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Mordfall Litwinenko: Ein Krieg gerät außer Kontrolle

Warum musste Alexander Litwinenko sterben? Und wer brachte ihn um? In einem Buch beschreibt die Witwe des Ex-KGB-Spions die Hintergründe des Falls. "Es ist ein Krieg, der außer Kontrolle geraten ist", sagt ihr Co-Autor. Und Schuld daran sei Wladimir Putin.

Von Niels Kruse

Am Ende wurde die Eingangsfrage doch noch beantwortet. Nicht so sehr in Form einer Aussage, sondern in Form von noch mehr Fragen. Und bei dem Fall, um den es hier an der Hamburger Alster geht, gibt es deutlich mehr Fragen als Antworten. Es geht um den Fall des vergifteten Ex-KGB-Agenten Alexander Litwinenko.

Kurz zuvor aus New York angekommen, präsentierten die Witwe des Exil-Russen, Marina Litwinenko, und Familienfreund und Mit-Autor Alex Goldfarb ihr Buch über den Mord an Alexander Litwinenko, genannt Sascha. "Haben wir es hier mit einem Spionagekrimi à la John le Carré zu tun oder mit großer Politik?", fragte also zu Beginn der Verlagsmann von Hoffmann und Campe. Ganz so, als ob sich das trennen ließe. Nimmt man die Art der Journalistenfragen zum Maßstab, dann ist klar: mit einem Spionagekrimi.

Alle Zutaten eines Spionagethrillers

Die Geschichte, die im Buch "Tod eines Dissidenten" nacherzählt wird, hat wahrlich alle Zutaten einer Agentenstory. Mit Bataillonen von Namen, plus einer leicht unübersichtlichen Handlung. Darum gehts: Ein russischer Agent prangert die Politik im eigenen Land an, Korruption, Tschetschenien-Feldzug, all dies. Wenig später flieht er in einer Nacht-und-Nebel-Aktion. Beantragt von Ankara aus Asyl in den USA, wird abgelehnt und geht mit seiner Familie nach London. Hier, einige Jahre später, wird er vergiftet. Und zwar nicht mit einem irgendeinem handelsüblichen Zeugs, sondern mit dem hochradioaktiven Plutonium 210, das auf seinem Weg in das Opfer eine Strahlenspur durch halb Europa hinterlässt.

Kurz vor Litwinenkos Tod am 23. November 2006 schreibt der Ex-Spion vom Sterbebett aus einen offenen Brief und macht darin den russischen Geschäftsmann Andrej Lugowoi für den Mord verantwortlich, der im Auftrag Wladimir Putins gehandelt habe. War es also Mord im Auftrag des Kremls? Und falls ja, warum? Und wer ist der Täter? Und wieso ausgerechnet Alexander Litwinenko, eigentlich ein kleines Licht ist im Kreis der russischen Dissidentenszene Londons?

Briten verlangen Auslieferung

"Dies ist eine sehr persönliche Erzählung über das Leben und den Tod eines einzelnen Mannes. Gleichzeitig aber auch die Geschichte über die Taten und Vergehen der Mächtigen dieser Welt", schreiben Litwinenko und Goldfarb im Vorwort. Freilich: Vieles über dem Mordfall liegt im Dunklen oder besser: in den Akten von Geheimdiensten und Scotland Yard. Die britischen Ermittler haben als mutmaßlichen Mörder ebenfalls Andrej Lugowoi ausgemacht und angeblich so viele Beweise gegen ihn gesammelt, dass Tony Blairs Regierung beim Kreml bereits seine Auslieferung beantragt hat. Wogegen sich die russischen Machthaber aber sperren, weil es gegen ihre Verfassung verstoßen würde.

Das Autorenduo liefert zwar keine handfesten Beweise für die Schuld Lugowois, doch die Witwe sagt: "Ich habe die russischen Behörden erlebt und ich habe die britischen Behörden erlebt. Ich vertraue den Briten." Allerdings gibt es da noch einen zweiten Mann, einen Bekannten Lugowois, Dimitri Kowtun, dessen Rolle selbst Litwinenko und Goldfarb nicht so ganz klar ist. Aber auch das gehört sich ja für ein guten Spionagekrimi.

Vielleicht ein Befehl, vielleicht Erpressung

Nur: Warum sollte ausgerechnet ein Millionär wie Lugowoi einen eher unwichtigen Widersacher Putins ermordet haben? Alex Goldfarb muss etwas schmunzeln als er die Frage hört: "Er war früher ebenfalls beim KGB, hat danach einen Sicherheitsdienst geleitet und vielleicht einfach den Befehl bekommen, Litwinenko zu ermorden." Vielleicht sei er aber auch erpresst worden. "Wissen Sie", sagt Litwinenko, "wer sich in Moskau dem Willen des Kremls widersetzt, ist in einer Woche weg vom Fenster." Lugowoi selbst hat in einem Interview mit dem stern alle Schuld an dem Mord von sich gewiesen.

Und der Kreml? Der widerum beschuldigt den ehemaligen Öl-Oligarchen Boris Beresowskij, der ebenfalls im Londoner Asyl lebt und als einer der Intimfeinde Wladimir Putins gilt. Litwinenko und Goldfarb aber können sich nicht vorstellen, dass jemand wie Beresowskij an ein Material wie Polonium hätte kommen können. "Nur sehr einflussreiche Personen können Polonium organisieren", sagt die Witwe Litwinenkos. Wie die russische Regierung. Die beiden Autoren sind überzeugt, dass alles, was mit der Dissidentengruppe in London zu tun habe, vom Präsidenten persönlich kontrolliert werde. "Die Operation in London hätte ohne seine Zustimmung nicht durchgeführt werden können", so Marina Litwinenko.

"Putins Welt ist schwarz-weiß, er glaubt an eine Verschwörung gegen Russland, hinter der die CIA, al Kaida und Beresowskij stecken", so Goldfarb weiter. Letztlich sei Litwinenko zwischen die Fronten eines Krieges zwischen Putin, den Exilanten in Großbritannien im Allgemeinen und Boris Beresowskij im Besonderen geraten, sagt Goldfarb, der mittlerweile an der New Yorker Columbia Universität lehrt. "Einem Krieg, der einen unerwarteten Verlauf genommen und sich verselbstständigt hat."

"Ich glaube daran, dass der Mord aufgeklärt wird"

Ob der Mord an dem Ex-Geheimdienstler jemals völlig aufgeklärt wird, scheint angesichts der Umstände und binationalen Verwicklungen eher unwahrscheinlich. "Ich glaube aber daran", sagt Marina Litwinenko, "ich will daran glauben, denn es ist meine einzige Hoffnung." Ihr Freund Goldfarb ist da schon deutlich skeptischer.

Letztlich könnte es Andrej Lugowoi übrigens doch noch an den Kragen gehen - ob er Litwinenko nun umgebracht hat oder nicht. Am Tag der Buchvorstellung, meldete die Nachrichtenagentur Interfax, dass der russische Inlandsgeheimdienst FSB nun Ermittlung gegen ihn eingeleitet habe. Grund: Lugowoi hatte selbst behauptet, dass Alexander Litwinenko versucht habe, ihn, also Lugowoi, für den britischen Geheimdienst anzuwerben. Es bestehe deshalb Spionageverdacht gegen ihn. Offenbar hat der außer Kontrolle geratene Krieg sein nächstes (Bauern-)Opfer gefunden.