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Mordfall in Eislingen Wenn Stalking tödlich endet

Mordfall in Eislingen: Wenn Stalking tödlich endet
1. Rechtlich sind Frauen erst seit zehn Jahren abgesichert: Vergewaltigung in der Ehe war bis 1997 in Deutschland legal. 


2. Jede dritte Frau in der EU ist seit ihrer Jugend Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt geworden.


3. Fast 40 Prozent der Opfer von sexueller Gewalt sind jünger als 21 Jahre.


4. Sexuelle Gewalt gegen Männer ist auch keine Seltenheit: Von 1998 bis 2002 wurden 5178 Fälle gemeldet. 


5. Die Zahl der gemeldeten sexuellen Straftaten gegen Frauen in diesem Zeitraum war etwa zehn Mal so hoch. 


6. Der Großteil der Opfer kennt den Täter bereits vor der Tat.
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Cornelia J. wollte, dass ihr Leben neu beginnt, ihr Mann wollte, dass es endet. Der Fall erschüttert das schwäbische Eislingen. Er zeigt, dass auch das verschärfte Gesetz gegen Stalking nicht hilft – wenn einer bereit ist, bis zum Äußersten zu gehen.
Von Ingrid Eißele

Auf dem Altar der Liebfrauenkirche liegen Scherben aus Ton. Symbole "für drei zerbrochene Leben", sagt der Pfarrer am vergangenen Donnerstag während eines Gedenkgottesdienstes. Er bittet die Besucher, Teelichter zwischen die Scherben zu stellen, um "ein wenig Licht in dieses Dunkle zu bringen". Es ist eine Geste, die viel sagt über die Hilflosigkeit in diesen Tagen im schwäbischen Städtchen Eislingen.

Eine Woche zuvor, um die Mittagszeit des 19. Oktober, hat eine Frau in einer Tiefgarage nahe dem Bahnhof einen BMW entdeckt, in dem drei Menschen saßen. Alle drei waren Mitarbeiter der Stadtverwaltung. Alle drei waren tot. Dem Fahrer und der Beifahrerin, das ergaben die Ermittlungen der Polizei, wurden die Kehlen durchschnitten. Der Mann auf der Rückbank starb durch einen Kopfschuss. Er war Hausmeister, 56 Jahre alt, heißt Markus J. Nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen tötete er offenbar seine Ehefrau Cornelia und deren Kollegen Yannik P., bevor er sich selbst erschoss.

Mordfall in Eislingen – Wenn Stalking tödlich endet
Polizisten an der Einfahrt zu der Tiefgarage, in der sich das Drama ereignete
© Christina Zambit/Imago

Das Annäherungsverbot galt nur für fünf Tage

Es ist nun viel von Tragik die Rede, von Bestürzung und auch von Machtlosigkeit. Die Kirche fasst die Menschen kaum, die versuchen zu begreifen, warum eine Trennung in einer Katastrophe endete. Und die sich womöglich fragen, ob man hätte ahnen können, dass es so weit kommen würde. Ob man irgendetwas hätte tun können.

Als Cornelia J., 56, und ihr Kollege Yannik P., 26, sich ineinander verlieben, entscheiden sie, sich nicht zu verstecken. Sie leben ihre Beziehung offen und selbstbewusst, und augenscheinlich gibt es nur einen, für den das Glück der beiden unerträglich ist: Markus J. In der Ehe soll es angeblich schon länger kriseln. Nun ist der Punkt erreicht, an dem seine Frau Cornelia zwar noch die Wohnung, aber nicht mehr das Leben mit ihm teilt.

Am Abend des 14. Juni eskaliert die Situation. Das Ehepaar hat Streit, Cornelia J. wirft ihrem Mann Körperverletzung und Vergewaltigung vor. Die Polizei rückt an und will Markus J. der Wohnung verweisen, doch der wehrt sich, er stößt einen Polizisten um und flüchtet aufs Dach, er droht, sich herunterzustürzen. Am Ende ist die Polizei mit vier Wagen vor Ort.

