: eine DNA-Spur. "Die ist zu 100 Prozent tatrelevant", sagt der Ermittler. Es fehle leider immer noch der passende Treffer. Unter den 8000 Speichelproben, die man bisher von Männern aus der Region genommen habe, sei keine passende dabei gewesen. 

Vermutet wird, dass der Mörder aus der Region stammt – männlich, im mittleren Alter. Der Profiler und frühere Bremer Mordermittler Axel Petermann kann sich gut vorstellen, dass Bögerl ihren Mörder kannte. Dafür spreche das abrupte Ende der Entführung. Nach der Tat eines Profis sehe das alles nicht aus. "Wenn Opfer ihre Täter kannten und erkannten, sorgt die Angst vor einer Aufdeckung der Tarnung oft für eine Kurzschlussreaktion", sagt der Experte. Er glaubt an eine Gewalttat aus Geldnot. 

Auch Chefermittler Friedrich geht von einem finanziellen Motiv aus. "Doch die Tarnung war dem Täter wohl wichtiger als das Geld", mutmaßt der Beamte. "Fragen kann ich ihn aber erst, wenn er vor mir sitzt." Wie wahrscheinlich das ist, will Friedrich nicht in Prozentzahlen ausdrücken. "Solange es erfolgversprechende Ermittlungsansätze gibt, ist weder die Staatsanwaltschaft noch die Polizei bereit, diese Akte zu schließen."

wue / stern / DPA