Mordfall Maria Bögerl Mittagspause verzögerte Lösegeldbeschaffung


Ist Maria Bögerl eine unsägliche Pannenserie zum Verhängnis geworden? Nach stern.de-Informationen verzögerte sich die Geldbeschaffung, weil die Polizei die Bank nicht informiert hatte.
Von M. Arnsperger, R. Nübel und H.P. Schütz

Die Polizei in Heidenheim hat an jenem 12. Mai sofort den Entführungsfall der Bankiersgattin Maria Bögerl übernommen. Sie wusste, was der oder die Entführer forderten, und sie entschied, wie das Lösegeld beschafft werden sollte.

Der Schutz des Opfers habe "oberste Priorität", entschied der Heidenheimer Polizeichef am Mittag. Damit setzte er auf ein kriminaltaktisches Konzept, das in Entführungsfällen häufig verfolgt wird: die Forderungen des Kidnappers werden erfüllt. Demnach hätte die Übergabe des geforderten Lösegelds nicht scheitern dürfen. Genau das aber passierte an diesem Tag, als die Bankiersfrau Maria Bögerl aus ihrem Haus verschleppt worden war. Drei Wochen später fand ein Spaziergänger ihre Leiche. stern.de-Recherchen zeigen jetzt den bizarren Grund, warum sich die Beschaffung der geforderten 300.000 Euro erheblich verzögerte: Die Ulmer Bundesbank-Filiale war während der Mittagszeit geschlossen, als man dort das Geld abholen wollte - die Polizei hatte die Staatsbanker nicht vorab über die Entführung informiert. Es ist eine unglaubliche Panne. Doch nicht die einzige in diesem Fall.

"Machen Sie keine Sperenzle"

Thomas Bögerl, Vorstandschef der Kreissparkasse Heidenheim, saß um 11.23 Uhr mit einem Mitarbeiter beim Bürgermeister der südlich gelegenen Gemeinde Niederstotzingen, als der Anruf des Erpressers kam. Er habe seine Frau Maria in seiner Gewalt, erklärte der schwäbisch sprechende Anrufer. Um 13 Uhr solle Bögerl 300.000 Euro an einer mit einer Deutschlandfahne markierten Stelle direkt an der Autobahn A 7 hinterlegen. "Machen Sie keine Sperenzle", drohte er. Wenn das Geld dort liege, werde die Frau frei gelassen. Bögerl gelang es, die Frist bis 14 Uhr zu verlängern. Nach dem Anruf besprach sich der schockierte Ehemann mit dem Bürgermeister und entschied, die Heidenheimer Polizei einzuschalten. Rasch waren örtliche Beamte und Experten der baden-württembergischen Landespolizei präsent und übernahmen den Fall. Von da an lief fast alles schief.

Das Pannen-Drama begann mit einer verhängnisvollen Entscheidung: Die Polizei besorgte nicht selbst das Lösegeld, wie es sonst üblich ist, sondern entschied, der spontanen Idee von Thomas Bögerl folgend, dass die kleine Gemeinde Niederstotzingen die Summe beschaffen solle - unter dem Vorwand, dass für ein kommunales Projekt ein Blitzkredit benötigt werde. Die erste Adresse dafür war die Kreissparkasse Heidenheim, also Bögerls Bank und zugleich die Hausbank der Kommune, doch die hatte die Summe in der geforderten Stückelung nicht vorrätig. Daher wandte man sich an die Bundesbank-Filiale im rund 40 Kilometer entfernten Ulm, die größere Geldmengen vorhält. Dem staatlichen Institut wurde vorgespielt, die Stadtverwaltung stehe in einer wichtigen Verhandlung und brauche ganz schnell Bargeld. Das Vorgehen war mit der Polizei abgesprochen. Die Landespolizei hatte Thomas Bögerl in dieser angespannten Situation Betreuer zur Seite gestellt, die zu jedem Zeitpunkt den Stand der Geldbeschaffung kannten, wie Niederstotzingens Bürgermeister Gerhard Kieninger stern.de bestätigt.

Die Polizei begleitete die Geldabholer nicht

Gegen 12.45 Uhr fuhren zwei Mitarbeiter der Kreissparkasse nach Ulm, um die 300.000 Euro abzuholen. Obwohl es auf jede Minute ankam, begleitete die Polizei die Geldabholer nicht. Etwa eine halbe Stunde später, gegen 13.15 Uhr, kamen die beiden Boten in Ulm an. Die Zeit drängte - es blieb nur noch knapp eine Stunde bis zum geforderten Übergabetermin. Doch dann geschah, was informierte Ermittler und auch sicherheitspolitische Kreise "das Fiasko" nennen: Die Boten standen vor verriegelten Türen. Die Bundesbank-Filiale hatte, wie an jedem Werktag, seit 13 Uhr geschlossen. Mittagspause. Die Ulmer Staatsbanker waren ahnungslos, hatten keine Kenntnis von der Entführung - weil die Polizei an der Blitzkredit-Legende festhielt und keinen Zeitpunkt für die Abholung abgesprochen hatte.

