Mordprozess Michelle Ein Angeklagter, viele Details und unendliche Trauer


Ein Jahr nach dem Mord an der achtjährigen Michelle beginnt in Leipzig nun der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter, einen 19-Jährigen. Vieles spricht dafür, dass er die Tat geplant hatte.
Von Lars Radau, Leipzig

Es war die bislang größte Sonderkommission in der Geschichte der sächsischen Polizei: Zeitweise waren 177 Ermittler damit beschäftigt, den Mörder der achtjährigen Michelle aus Leipzig zu finden. Denn die Hoffnung, dass das als zurückhaltend geltende Mädchen, das am 18. August vergangenen Jahres von Ferienspielen in ihrer Grundschule nicht nach Hause zurückgekommen war, wohlbehalten wieder auftauchen würde, hatte sich schnell zerschlagen. Obwohl die Polizei noch am gleichen Abend eine groß angelegte Suchaktion gestartet hatte - neben mehr als 150 Beamten sowie Pferde- und Hundestaffeln waren auch mit Wärmebildkameras ausgerüstete Hubschrauber aus Sachsen und dem benachbarten Brandenburg im Einsatz -, blieb Michelle spurlos verschwunden. Erst drei Tage später fand ein Spaziergänger ihre übel zugerichtete Leiche in einem Teich am Rande eines Naherholungsgebietes - nur etwa drei Kilometer von der Schule des Mädchens entfernt.

In Begleitung der Mutter selbst gestellt

Daniel V., der sich ab Montag wegen Mordes, schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes in Tateinheit mit Vergewaltigung und gefährlicher Körperverletzung vor dem Landgericht verantworten muss, war erst im März dieses Jahres verhaftet worden. Offenbar hatte sich der Ring der Ermittlungen immer enger um ihn zusammengezogen: Die Sonderkommission hatte begonnen, in den Stadtteilen Reudnitz und Anger-Crottendorf, in denen Schule und Zuhause Michelles liegen, Speichelproben männlicher Anwohner zu nehmen, um das DNA-Material mit an der Leiche gefundenen Spuren abzugleichen. Wenige Stunden, bevor die Ermittler an seiner Wohnungstür klingelten, war Daniel V. in Begleitung seiner Mutter auf einer Polizeiwache erschienen.

Zunächst hatte er erklärt, ein Fremder habe ihm aus einem dunklen Auto heraus den Sack mit der Leiche Michelles vor die Füße geworfen und ihn aufgefordert, "das Ding" verschwinden zu lassen. Im Laufe der Vernehmung hatte der damals 18-Jährige dann allerdings eingeräumt, das Mädchen auf einem Spielplatz in der Nähe der Schule angesprochen und unter einem Vorwand in die gemeinsam mit seiner Mutter bewohnte Wohnung gebracht zu haben. Dort, nur wenige Straßen von Michelles Zuhause entfernt, habe er das Mädchen schließlich missbraucht und umgebracht.

Der Angeklagte kannte Michelle seit zwei Jahren

Vieles spricht dafür, dass Daniel V. die Tat nicht spontan begangen hat, sondern bereits länger plante: Einer schriftlichen Erklärung des Jugendlichen zufolge habe er Michelle bereits zwei Jahre vor der Tat während eines Praktikums an ihrer Schule kennengelernt und sie in den Ferien im Sommer 2008 wiedergetroffen. Seitdem habe er sein Augenmerk auf das Kind gerichtet. Die Leiche des Mädchens habe er nach der Tat in einen Müllsack gepackt und zunächst in der Abstellkammer auf halber Treppe versteckt. Erst zwei Tage später will Daniel V. die tote Michelle zum Teich im Naherholungsgebiet gebracht haben.

Sein Anwalt Malte Heise betont indes, dass sein Mandant heute "ein anderer ist als am Tag seiner Verhaftung". Daniel V. habe lange Gespräche mit Psychologen und der Jugendgerichtshilfe geführt, nicht zuletzt fuße auch die Anklage der Staatsanwaltschaft auf dem "voll umfänglichen Geständnis" seines Mandanten. Im Prozess wird Richter Norbert Göbel dennoch mehrere Zeugen und Sachverständige aufrufen. Unter anderem sollen dafür bis Oktober ein Kriminaltechniker, zwei Rechtsmediziner, ein Psychiater sowie ein Vertreter der Jugendgerichtshilfe gehört werden. Die 3. Kammer des Landgerichts werde sich "mit allen tragischen Details des Todes von Michelle auseinandersetzen", betont Gerichts-Pressesprecher Hans Jagenlauf.

Schwer traumatisierte Eltern

Das ist auch im Sinne der Leipziger Rechtanwältin Ina Alexandra Tust, die Michelles Eltern als Nebenklage-Vertreterin beauftragt haben. Sie kümmert sich seit dem Tod des Mädchens um Michelles Familie, hielt während der langen Zeit der Mördersuche den Kontakt zwischen Eltern und Polizei aufrecht, schirmte die Eltern und Geschwister des Mädchens von den Medien ab und organisierte die Beerdigung mit. "Ob Mutter und Vater je wieder normal leben können, ist fraglich", sagt Tust.

Der "seelische Ausnahmezustand", in den die Eltern Michelles durch den Mord gerieten, war noch dadurch verstärkt worden, dass Neonazis den Tod des Mädchens zu instrumentalisieren versuchten. Im vergangenen August hatten sie im Stadtteil Anger-Crottendorf mehrere Demonstrationen organisiert, in denen sie unter anderem die "Todesstrafe für Kinderschänder" forderten. Einer der Anführer: ausgerechnet der Onkel der ermordeten Michelle.

Istvan R., ein schmächtiger rothaarige Brillenträger, gilt als Aktivist der Leipziger Gruppe "Nationale Sozialisten" und ist sowohl für die Polizei als auch für den Verfassungsschutz ein "alter Bekannter". Die Mutter Michelles hatte sich über Ina Tust deutlich von der rechtsextremistischen Instrumentalisierung des Falles distanziert, der Vater hatte angekündigt, noch einmal persönlich mit seinem Schwager zu reden, um ihn von solchen Aktionen abzuhalten - ohne Erfolg.


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