Es gelingt den Beamten, J. vom Dach zu holen. Er erhält eine Anzeige wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und landet in Polizeigewahrsam. Nach einigen Stunden und einer "Gefährderansprache" wird er freigelassen, mit der Auflage, sich der Wohnung nicht zu nähern.

Aber das Annäherungsverbot der Polizei gilt nur für fünf Tage. Cornelia J. könnte es beim Ordnungsamt der Stadt verlängern lassen, doch sie verzichtet auf den Antrag. Die Situation scheint sich zu entspannen. Sie ziehe nun weg, in eine Ferienwohnung, erklärt sie einer Kollegin am 19. Juni. Neun Tage darauf will sie keine Aussage mehr zu den Vergewaltigungsvorwürfen machen, sagt Michael Bischofberger, Pressesprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft Ulm. Eine Begründung dafür nennt sie nicht. Das Verfahren wird daraufhin eingestellt, denn ohne Zeugin können die Ermittler den Vorwurf nicht klären. Der Ehemann geht freiwillig für einige Tage in eine psychiatrische Klinik. Der Friede hält nicht lange. Schon Anfang Juli beginnt der eifersüchtige Ehemann, seine Frau mit beleidigenden Mails, SMS und Whatsapp-Nachrichten zu überziehen. Cornelia J. findet zudem anonyme Briefe in der Post.

Manche sagen, Markus J. habe "zwei Gesichter" gehabt

Markus J. lauert Yannik P. im "Oak Club" auf, wo der nach Feierabend an der Bar jobbt. J. bekommt deshalb Hausverbot. Er wird verdächtigt, das Auto von Yannik P. auf dem Parkplatz des Clubs zerkratzt zu haben. Beweisen lässt sich dies nicht.

Am 28. Juli erscheint die Polizei zur zweiten "Gefährderansprache" und verbietet Markus J. erneut jeden Kontakt zu seiner Frau. Die Beamten können den Bann wieder nur für wenige Tage aussprechen. Aber am 9. August verhängt auch das Amtsgericht Göppingen auf Antrag von Cornelia J. ein Annäherungsverbot – und dieses gilt nun für sechs Monate. Markus J. darf sich seiner Frau und ihrem Partner nicht mehr nähern, auch nicht am Arbeitsplatz – andernfalls riskiert er Haft.

Der Richterspruch scheint zu wirken. Markus J. zeigt sich einsichtig. Er verzichtet sogar auf die mündliche Anhörung und akzeptiert die Auflagen. Erneut hat es für kurze Zeit den Anschein, als könne die Ehe der J. einigermaßen geordnet auseinandergehen.

Cornelia J. engagiert sich seit einigen Jahren für die FDP. Sie hilft im Kreisverband dem stellvertretenden Vorsitzenden Hans-Peter Semmler bei der Organisation seines Bundestagswahlkampfs. Semmler schätzt die Frau wegen ihrer "positiven Lebenseinstellung". J. sei hilfsbereit, zupackend, uneigennützig gewesen. Eheprobleme deutet sie in all den schwierigen Monaten allenfalls an. Wenn Semmler sie gelegentlich nach ihrem Mann fragt, sagt sie: "Puh, keine Ahnung, wo der ist."

Nachdem sie aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen ist, öffnet sie sich erstmals ein wenig. Sie und ihr Mann hätten sich auseinandergelebt, vertraut sie Semmler an. Das Fass sei voll. Sie weint. Ein paar Wochen später erzählt sie strahlend von ihrem neuen Freund. Hans-Peter Semmler freut sich. Alles sieht nach Neuanfang aus.

"Alle wussten, dass er Hilfe braucht"

Heute gehört Semmler zu denen, die sich Fragen stellen. Er grübelt, ob er nicht aufmerksam genug war. Hat er Signale überhört? Hätte er Cornelia J. warnen, den Mann konfrontieren können?