Dabei ist just die Bundesbank zugleich die "Polizeibank", die in Entführungsfällen obligatorisch eingeschaltet werden muss, wenn die Polizei selbst das Lösegeld besorgt - so bestimmen es interne Vorschriften. Was in diesem Fall nicht geschehen ist. Mit fatalen Folgen.

Die Geldboten warteten bis etwa 13.45 Uhr, offenbar war kein Mitarbeiter der Bank telefonisch zu erreichen. Erst dann konnten sie die Bundesbank-Filiale betreten und die Scheine in der geforderten Stückelung in Empfang nehmen. 15 Minuten vor dem Übergabetermin. Zu spät. Von Ulm bis zum Übergabeort, einer Betriebseinfahrt der Autobahn A 7 nördlich von Heidenheim, sind es rund 40 Kilometer. Bis 14 Uhr war das nicht zu schaffen. Zumal die Polizei Thomas Bögerl nicht zur nächsten Autobahn-Auffahrt gebracht hatte, wodurch sich für ihn die Fahrstrecke zum Übergabeort um fast zehn Kilometer verkürzt hätte. Vielmehr ließ sie ihn im Rathaus von Niederstotzingen warten, wo er nach wie vor von Beamten der Landespolizei betreut wurde. Immer wieder hatte er versucht, seine Frau oder den Entführer auf ihrem Handy zu erreichen. Ohne Erfolg.

"Thomas Bögerl wollte handeln"

Als die Geldboten gegen 14.20 Uhr im Rathaus von Niederstotzingen ankamen, wollte Thomas Bögerl sofort losfahren, wie Bürgermeister Gerhard Kieninger berichtet. "Er wollte handeln." Doch die Polizei bremste, gab erst gegen 15 Uhr das Startsignal. Warum so spät? Wurde das Lösegeld, wie es die polizeiliche Bürokratie vorsieht, erst noch registriert, um später auf diesem Weg den Täter ausfindig zu machen? Dazu schweigen die Behörden, sie geben auf Anfrage zu Details der Geldbeschaffung und Übergabe keine Auskunft. Sollte die Einsatzleitung gehofft haben, dass sich der Entführer noch einmal meldet, hatte sie sich getäuscht. Nachdem Thomas Bögerl gegen 15.30 Uhr - anderthalb Stunden nach dem geforderten Termin - das Geld endlich hatte ablegen konnte, geschah nichts. Kein Lebenszeichen von Maria Bögerl. Keine Nachricht vom Täter.

Dafür weitere Pannen. Wie aus internen Unterlagen der Polizei hervorgeht, waren der Entführer und sein Opfer an diesem Tage offenbar sehr nah am Übergabeort. Die Polizei hatte Maria Bögerls Handy nur 500 Meter nördlich davon zuletzt geortet, Sondereinsatzkräfte überprüften alle fünf Minuten diese Übergabestelle an der Autobahn, Polizeibeamte fuhren, als Fahrradfahrer getarnt, durch das umliegende Waldgebiet, mehrere Einheiten "besetzten", wie festgehalten wurde, nahe gelegene Gemeinden. Dennoch entwischten der oder die Entführer. Manches spricht nach Einschätzung von Ermittlern dafür, dass es zwei Täter waren.

Erst nach drei Wochen wurde die Leiche gefunden

Jetzt zeigen stern.de-Recherchen: Nahe der Stelle im Wald, wo das Handy von Maria Bögerl zuletzt geortet worden war, befindet sich ein Treppenaufgang, der zu einer von Bäumen und Büschen bewachsenen Kuppe oberhalb der Autobahn A 7 führt. Von dort aus ist der Übergabeort an der Betriebseinfahrt zu sehen - und zu erkennen, ob ein Fahrzeug hält und ein Geldsack abgelegt wird. Hat der Entführer, oder ein Mittäter, um 14 Uhr von dieser Stelle aus auf die Geldablage gewartet - und realisiert, dass sich nichts tut? In der Nähe fand die Polizei, zwei Tage nach der Entführung, Maria Bögerls Handy.

Kurz nach der Entführung durchkämmten große Polizei-Suchtrupps das Waldgebiet, durch das sich befahrbare Wege ziehen. Doch erst mehr als drei Wochen später wurde Maria Bögerls Leiche gefunden, vom Hund eines Spaziergängers. Sie lag etwa einen Kilometer entfernt von der Stelle der letzten Handy-Ortung. Polizeitrupps hatten dort frühzeitig gesucht - aber ausgerechnet da ohne Spürhunde. Die Leiche sei möglicherweise "übersehen" worden, muss die Polizei inzwischen einräumen. Bis jetzt ist der Mörder nicht gefunden.

Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech schweigt bisher beharrlich zu den Pannen. Soll Heidenheims Polizeichef Volker Lück allein dafür gerade stehen, obwohl ihm Experten des baden-württembergischen Landeskriminalamts und der Landespolizeidirektion die ganze Zeit zur Seite standen?


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker