VG-Wort Pixel

Mordprozess in München Die dunkle Seite des Gunnar D.


Gunnar D. soll seine Geliebte und das gemeinsame Kind 2010 in Portugal ermordet haben, um die Affäre geheim zu halten. Beim Prozessauftakt in München offenbart der Angeklagte erstaunliche Gedächtnislücken.
Von Malte Arnsperger

Gunnar D., das gibt er zum Prozessauftakt offen zu, war jahrelang mit zwei Frauen gleichzeitig liiert. Seine eigentliche Lebenspartnerin Tina S. (Name geändert) lebt noch und wird demnächst in dem Verfahren gegen ihn aussagen. Seine Geliebte Georgina Z. ist seit Juli 2010 tot. Ertrunken in den Wellen vor der Küste Portugals. Leichenteile des mutmaßlich gemeinsamen 21 Monate alten Kindes Alexandra wurden 2011 ebenfalls an der Algarve gefunden. Gunnar D. soll beide ermordet haben, um die Affäre und die Vaterschaft vor seiner Partnerin geheim zu halten und keinen Unterhalt zahlen zu müssen. Damit, so heißt es in der Anklage der Staatsanwaltschaft München, "ordnete er seiner eigenen Lebensplanung vollkommen rücksichtslos das Lebensrecht der beiden Opfer unter".

Gekleidet in einem dunklen Anzug mit grauem Hemd und gepunkteter Krawatte, frisch rasiert, sieht der schlanke Angeklagte aus wie der Bankberater bei der nächsten Dorfsparkasse. Während die Staatsanwältin die schweren Vorwürfe gegen ihn vorträgt, versucht Gunnar D. seine Nervosität aber auch seinen Unmut zu verbergen. Es gelingt ihm nicht immer. Seine kleinen Augen schweifen unruhig im großen Saal 101 des Münchner Landgerichts umher, er scheint den Blickkontakt zu Bekannten im Publikum zu suchen. Krampfhaft verschließt er seine Hände auf dem Tisch. Doch als dann die Staatsanwältin vorliest, der Angeklagte habe "unter Druck" beschlossen, "Kindsmutter und Kind zu töten" bricht es aus ihm heraus: "Das entspricht nicht der der Wahrheit."

Von den Zeugenaussagen wird viel abhängen

In Laufe des Prozesses wird Gunnar D. zusammen mit seinem Verteidiger die Gelegenheit haben, seine Version der Wahrheit aufzuzeigen. Doch vorerst steht folgender Vorwurf der Staatsanwaltschaft im Raum: Im Dezember 2009 droht das jahrelange Doppelleben von Gunnar D. aufzufliegen. Denn Georgina Z., die mit ihm von 2006 bis 2008 ein Verhältnis hatte, erstattet in ihrem Wohnort Stuttgart Anzeige, da er noch immer keinen Unterhalt für sie und die 2008 geborene Tochter Alexandra bezahlt habe. Gunnar D. befürchtet nun, seine Partnerin Tina könnte von der früheren Beziehung zu der Angolanerin erfahren. Deshalb und um den finanziellen Verpflichtungen zu entgehen, entscheidet er sich im Sommer 2010 für den Doppelmord. Er spielt seiner Geliebten den Reumütigen vor und lädt sie und das Kind zu einem Urlaub in Portugal ein. Am letzten Tag des Aufenthalts gehen die drei zusammen an den Strand. Während das Mädchen im Sand spielt, drückt Gunnar D. die 30-jährige Mutter unters Wasser, bis sie ertrinkt. Andere Badegäste beobachten ihn dabei und sehen, wie er die Leiche am Strand ablegt. Doch Gunnar D. verbietet sich jegliche Einmischung, schnappt sich das Mädchen und fährt davon. Unterwegs tötet er auch Alexandra und legt die Leiche rund 35 Kilometer weiter unter zwei Felsen versteckt ab. Hals über Kopf verlässt er das Hotel und reist nach München zurück. Dort angekommen schreibt er noch eine E-Mail an das Hotel und teilt mit, dass seine Begleiterin weiter nach Porto reise und man ihm ihre Klamotten schicken solle, falls sie diese nicht abhole.

Da Gunnar D. diese Anschuldigungen bestreitet - "pauschal" wie sein Verteidiger sagt - sich aber zur Sache nicht weiter äußern will, wird es ein schwieriger Indizienprozess. Von den Aussagen der portugiesischen Zeugen und den Ergebnissen der rechtsmedizinischen Gutachten wird viel abhängen. Umso wichtiger ist es deshalb für die Münchner Kammer mit ihrem Vorsitzenden Michael Höhne, einen Eindruck von der Persönlichkeit des Angeklagten zu bekommen. Der tut den Richtern zwar diesen Gefallen und gibt einigermaßen bereitwillig Auskunft, doch strapaziert er dabei die Nerven vieler Zuhörer.

