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Sicherungsverwahrung: Soll der Mörder von Vanessa G. bald freikommen?

Vor 13 Jahren ermordete Michael W. ein junges Mädchen in dessen Kinderzimmer. Jetzt will er freikommen. Aber soll er das? Oder ist er zu gefährlich? Ein Gespräch zwischen Mutter und Anwalt im stern.

Von Ingrid Eißele und Dominik Stawski

Michael W. im Glaskasten vor Gericht

Geschützt hinter einer Glaswand: Michael W. 2003 im Augsburger Landgericht

Es war Rosenmontag 2002. Romana Gilg und ihr Mann kamen von einer Faschingsfeier zurück. Sie schauten noch schnell in Vanessas Kinderzimmer, um zu sehen, ob ihre Tochter schläft. Vanessa war tot.

Michael W. hatte sich kurz zuvor ins Haus der Gilgs in Gersthofen geschlichen, maskiert mit einer Totenkopfmaske, wie man sie aus dem Horror-Film "Scream" kennt. Er überfiel das zwölfjährige Mädchen im Bett und stach zu, 21 Mal.

Höchststrafe für Jugendliche

Michael W. war damals 19 Jahre alt. Er schaute Horrorfilme, aber zum Motiv seiner Tat äußerte er sich nie. W. bekam die Höchststrafe für Jugendliche: zehn Jahre. Die sind lange vorbei. Doch immer noch sitzt er, heute 32, in der Justizvollzugsanstalt Straubing. Während seiner Haft wurde ein Gesetz verabschiedet, nach dem jugendliche Straftäter auch dann weiterhin weggeschlossen werden dürfen, wenn diese Sicherungsverwahrung nicht bereits bei der Verurteilung angeordnet worden ist. Michael W. will raus. Er hat sich einen Anwalt genommen, Adam Ahmed.

Der Anwalt des Täters und die Mutter des Opfers kennen sich aus dem Gerichtssaal. Sie haben am Rande des Prozesses ein paar Worte gewechselt. Für den stern sprechen sie das erste Mal ausführlich miteinander – über Michael W. und die Frage, ob er freikommen sollte.

Ist W. bereit auf die Freiheit vorbereitet? 

Ahmed gehört zu den bekanntesten Strafverteidigern des Landes. Er hat mehr als 50 Sicherungsverwahrte vertreten. Mit seinem Mandanten Michael W. ist er durch alle Instanzen bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg gezogen. Nun warten er und sein Anwalt wie auch Romana Gilg auf die Entscheidung des Gerichts, ob W. freikommt. Es wird ein wegweisendes Urteil, denn das erste Mal entscheidet der Gerichtshof in Straßburg über einen jugendlichen Straftäter in Sicherungsverwahrung.

Horrormaske und Messer werden im Gericht vorgezeigt

Horrormaske und Messer, die die Polizei im Zimmer von Michael W. gefunden hat

Romana Gilg will wissen, ob Michael W. auf ein Leben in Freiheit vorbereitet ist - oder ob von ihm weiterhin Gefahr ausgeht. Im Interview betont sie, dass es ihr nicht darum gehe, ihn zu bestrafen, sondern die Menschen vor weiteren Verbrechen zu schützen. Im Gespräch fragt sie den Anwalt: "Ist W. auf die Freiheit vorbereitet?" Und Anwalt Ahmed antwortet: "Leider, Frau Gilg, muss ich Ihnen sagen: Würde er entlassen, wäre er unvorbereitet, was aber im Wesentlichen nicht an ihm liegt."

Zu wenig Therapie, zu wenig Ausgänge

Die Justiz habe sich in den vergangenen Jahren nicht ausreichend um ihn gekümmert: zu wenig Therapie, zu wenige Ausgänge aus der JVA. "Es gibt keine Einrichtung, die ihn aufnehmen würde, sollte er rauskommen“, sagt Ahmed. "Die JVA hat sich nicht darum gekümmert."

Die Justizvollzugsanstalt Straubing äußert sich dazu nicht, weil sie der verwahrte Michael W. nicht von der Schweigepflicht entbunden habe. Das bayerische Justizministerium erklärte im stern: Allen Sicherungsverwahrten werde intensive Hilfe angeboten. Wesentlich sei aber jeweils die Mitwirkung der Sicherungsverwahrten.

"Behaltet ihn, wenn ihr ihn nicht ändern könnt"

Die Entscheidung für oder gegen die Freiheit von Michael W. trifft ein rechtsstaatliches Dilemma: Behält man eventuell gefährliche Straftäter auch nach Verbüßung ihrer Strafe hinter geschlossenen Türen, um die Gesellschaft zu schützen? Oder lässt man sie frei, gibt man ihnen eine zweite Chance, weil sie ihnen nach verbüßter Strafe zusteht? Prognosen von sachverständigen Psychiatern sollen den Gerichten dafür eine Grundlage liefern.

Romana Gilg sagt im stern: "Behaltet ihn, wenn ihr unfähig seid, ihn zu ändern."

Und Adam Ahmed erwidert: "Der Richter sprach ein Urteil. Michael W. musste sich darauf verlassen können. Zehn Jahre. Schluss."