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Prozessauftakt: Hardy J. brachte eine Frau um - nach seiner Entlassung schlug er wieder zu

Nach einer Verurteilung wegen Totschlags wird Hardy J. im Oktober 2015 vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen - mit positiver Sozialprognose. Am Mittwoch startete am Landgericht Hagen ein weiterer Prozess gegen ihn. Er hat gestanden, anderthalb Jahre später eine zweite Frau umgebracht zu haben.

Mordvorwurf: Wie konnte es dazu kommen?

Nadia Sahlenbeck, alleinerziehende Mutter und Autorin von Gruselgeschichten

Dieser Artikel erschien unter dem Titel "Das zweite Opfer" erstmalig im Juli 2017 im stern. Anlässlich des Prozessauftakts in Hagen veröffentlichen wir ihn erneut.

Als Hardy J. dem vierjährigen Jan* die Mutter nimmt, sitzt der Junge nebenan im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Siebenmal sticht J. auf Nadia Sahlenbeck ein, das 20 Zentimeter lange Küchenmesser trifft sie in Bauch und Brust. Plötzlich, vielleicht, weil er die Schreie seiner Mutter gehört hat, steht der Junge da. J. wirft hastig eine Decke über die Tote. "Deine Mutter schläft", sagt er und drückt dem Kind eine Milchflasche in die Hand. Dann verlässt er die Wohnung.

Hardy J. irrt durch das nordrhein-westfälische Gevelsberg. Der 55-Jährige hat schon einmal eine Frau getötet. Fast auf den Tag genau vor sieben Jahren hat das Landgericht Saarbrücken ihn im März 2010 wegen Totschlags zu neun Jahren Gefängnis verurteilt. Im Oktober 2015 ist er auf Bewährung entlassen worden. Mit positiver Sozialprognose.

Hätte der Tod verhindert werden können?

J. weiß, dass ihm viele Jahre Haft drohen. Trotzdem stellt er sich rund fünf Stunden nach der Tat gegen 16 Uhr auf der Polizeiwache. Wenn Anfang August der Prozess beginnt, müssen die Richter nicht nur entscheiden, ob und wie lange Hardy J. ins Gefängnis geht, sondern auch, ob er so gefährlich ist, dass er in Sicherheitsverwahrung gehört.

Eine andere Frage, die Nadia Sahlenbecks Sohn sich eines Tages sicher stellen wird, spielt vor Gericht keine Rolle: Hätte der Tod seiner verhindert werden können?

Die Mutter mit ihrem vierjährigen Sohn. Der Junge muss nun ohne sie groß werden

Die Mutter mit ihrem vierjährigen Sohn. Der Junge muss nun ohne sie groß werden

Die Eltern von Hardy J. sind einfache Leute – der Vater Maurer, die Mutter Taxifahrerin. Der Sohn hat einen IQ von 143, weit über dem Durchschnitt. Doch auf dem Gymnasium in muss Hardy zwei Klassen wiederholen. Er hat keine Lust, sich anzustrengen. Während seine Klassenkameraden für die Abschlussprüfungen pauken, trampt er mit ein paar Mädels nach Frankreich und schafft das Abitur nur knapp. Danach schreibt er sich für ein Literaturwissenschaftsstudium ein, geht aber lieber in die Kneipe und zum Schachspielen als in die Vorlesung. Er bricht das Studium ab und kellnert.

1986 heiratet er. Seine Frau, eine arbeitslose Verkäuferin, bringt einen Sohn mit in die . Hardy J. meldet sich bei einer Fachschule an, um Wirtschaftsinformatiker zu werden. Die Ausbildung, die zwei Jahre dauern soll, fällt ihm leicht. Aber dann kommt Tochter Silvia* mit Downsyndrom zur Welt. Seine Frau habe das behinderte Kind abgelehnt, wird Hardy J. später einem Gutachter erzählen. Sie verlässt Mann und Tochter, J. bricht die Fachschule ab. Ausbildung und Kind hätten sich nicht vereinbaren lassen, sagt er dem Gerichtspsychiater. Dabei hilft seine Mutter, wo sie nur kann. An den Wochenenden ist sie es, die auf Silvia aufpasst, damit Hardy in den Schachklub gehen kann.

Sie hat Mitleid mit dem Mann, der seine behinderte Tochter allein erzieht

Dort kennt man ihn als guten, allerdings nicht herausragenden Spieler. Und als einen, der nicht gern verliert. "Dann konnte es passieren, dass er sein Weizenbier auf den Tisch schüttete oder gleich den ganzen Tisch umwarf", erzählt ein ehemaliger Vereinskamerad.

