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Mordfall Maria Bögerl Gutachter: Keine Klarheit über Todeszeitpunkt


Wann genau die entführte Heidenheimer Bankiersgattin Maria Bögerl ermordet wurde, lässt sich offenbar nicht mehr rekonstruieren: Der Todeszeitpunkt sei nicht näher eingrenzbar, sagte die Polizei Heidenheim am Dienstag stern.de.
Von Malte Arnsperger und Rainer Nübel

Die Leiche der 54-jährigen Maria Bögerl war am Abend des 3. Juni 2010 von einem Spaziergänger, der mit seinem Hund unterwegs war, gefunden worden - mehr als drei Wochen nach ihrer Entführung aus ihrem Haus in Schnaitheim. Die Fundstelle liegt am Rand eines Waldstücks nahe des Ortes Niesitz, nur cirka 1,5 Kilometer nördlich des vom Kidnapper geforderten Lösegeld-Übergabeorts an einer Betriebseinfahrt der Autobahn A 7. Obwohl Polizei-Suchtrupps dort frühzeitig im Einsatz waren, hatten sie die mit Messerstichen getötete Bankiersfrau nicht früher gefunden.

Damit wurde es erheblich erschwert, den genauen Todeszeitpunkt bestimmen zu können. Aufschluss versprach man sich von der Analyse insektenkundlicher Spuren an der Leiche von Maria Bögerl. Dieses entomologische Gutachten liegt seit Montagnachmittag vor, wie die Staatsanwaltschaft Ellwangen heute auf Anfrage von stern.de erklärte. Es beinhalte aber "keine neuen Erkenntnisse zum Todeszeitpunkt", sagte ein Sprecher der Justizbehörde.

Auch die Polizei Heidenheim erklärte gegenüber stern.de, der Todeszeitpunkt sei "nicht näher eingrenzbar". Die Experten hätten in dem Gutachten einen Zeitraum angegeben, in dem der Tod der Bankiersgattin eingetreten sei. Wie konkret dieser Zeitraum aussieht oder wie groß er ist, einige Stunden oder Tage, dazu wollte der Sprecher der Heidenheimer Polizei nichts sagen.

Widersprüchliche Vermerke

Den genauen Todeszeitpunkt bestimmen zu können, wäre für die Rekonstruktion der dramatischen Ereignisse um die Entführung und Ermordung von Maria Bögerl von wesentlicher Bedeutung. Wurde sie am Entführungstag bereits vor 14 Uhr, dem geforderten Zeitpunkt der Lösegeldübergabe, umgebracht - oder nach der gescheiterten Übergabe der vom Kidnapper geforderten 300.000 Euro? Gescheitert war sie, nachdem die Polizei - die von Beginn an eingeschaltet war - das vollständige Lösegeld nicht rechtzeitig hatte beschaffen können. Erst gegen 15.30 Uhr hatte Bankchef Thomas Bögerl, der Mann der Entführten, die gesamte Summe nahe der A 7 ablegen können. Der oder die Kidnapper kamen danach nicht mehr zum Übergabeort und meldeten sich auch nicht mehr.

Die Polizei hat inzwischen erklärt, Thomas Bögerl habe sich am Entführungstag angeboten, das Lösegeld zu besorgen. Damit wird suggeriert, dass der Vorstandschef der Kreissparkasse Heidenheim für die Beschaffung der 300.000 Euro maßgeblich verantwortlich gewesen sei - und damit auch Schuld daran, dass die vollständige Summe nicht rechtzeitig besorgt und abgelegt werden konnte. Bögerl dagegen betonte, dass er sich nicht aufgedrängt habe, selbst das Lösegeld zu beschaffen. "Es wurde beschafft."

Die Version der Polizei erweist sich jetzt auch durch polizeiinterne Vermerke vom Entführungstag als widersprüchlich und fragwürdig. Thomas Bögerl hatte sich auf einem Außentermin in Niederstotzingen aufgehalten, als er um 11.23 Uhr den Anruf des Kidnappers erhalten und danach sofort die Polizei benachrichtigt hatte. Er blieb er, offenbar auf Geheiß der Polizei, auch in den nächsten Stunden beim örtlichen Bürgermeister - die ganze Zeit über war ein so genannter "y-Betreuer" der Landespolizei an seiner Seite. Um 15.04 Uhr, eine Stunde nach dem geplatzten Übergabetermin, wird in einem internen Polizeivermerk notiert, dass Thomas Bögerl mit diesem "y-Betreuer" von Niederstotzingen zur Geldablage an der A 7 nahe Nietheim losgefahren sei. Wie soll Thomas Bögerl, was die Polizei jetzt glauben machen will, weit weg von der Kreissparkasse in Heidenheim das Lösegeld selbst beschafft haben? Warum entschied die Polizei, ihn nicht zur Kreissparkasse Heidenheim zu fahren, sondern im fernen Niederstotzingen zu lassen?

Leiche "wohl übersehen"

Dringenden Aufklärungsbedarf gibt es auch in der Frage, warum die Leiche von Maria Bögerl nicht frühzeitig gefunden worden war. Wie die Polizei Heidenheim bestätigte, hatte der Suchtrupp an der fraglichen Stelle keine Hunde im Einsatz. Nach dem Auffinden ihres Fahrzeugs im Hof des Klosters Neresheim habe man sich damals entschieden, dort gezielt mit Rettungshunden zu suchen, so die Polizei Heidenheim. Doch: Das Auto von Maria Bögerl war erst zwei Tage nach ihrer Entführung gefunden worden. Wie aus polizeilichen Unterlagen hervorgeht, hatten die Ermittler jedoch bereits am Entführungstag ihr Handy geortet - zuletzt rund 500 Meter nördlich des Geldübergabe-Ortes.

Frühzeitig hätte man also in einem entsprechenden Radius mit Hunden nach der Frau suchen können. Oder müssen. Denn: Die Stelle am Waldrand, an der ihre Leiche schließlich drei Wochen später gefunden wurde, liegt nur rund einen Kilometer nördlich des Ortes der letzten Handy-Ortung. Die Polizei habe die Leiche "wohl übersehen", sagte ein Sprecher der Heidenheimer Polizei.


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