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Mordfall Maria Bögerl: Polizei ortete Handy am Entführungstag

Ein neues Detail im Entführungs- und Mordfall Maria Bögerl wirft brisante Fragen auf: Nach stern.de-Informationen hat die Polizei das Handy der Heidenheimer Bankiersgattin schon am Tag der Entführung geortet - zuletzt in direkter Nähe der Übergabestelle.

Von Malte Arnsperger und Rainer Nübel

Im Heidenheimer Entführungs- und Mordfall ist noch immer nicht geklärt, wann der bislang unbekannte Täter die 54-jährige Bankiersgattin Maria Bögerl mit mehreren Messerstichen getötet hat. Die Untersuchungen dazu laufen noch. Bögerls Leiche war mehr als drei Wochen nach der Entführung in einem Waldstück in der Nähe des Ortes der geplanten Geldübergabe gefunden worden, obwohl ein Polizeitrupp dort frühzeitig gesucht hatte.

Ein bisher unbekanntes Detail zeigt indes die Dramatik der Ereignisse am Entführungstag: Die Polizei ortete an diesem 12. Mai das Handy von Maria Bögerl - zuletzt nur etwa 500 Meter nördlich der Übergabestelle an einer Betriebsausfahrt der Autobahn A 7 nahe Nietheim. Danach hatte der Täter offenbar den Akku aus dem Handy entfernt oder das Mobiltelefon zerstört. Bisher war nur bekannt, dass das Handy des Opfers zwei Tage nach der Entführung nahe dem Übergabeort gefunden worden war. Wo genau, dazu macht die Polizei Heidenheim keine Angaben.

Wann genau ortete die Polizei das Handy?

Ein interner Vermerk belegt nun, dass die Beamten am Entführungstag schon vor 14.30 Uhr wussten, wo sich Maria Bögerls Handy befand - und damit mutmaßlich auch der Entführer und sein Opfer. Auf 14.36 Uhr ist nämlich das Dokument datiert, in dem der bisherige Verlauf des Falles festgehalten wird: Um 11.23 Uhr hatte der Entführer bei Thomas Bögerl angerufen. In dem Telefonat forderte der schwäbisch sprechende Mann den Bankchef auf, um 14 Uhr 300.000 Euro in einer besonderen Stückelung an der A7 abzulegen. Sobald das Geld überprüft sei, werde das Opfer freigelassen, sagte der Kidnapper, der während des Telefonats Maria Bögerl ein Messer an den Hals hielt. Aus demselben Vermerk geht hervor, dass zum geforderten Zeitpunkt nur ein Teil des Lösegeldes beschafft war.

In diesem polizeilichen Dokument wurde auch die "letzte Ortung des Opfer-Handys" festgehalten: "cirka 500 Meter nördlich der Betriebsausfahrt A 7" - dem Übergabeort. Unter der Zeitangabe 14.18 Uhr wurde schließlich die Entscheidung des Polizeiführers wiedergegeben: Alle Maßnahmen seien "weiterhin verdeckt" durchzuführen. Der Schutz des Opfers habe oberste Priorität. Der vom Entführer geforderte Übergabezeitpunkt verstrich, weil bis dahin nicht die gesamte Summe aufgebracht werden konnte. Erst gegen 15.30 Uhr legte Thomas Bögerl das Geld ab - ohne dass es jedoch abgeholt wurde.

Polizei hielt am "Erfüllungskonzept" fest

Aus dem Vermerk ergibt sich, dass die Polizei definitiv vor 14.30 Uhr gewusst haben muss, wo sich das Handy und damit vermutlich Täter und Opfer befanden. Wann genau sie das Telefon zuerst und zuletzt ortete - ob vor dem geplanten Übergabezeitpunkt um 14 Uhr oder erst kurz danach - ist offen. Wahrscheinlich ist aber, dass sich der Täter in unmittelbarer Nähe zum Übergabeort aufgehalten hat.

Daraus ergibt sich eine Reihe neuer Fragen, die darum kreisen, ob die Polizei anders hätte handeln können, anstatt an ihrem "Erfüllungskonzept" festzuhalten, also zunächst auf die Forderungen des Täters eingehen. Hatte die Polizei den Täter also schon vor der geplanten Geldübergabe oder kurz danach unter Beobachtung? Hätte sie ihn ergreifen können? Angenommen, sie hatte ihn unter Beobachtung oder wusste in etwa, wo er sich aufhielt: Warum hat die Polizei den Täter dann später nicht fassen können? Und: Selbst wenn die Polizei, was ja durchaus plausibel sein kann, an dem "Erfüllungskonzept" festhielt, hat sie das richtig umgesetzt? Oder hat sie nach der Ortung doch Beamte auf den Entführer angesetzt, die der möglicherweise gesichtet hat? Ist der Täter möglicherweise verschreckt worden?

Ein Heidenheimer Polizeisprecher wollte sich auf Anfrage von stern.de nicht zu den Details äußern. Jedoch bekräftigte er, dass der Opferschutz im Vordergrund gestanden habe. Man wisse nicht, ob der Entführer aufgeschreckt worden sei. Dies könne man erst nach seiner Festnahme und der Befragung herausfinden. Laut der Polizei habe es außer dem Telefonat mit Thomas Bögerl gegen 11.30 Uhr keinen weiteren Kontakt zu dem Entführer gegeben.

Obwohl die Polizei, darunter Experten des Stuttgarter Landeskriminalamts, von Anfang an den Fall Bögerl übernommen hatte, hat sie sich öffentlich bisher nicht zu ihrer Verantwortung für die geplatzte Lösegeldübergabe geäußert. Statt eklatante Pannen einzuräumen, werden jetzt vermeintliche undichte Stellen in den eigenen Reihen gesucht: Die Staatsanwaltschaft Ellwangen hat ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wegen Verletzung des Dienstgeheimnisses eröffnet. Das baden-württembergische Innenministerium hat dazu seine Genehmigung erteilt. Bei ihrer Suche nach dem Mörder von Maria Bögerl tappt die Polizei nach wie vor im Dunkeln.

Von:

Rainer Nübel und Malte Arnsperger