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Mordverdacht: Wenn ein Gewürz zu Gift wird

Eine 23-Jährige Frau wird verdächtigt, die Tochter ihres Lebensgefährten mit einer Überdosis Kochsalz ermordet zu haben. Sie bestreitet alle Vorwürfe und gibt dem Kind die Schuld.

Zwei Esslöffel Salz als Mittel zum Mord an einem Kind: Um diesen wohl beispiellosen Vorwurf geht es vom 13. Juli an in einem Prozess vor dem Landgericht Frankenthal in Rheinland-Pfalz. Angeklagt ist eine 23 Jahre alte Frau aus Ludwigshafen. Sie soll im März 2004 die vierjährige Tochter ihres Lebensgefährten ermordet haben - mit Kochsalz, das in einen Fertigpudding eingerührt war. Die Frau hat die Vorwürfe, für die es keine Zeugen gibt, bestritten. "Dabei wird sie auch in der Hauptverhandlung bleiben", sagt ihr Anwalt Bernd Rudolph.

Kochsalz im Puddingbecher

Nach Darstellung der Anklage aß die Vierjährige am 25. März 2004 in der Küche der elterlichen Wohnung einen 0,2-Liter-Becher Pudding, dem 30 bis 40 Gramm Salz zugesetzt waren. Danach bekam sie Durchfall und musste sich übergeben. Einige Stunden später wurde das Kind in eine Klinik gebracht, wo es am 27. März starb. Die Vergiftung hatte zu einem Hirn- und Lungenödem geführt, Todesursache war letztlich ein Herz- und Kreislauf-Stillstand. Misstrauisch gewordene Angehörige setzten bei der Polizei eine Untersuchung in Gang.

Der Verdacht richtete sich gegen die 23-Jährige, die mit dem Mädchen und ihrem kleinen Sohn allein in der Wohnung gewesen war. Sie sagte aus, das Kind habe das Salz in einem unbemerkten Moment selbst in den Pudding gemischt. Ermittlungen gegen den Vater des Mädchens, der erst nach dem Vorfall nach Hause kam, wurden eingestellt.

"Wir haben unter Würdigung der gesamten Umstände die Überzeugung erlangt, dass hier jemand ein Kleinkind unter Ausnutzung von dessen Wehrlosigkeit getötet hat", sagt der Leitende Oberstaatsanwalt in Frankenthal, Lothar Liebig. Beim Motiv tun sich die Ermittler schwer. Da die Frau bestreite, von dem Geschehen etwas mitbekommen zu haben, könne die Anklage das Motiv schwer einschätzen, sagt Liebig.

Stiefmutter beschuldigt Kind

Die Behauptung der Frau, das Kind habe den Pudding selbst versalzen und dann gegessen, hält Liebig für unglaubwürdig. Die Anklage stützt sich auf einen Test des Gerichtsmediziners bei Kindergartenkindern. Er hatte den Kindern - mit Einverständnis der Eltern - ungefährlich versalzene Speisen vorgesetzt und ihre Reaktion getestet. Liebigs Fazit: "Die Einlassung der Angeklagten ist als widerlegt anzusehen, so kann es nicht gewesen sein."

An einen misslungenen Scherz der 23-Jährigen mag Liebig wegen der Salzmenge nicht glauben. Eine Prise Salz zu viel lasse einen das Gesicht verziehen, bei zwei Esslöffeln könne man sich vorstellen, "wie schrecklich das schmeckt". Und wenn sich ein Kind nach einem schlechten Scherz dauernd übergebe, fahre eine Mutter wohl gleich zum Arzt und warte nicht wie die Frau "stundenlang" ab. Dass sie von vornherein um die tödliche Wirkung der Salzdosis gewusst haben könnte, nimmt er an. "Es gehört zur Allgemeinbildung, dass zu viel Salz gesundheitsschädlich ist."

Nach Darstellung des Anwalts merkte die Frau nicht, wie das Salz in den Pudding gerührt wurde. "Sie kam erst in die Küche, als sie hörte, dass das Kind sich übergab." Zuvor habe sie ihrem kleineren Sohn die Flasche gegeben. Als das Mädchen sich erbrach, habe die 23-Jährige ihre Tante angerufen, die ihr geraten habe, ins Krankenhaus zu fahren. Sie habe noch auf ihren Lebensgefährten gewartet, bevor es losging.

Paar in "normalen Verhältnissen"

Nach Rudolphs Darstellung lebte das Paar in "normalen Verhältnissen". Beide wohnten inzwischen getrennt, hätten aber wieder Kontakt zueinander. Die Frau sei "relativ ruhig", nehme aber Medikamente und sei in Behandlung, weil sie den Vorfall "sonst nicht durchgestanden" hätte.

Jasper Rothfels/DPA / DPA