Kurz nach Ostern 2009, Hardy J. ist längst geschieden, lernt er im Internet die 48-jährige Ulrike H. kennen. Die beiden stellen fest, dass sie gemeinsame Bekannte haben. Und dass sie in Saarlouis nur zwei Kilometer voneinander entfernt wohnen. Als sie sich zum ersten Mal treffen, schenkt J. ihr einen alten Teddybären. H. hat Mitleid mit dem Mann, der seine behinderte Tochter allein erzieht. Es dauert nicht lange, da ist sie für ihn das "liebe Fräulein vom Berg" und nennt ihn "edler Ritter". Doch sie lässt keinen Zweifel daran, dass J. für sie ein guter Freund ist und keinesfalls mehr.

J. aber verliebt sich. Er will mit ihr zusammenleben. Er kann nicht schlafen, wenn sie sich nicht meldet, kann über nichts anderes mehr sprechen als über Ulrike.

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Am 5. Oktober 2009 fährt die Freundin vormittags gegen zehn Uhr zu J. Sie will seiner Tochter ein Paket mit Altkleidern bringen, aber Silvia ist in der Schule, sie trifft den Vater allein an. Als die beiden sich zur Begrüßung umarmen, sagt er: "Ich liebe dich." Sie erwidert: "Ich hab dich auch lieb – aber ich werde meinen Mann nicht verlassen." Dann geht sie, mit dem Kleiderpaket in der Hand, in die Wohnung. Hardy J. nimmt einen Kunststoffhammer, der neben der Tür liegt, und schlägt Ulrike H. auf den Schädel. Elfmal. Er schlägt mit so viel Wucht, dass der Hammerkopf vom Stil bricht. Dann würgt er die auf dem Boden Liegende. Schleppt sie ins Badezimmer, legt sie in die Wanne. Er lässt Wasser einlaufen und hängt seinem Opfer ein Bügeleisen um den Hals. Dann verlässt er die Wohnung. Und stellt sich ein paar Stunden später der Polizei.

Das Landgericht Saarbrücken verhandelt im März 2010 zwei Tage lang. Hardy J. ist kein gewöhnlicher Angeklagter. Eine stattliche Erscheinung, fast zwei Meter groß, dunkelhaarig, Schnauzer, gepflegt. Er ist gebildet, kann reden, gibt sich reumütig. Er habe keine Erklärung für seine Tat, beteuert er. Was er getan habe, tue ihm leid.

Der Prozess wird zum juristischen Scharmützel

Die Anwälte von Ulrike H.s Familie wollen, dass er wegen Mordes verurteilt wird. Das setzt allerdings voraus, dass J. sein Opfer vorsätzlich und heimtückisch getötet hat. Der Prozess wird zum juristischen Scharmützel.

In der Wohnung sind keine Kampfspuren gefunden worden. Das deutet daraufhin, dass J. Ulrike H. von hinten angegriffen hat. Sie sei arg- und wehrlos gewesen, Hardy J. hingegen heimtückisch, argumentieren die Anwälte. Spätestens als er angefangen habe, sie heftig zu würgen, habe er den Vorsatz gefasst, sie zu töten.

J.s Verteidiger, Olaf Möller aus Völklingen, plädiert auf fünf Jahre Haft wegen Totschlags in einem minderschweren Fall. Die Staatsanwaltschaft geht – "im Zweifel für den Angeklagten" – davon aus, dass J. sein Opfer nicht von hinten angegriffen hat, plädiert aber für eine hohe Gefängnisstrafe von 13 Jahren wegen Totschlags.

Das Gericht bleibt weit darunter, verurteilt den Angeklagten zu neun Jahren wegen Totschlags. Er habe sein Opfer spontan, ohne Vorsatz, umgebracht, argumentieren die Richter. Ein Reporter der Lokalpresse schreibt hinterher: "Das Gericht war bemüht, nach Entlastendem zu suchen."

Die Richter stützten sich auf das Gutachten eines erfahrenen Psychiaters von der Universität des Saarlandes. Nach vielen Tests und Gesprächen sah der Forensiker bei J. "keine Hinweise auf besondere Impulsivität und Waghalsigkeit", der Wert für "aggressive Verhaltensstile" sei nur "leicht erhöht". Der Experte entdeckte keine "Persönlichkeitsstörung oder eine andere Form der Persönlichkeitsfehlentwicklung".

