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Mordfall Jakob von Metzler: Ein Mörder und die Menschenrechte

Ein Junge wird getötet, ein Polizist droht mit Folter, der verurteilte Täter klagt sich durch die Instanzen: Kaum ein Fall wurde in Deutschland so kontrovers diskutiert wie der Mord an Jakob von Metzler. Nun zieht der Kindermörder Magnus Gäfgen wegen der Folterdrohung vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte - und könnte Erfolg haben.

Von Malte Arnsperger

Er ist ein Mörder. Er hat einen elfjährigen Jungen entführt und ihn getötet. Er hat gestanden. Er wurde 2003 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Sein Fall ist abgeschlossen. Eigentlich. Doch nun könnte es tatsächlich erneut einen Prozess gegen Magnus Gäfgen wegen des Mordes an Jakob von Metzler geben. Denn der heute 33-Jährige hat vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) Beschwerde gegen seine Verurteilung eingelegt. Die Straßburger Richter wollen am Montag eine Entscheidung bekannt geben. Sollte Gäfgen Erfolg haben, könnte er eine Wiederaufnahme seines Verfahrens erwirken. Damit würde nicht nur Rechtsgeschichte geschrieben, es würde auch ein emotional enorm belasteter Fall wiederaufgerollt.

Geständnis nach Gewaltandrohung

1. Oktober 2002. Die Frankfurter Polizei startet einen letzten, einen verzweifelten Versuch, ein Kinderleben zu retten: Stundenlang hatte sie Magnus Gäfgen zuvor verhört. Die Ermittler sind sich sicher, dass dieser Mann vier Tage zuvor den kleinen Jakob von Metzler entführt hat. Doch wo ist das Kind? Die Zeit wird knapp, der Elfjährige ist möglicherweise verletzt, hat vielleicht nichts zu trinken, kurzum: schwebt in Lebensgefahr. Gäfgen aber tischt eine Lüge nach der anderen auf. Um endlich den Aufenthaltsort des Bankierssohns zu erfahren, fällt der damalige Vizepolizeichef Wolfgang Daschner in den Morgenstunden dann eine Entscheidung mit enormer Tragweite. Daschner weist den Beamten Ortwin E. an, Gäfgen Schmerzen anzudrohen. Prompt knickt Gäfgen ein und verrät der Polizei das Versteck des Kindes. Doch Jakob von Metzler ist bereits tot.

Der Tod des Jungen und vor allem die Maßnahme Daschners lösten damals eine intensive Debatte darüber aus, was ein Polizist - und damit der Staat - in einer Ausnahmesituation tun darf. Ist Daschner, der seine Gewalt-Anweisung nicht verheimlichte, ein Held oder ein Verbrecher? Steht das Leben eines Menschen über dem verfassungsrechtlichen Schutz vor Folter? Nein, war die fast einhellige Meinung der Experten, das Folterverbot ist absolut. Müssen Daschner und sein Untergebener dann auch für ihre Taten büßen? Nein, meinten viele Bürger und Politiker. Ja, urteilte jedoch ein Gericht und verhängte gegen Daschner und Ortwin E. im Dezember 2004 Geldstrafen auf Bewährung.

Geständnis in der Hauptverhandlung

Schon am 28. Juli 2003 war Magnus Gäfgen verurteilt worden, wobei die besondere Schwere der Schuld festgestellt wurde, was eine Freilassung zur Bewährung nach bereits 15 Jahren verhindert. Die Verurteilung beruhte auch auf seinem Geständnis in der Hauptverhandlung. Aber das Gericht hatte wegen der Gewaltandrohung entschieden, dass sämtliche bis zum Prozess gemachten Aussagen Gäfgens - darunter auch ein früheres Geständnis - nicht verwertet werden durften. Allerdings wurden in dem Verfahren belastende Beweise, wie etwa Spuren an der Leiche des Opfers, verwendet.

An diesem Punkt setzt nun die Beschwerde Gäfgens, der mit ähnlichen Klagen vor dem Bundesgerichtshof und dem Bundesverfassungsgericht gescheitert war, in Straßburg an: Da die Polizei diese Beweise erst aufgrund des erpressten Hinweises bekam, sieht der Kindermörder sein nach Artikel 6 der europäischen Menschenrechtskonvention garantiertes Recht auf ein faires Verfahren verletzt. Zudem habe die Polizei das Folterverbot (garantiert in Artikel 3) gebrochen. Deshalb hatte Gäfgens Anwalt Michael Heuchemer schon angekündigt, dass er den Mordprozess neu aufrollen will. Warum, ist klar: "Das Ziel muss sein, zu einer günstigeren Entscheidung zu gelangen. Ich will schon erzwingen, dass das Urteil von damals wackelt", sagte Heuchemer stern.de. Die Entscheidung des EGMR sei "für alle Menschen wichtig", meint der Anwalt. "Der Staat hat sich auf die Ebene des Unrechts begeben. Und ich hoffe deshalb, dass es eine Leitentscheidung gegen Foltermethoden geben wird."

"Ein einmaliger Fall"

Auch Rechtsexperten blicken mit Spannung nach Straßburg und geben Gäfgen gute Chancen. "Es ist ein einmaliger Fall in der rechtsstaatlichen Tradition in Deutschland. Ein Unikat", sagte der Heidelberger Strafrechtsprofessor Thomas Hillenkamp stern.de. Er gehe davon aus, dass der EGMR dem Kindermörder Recht geben wird. Hillenkamp: "Wenn der Gerichtshof sagt, dass das Urteil von damals auf der Verletzung der beiden Menschenrechtsartikel beruht, dann ist dies ein Wiederaufnahmegrund."

Doch was passiert dann? Wird Gäfgen womöglich wegen mangelnder Beweise frei gesprochen? Der renommierte Frankfurter Verfassungsrechtler Erhard Denninger hält dies für "theoretisch vorstellbar". Sein Kollege Hillenkamp vertritt eine andere Meinung. Denn die der EMGR könne nicht für die deutschen Gerichte das nationale Recht auslegen. Zudem sei es, anders als in den angelsächsischen Ländern, in deutschen Gerichten durchaus üblich, die sogenannten "Früchte des verbotenen Baumes" - also illegal erlangte Bewiese - zu verwenden. Deshalb prognostiziert Hillenkamp: "Das Urteil von damals wird aufrechterhalten bleiben."

"Es gab extremen Handlungsdruck"

Eine Aussage, die wohl vor allem die Angehörigen des Opfers freuen wird. "Sehr belastend" sei die Situation für die Familie Metzler, sagte ein Sprecher der Privatbank. Ansonsten gebe es keinen Kommentar zu dem Verfahren. Auch Wolfgang Daschner wollte sich nicht zu den Bemühungen Gäfgens in Straßburg äußern. In einem "Focus"-Interview vor rund zwei Jahren hatte er sein Verhalten verteidigt: "Es gab einen extremen Handlungsdruck. Wir hatten ja gehofft, dass das Kind noch lebte", sagte Daschner. "Die von kritischen Rechtslehrern erhobene Forderung, für die Menschenwürde des Täters müsse in Kauf genommen werden, das entführte Kind qualvoll sterben zu lassen, kann ich mit meinem Gewissen jedenfalls nicht vereinbaren." Seine Gewaltdrohung sei zudem keine Folter gewesen. Daschner: "Wenn in diesem Verfahren von Folter die Rede sein kann, dann war es die brutale Ermordung des elfjährigen Jakob von Metzler und das was seiner Familie angetan wurde."