Manche sagen, Markus J. habe "zwei Gesichter" gehabt. Einerseits sei er freundlich gewesen, umgänglich, hilfsbereit. Andererseits ein Mann mit "hohem Aggressionspotenzial", keiner, "mit dem man gern Probleme hat". Eine Kollegin, die Opfer und Täter kannte, sagt: "Alle wussten, dass er Hilfe braucht, dass er auch vor sich selbst geschützt werden muss." Er sei schnell wütend geworden und ausgetickt, berichten Eltern, deren Kinder die Gemeinschaftsschule besuchen, an der er arbeitete.

Die Polizei habe nichts unversucht gelassen, um seine Frau und ihren neuen Partner zu schützen, sagt Michael Bischofberger. Cornelia J. sei mit einem Codewort ausgestattet worden – für den Fall, dass sie nicht offen mit der Polizei kommunizieren kann, wenn sie von ihrem Ehemann angegriffen wird.

Sogar J.s Zwangseinweisung in die Psychiatrie wurde erwogen. Aber dazu muss bewiesen sein, dass einer sich oder andere gefährdet – und das konnten die Ärzte damals offenbar nicht erkennen.

Bis zum Frühjahr dieses Jahres waren Stalking-Opfer den Nachstellungen ihrer Verfolger oftmals hilflos ausgeliefert. Sie mussten Beweise dafür vorbringen, wie sehr das Stalking ihnen zusetzte. Seit März 2017 gilt der verschärfte Paragraf 238. Danach drohen einem Stalker bereits bis zu drei Jahre Haft, wenn er einer Person in einer Art nachstellt, die "geeignet ist, deren Lebensgestaltung schwerwiegend zu beeinträchtigen".

Sanktionen beeindrucken viele Stalker, und möglicherweise war das zunächst auch bei Markus J. so. Denn nach dem richterlichen Kontaktverbot habe es keine Belästigungen mehr gegeben, so Oberstaatsanwalt Bischofberger. Ein anonymer Drohbrief, den Cornelia J. im August nach einem Urlaub fand, könnte zwar von ihm gestammt haben. Nachweisen ließ sich das aber nicht.

Bei einigen Tätern, Experten wissen das, kann auch das verschärfte Gesetz, kann auch die Androhung von Haft auf Dauer nichts ausrichten. "Das Annäherungsverbot steht auf Papier", sagt Bischofberger. Einen zu allem entschlossenen Täter werde es "schwerlich abhalten können". Und Polizeischutz gibt es nur in Ausnahmefällen, beispielsweise für Zeugen gegen die Mafia, nicht aber bei der Verfolgung durch Stalker.

Er bringt zwei Schusswaffen und zwei Messer mit

Am 19. Oktober wollen Cornelia J. und ihr Freund mit dem BMW der Frau zur Arbeit fahren, sie parken in einer Tiefgarage, die von Mitarbeitern der Stadtverwaltung genutzt wird. Irgendwo lauert Markus J. Es gibt keine Zeugen. Auch zwei Wochen nach dem Doppelmord ist nicht geklärt, warum nicht zumindest einer der beiden flüchten konnte. Markus J. hat sich offenbar vorbereitet. Er bringt zwei Schusswaffen und zwei Messer mit, dazu einen Abschiedsbrief, den er im Auto hinterlässt, bevor er nach der Tat mit einem Kopfschuss sein eigenes Leben beendet.

Yannik P. sei "ein ganz herzlicher und kluger junger Mann mit viel Potenzial und großen Zielen" gewesen, sagen seine Bekannten. Er wollte in den USA arbeiten, bei Disneyland in Orlando.

"Wären sie doch beide ausgewandert", heißt es in Eislingen.

Es wäre womöglich eine Chance gewesen. So wie es aussieht, die einzige.

Der Artikel über den Mordfall von Eislingen ist dem aktuellen stern entnommen:

Honeymoon-Horror: Mord in Kapstadt

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