Er absolviert eine Ausbildung zum Speditionskaufmann und gehört bundesweit zu den Besten

Tatsächlich macht J. in den folgenden Jahren auch im Gefängnis einen guten Eindruck. Er absolviert eine Ausbildung zum Speditionskaufmann, gehört bei den Prüfungen bundesweit zu den Besten. Bei der Gesprächstherapie zeigt er Einsicht in seine Tat. Im Sommer 2015, nachdem er fast zwei Drittel seiner Strafe abgesessen hat, wird er erneut begutachtet. Diesmal soll ein renommierter Forensikprofessor von der Universität Mainz in einem "Prognose-Gutachten" klären, ob Hardy J. noch gefährlich ist. J. sei "gut schwingungsfähig und emotional erreichbar", lobt der Psychiater. Insgesamt sieht er eine "günstige Ausgangssituation für eine positive Legalbewährung". J. ist inzwischen im offenen Vollzug, hat eine Frau kennengelernt. Die neue Freundschaft solle "mit Blick auf die begangene Beziehungstat" im Auge behalten werden, rät der Gutachter und regt gemeinsame Gespräche zwischen der Frau, Hardy J. und dem Bewährungshelfer an. Doch dazu kommt es nicht. Die Frau zieht sich zurück.

Hardy J. wird Anfang Oktober 2015 aus der Haft entlassen. Er wohnt in Saarlouis bei seiner Mutter, die auch Tochter Silvia zu sich genommen hat. Hardy J. nennt sich jetzt "Chess Rookie" und spielt viel Schach im Internet.

Bei Facebook lernt er Nadia Sahlenbeck kennen, die alleinerziehende Mutter des kleinen Jan. Die gelernte Friseurin hat als Verkäuferin gearbeitet und geht, seit der Junge auf der Welt ist, stundenweise putzen. Doch ihre eigentliche Berufung sieht sie im Schreiben. Nadia Sahlenbeck verfasst Horrorgeschichten, Erzählungen, in denen Geister als Nebelschwaden aus dem Nichts erscheinen. Eines ihrer Stücke ist bei einem Verlag in einem Sammelband erschienen. Ansonsten veröffentlicht Nadia Sahlenbeck als Self-Publisherin bei Amazon und träumt von einem Durchbruch.

Hardy J. behauptet, dass er bei der Vermarktung der Horrorgeschichten helfen könne, schließlich habe er Literaturwissenschaft studiert. Ende 2016 besucht er seine Internetbekanntschaft in Hamburg – und verliebt sich. Nadia Sahlenbeck ist zierlich, hat langes, schwarzes Haar und grüne Augen. Für sie ist der 14 Jahre ältere Mann nicht mehr als ein "väterlicher Freund", wie sie einer Bekannten erzählt.

Anfang 2017 zieht Nadia Sahlenbeck mit ihrem Sohn nach Gevelsberg. Ein paar Wochen darauf besucht J. sie in ihrer neuen Wohnung. Er schlägt vor, mit ihr und dem Jungen in Urlaub zu fahren. Doch sie will nichts davon hören. Wieder ist J. besessen von einer Frau. Wieder hat er keine Chance.

"Nichts ist schwieriger vorherzusagen als menschliches Verhalten"

Am 8. März um 20.26 Uhr schickt J. Nadia Sahlenbeck eine Kurznachricht aufs Handy. "Texte kannste weg machen, Gefühle net." Er schreibt ihr von seiner großen Liebe Ulrike, die gestorben sei, vielleicht hofft er auf Mitleid. Dass er es war, der Ulrike H. getötet hat, verschweigt er. Doch Nadia Sahlenbeck lässt sich ohnehin nicht erweichen. "Wie oft soll ich es dir denn noch sagen? Es tut mir leid, aber ich kann es numa nicht ändern und das weißt du auch", schreibt sie.

Zehn Minuten später, um 20.36 Uhr, steigt Hardy J. am Hauptbahnhof von Saarlouis in den Zug nach Gevelsberg. Fast neun Stunden ist er unterwegs, kommt morgens gegen 5.30 Uhr in der Kleinstadt an. Gegen acht Uhr klingelt er bei Nadia Sahlenbeck. Sie hätten sich gestritten, gibt J. später zu Protokoll. Nadia habe ihm vorgeworfen, sie zu bedrängen und zu bevormunden. Dann habe er das Küchenmesser auf der Spüle liegen sehen.

"Nichts ist schwieriger vorherzusagen als menschliches Verhalten", sagt der Mainzer Forensiker, der J. in der Haft zu beurteilen hatte. "Das ist fehleranfällig." Und so gleichen die Argumente der Staatsanwaltschaft Hagen denen der Nebenkläger im ersten Prozess. Nadia Sahlenbeck sei durch den Angriff überrascht worden, sei arg- und wehrlos gewesen, Hardy J. heimtückisch. "Mein Mandant ist kein Mörder", sagt dagegen Rechtsanwalt Dirk Löber aus Lüdenscheid, der Hardy J. gemeinsam mit seinem alten Verteidiger Olaf Möller vertritt. "Er hat an den Taten zu knacken. Es macht ihm zu schaffen, dass er keine Erklärung dafür hat, wie es dazu kommen konnte."

Das soll jetzt ein neuer Gutachter herausfinden.

*Name von der Redaktion geändert

Doppelmord in Hamburg: Ein Kindermörder wird gesucht