"Ich bin aus dem Rhythmus"

Geboren und aufgewachsen ist Gunnar D. in Niedersachsen, sein Vater ist immer noch in der Erwachsenenbildung tätig, die Mutter war zivile Mitarbeiterin bei der Bundeswehr. Wie alt denn der Vater sei, will der Richter wissen. "Ich bin aus dem Rhythmus", antwortet Gunnar D., "da hat man sonst doch 'nen Kalender. Ich glaube 65." Ab welchem Alter er denn den Kindergarten besucht habe, fragt Höhne wenig später. "Ich glaube mit sechs ging es los." Gunnar D. zögert. "Nein mit vier und dann bis sechs. Ich bin ja jetzt 44 Jahre alt, das ist schon eine ganze Weile her." Wie alt er denn am Ende seiner Ausbildung gewesen sei. "Ich weiß es nicht mehr genau. 16 oder 17. Ich bin jetzt 44 Jahre alt." Richter Höhne schaut immer wieder erstaunt über sein Brille. Doch diese Gedächtnisschwierigkeiten und -lücken sollten sich durch die gesamte Aussage von Gunnar D. ziehen.

Auch wirkt der Angeklagte merkwürdig distanziert zu seiner eigenen Biografie, verwendet oft unpassend hölzerne Begriffe. Ja, er habe eine umsorgte Kindheit gehabt, "so in der Richtung". Die Familie sei ihm immer schon sehr wichtig gewesen, auch Feste "so im Sinne von Ostern und Weihnachten". Die Hauptschule habe er besucht, ein Abschluss sei "Ziel der Unternehmung" gewesen. Während seines Studiums habe "man" auch "die Praxis gesucht im Sinne von Maschinenbau". Richter Höhne fragt nach. "Sie sprechen immer von 'man'. Meinen Sie damit auch sich?" Ja doch, erwidert Gunnar D., er spreche von sich.

"Es war mehr als eine Affäre"

Die sehr nüchterne Art spiegelt sich auch in seinem beruflichen Werdegang wieder. Gunnar D., gelernter Fluggerätebauer, arbeitete jahrelang als Techniker für diverse Firmen im Automobilsektor und Flugzeugbau. Sein Leben verlief offenbar in ziemlich geregelten Bahnen, wenn man von den häufigen Jobwechseln einmal absieht. Anfang des neuen Jahrtausends wurde er nach England versetzt, lernte dort Tina S. kennen und lebte mit ihr rund zwei Jahre zusammen. Dann kehrte er nach Deutschland zurück ohne Tina S., die ihren guten Job in England noch nicht aufgeben wollte. Für seine neue Firma weilte Gunnar D. dann oft in Stuttgart. "Im Sinne dieser Aufenthalte habe ich Frau Z. kennengelernt, privat, nach Feierabend", erzählt er. "Es hat sich eine Freundschaft entwickelt, man hatte ein persönliches Verhältnis, es war mehr als eine Affäre."

Doch Anfang 2008 habe er sich entschieden, die Beziehung zu beenden, da Freundin Tina zu ihm nach München ziehen wollte. Was denn Frau Z. dazu gesagt habe, will Höhne wissen. "Wie man eben so reagiert". Der Richter schüttelt den Kopf: "Sie reden immer von man." Gunnar D. setzt erneut an: "Sie wusste von meiner Freundin, ich wusste von ihrem Ehemann. So war die Konstellation. Aber sie hat schon gekränkt reagiert."

"Natürlich, offen und freundlich"

Der Verteidiger von Gunnar D. geht an dieser Stelle dazwischen. Sein Mandat werde keine weiteren Fragen zu den Beziehungen beantworten, da es sich um "eine Schnittstelle" zu den Tatvorwürfen handele. So bleibt auch die Frage unbeantwortet, ob sich Gunnar D. zu der Vaterschaft bekennt. Wie er sich denn selber charakterisieren würde, fragt der Beisitzende Richter den Angeklagten. "Natürlich, offen und freundlich", antwortet D. Wie er denn das genau meine. Gunnar D.: "In Richtung freundlich zugehen auf Personen. Natürlichkeit im Sinne von Respekt vor der Natur." Ob er denn eher eine spontane, aufbrausende oder eher eine ruhige Person sei, möchte der Richter wissen. "Kommt auf die Situation an. Beim Basketball, was ich auch gespielt habe, muss man sich eben spontan entscheiden, wie man am Gegner vorbeigeht." Wieder untersagt Anwalt Sascha Petzold weitere Fragen. Aber eines will sein Mandant noch an die Richter loswerden. "Ich hoffe, Sie haben einen positiven Eindruck von mir bekommen."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker