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Mordprozess el-Sherbini: Deutschland in Dresden vor Gericht

Der Mord an der Ägypterin Marwa El-Sherbini hatte international Entsetzen ausgelöst, zum Auftakt des Prozesses sind Journalisten aus zahlreichen Ländern nach Dresden gereist. Noch nie in der sächsischen Justizgeschichte erregte ein Verfahren international so viel Aufsehen.

Der Mord an der Ägypterin Marwa El-Sherbini hatte international Entsetzen ausgelöst, zum Auftakt des Prozesses sind Journalisten aus zahlreichen Ländern nach Dresden gereist. Noch nie in der sächsischen Justizgeschichte erregte ein Verfahren international so viel Aufsehen.

Als vor dem Landgericht am Montag die Verhandlung um den gewaltsamen Tod der 31-Jährigen beginnt, ist draußen internationales Sprachgewirr vor den Absperrungen zu hören: Englisch, Arabisch und Deutsch - die Journalisten haben ihre Technik vor dem Gerichtsgebäude aufgebaut und interviewen sich mangels Gesprächspartnern bisweilen auch selbst.

Beim Tatmotiv Fremdenhass steht immer auch ein ganzes Land vor Gericht. Da im Saal nur 44 Plätze für Journalisten reserviert sind, bleiben viele draußen zum Warten verurteilt. Der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira ist aus London angereist und informiert sich auch über die Feinheiten des deutschen Rechtssystems. "Nein, ein Kreuzverhör gibt es in Deutschland nicht", erklärt Landgerichtssprecher Peter Kieß den Kollegen auf Englisch. Ein Reporter von Al-Dschasira will wissen, wie ein Mann bewaffnet zu einem Prozess erscheinen könne? Der Angeklagte Alex W. hatte die Ägypterin am 1. Juli mitten im Gerichtssaal mit einem Küchenmesser erstochen und ihren Mann lebensgefährlich verletzt. Kieß muss das Unerklärliche erklären.

Als die 31-Jahre alte Ägypterin damals mit ihrem Mann (32) und dem kleinen Sohn das Gericht betrat, kam sie als Zeugin in einer Berufungsverhandlung wegen Beleidigung. Alex W. hatte die Ägypterin 2008 auf einem Dresdner Spielplatz als "Terroristin", "Islamistin" und "Schlampe" beschimpft. Eine gegen ihn verhängte Geldstrafe akzeptierte er nicht. So kam es zum neuerlichen Prozess mit tödlichem Ausgang. "Es gab keine Anzeichen für eine Bedrohung", schildert Kieß den Mitarbeitern des arabischen Senders die Ausgangslage vom 1. Juli. Andernfalls hätte es Sicherheitsvorkehrungen gegeben.

Das Landgericht habe Konsequenzen aus der Tat gezogen und lasse jetzt Beteiligte des Prozesses und Zuschauer durch Sicherheitsschleusen marschieren. Kieß berichtet auch von den massiven Sicherheitsmaßnahmen, die nun die Verhandlung gegen den 28 Jahre alten Alex W. begleiten. Für den aus Russland stammenden Deutschen gilt oberste Sicherheitsstufe. Es sind solche Umstände, die manchen Beobachter vor dem "Tatort Gericht" auch ratlos machen. "Die Tatsache, dass in diesem Gericht ein solch schrecklicher Mord passierte, hat eine schreckliche Symbolkraft", sagt Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime in Deutschland. "Ich wünschte mir, dass wenigstens einer der Polizisten, die heute das Verfahren bewachen, damals dabei gewesen wäre. Dann wäre Marwa wahrscheinlich noch am Leben."

Jörg Schurig/DPA / DPA