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Münchener Missbrauchsprozess Auftritt der Unperfekten


Es ist ein bizarrer und zugleich erschreckender Fall: Ein Mann wirft seiner Frau vor, ihren gemeinsamen Sohn über Jahre missbraucht zu haben. Die Frau dreht den Spieß um. Vor Gericht sprach sie jetzt über ihre Ehe - und die Beziehung zu dem Kind.
Von Malte Arnsperger, München

Wie eine Rabenmutter sieht Sabine D.* nicht aus. In einem gepflegten dunkelblauen Kostüm und gelber Bluse sitzt die kleingewachsene 53-Jährige auf ihrem Stuhl, streicht sich die halblangen braunen Haare zurecht. Die Medizinerin wirkt, als ob sie plötzlich aus der Praxis herausgerissen wurde und nun völlig unvorbereitet auf der Anklagebank in einem Münchner Gerichtsaal gelandet ist. Dabei weiß sie schon seit mehr als zwei Jahren, was ihr vorgeworfen wird: Schwerer sexueller Missbrauch ihres eigenen Sohnes, über Jahre, in mehreren hunderten Fällen. Eine verstörende Anschuldigung, die mittlerweile eine Familie zerstört hat, ein Ehepaar zu erbitterten Gegnern gemacht hat - und ein Kind zum Spielball von Interessen.

Sabine D. ist mit zwei Anwälten zum ersten Prozesstag am Landgericht München erschienen. Die Juristen bitten die wartenden Journalisten darum, Rücksicht auf das Kind und die Mutter zu nehmen, keine Bilder, keinen richtigen Namen zu veröffentlichen. Sabine D. blickt sich unsicher im Gerichtssaal um, ihr Lächeln ist eingefroren, während einige Kameras auf sie gerichtet sind. Ruhig, ohne eine erkennbare Regung hört sich die Mutter die Anklage an.

Danach soll sie von November 2003 bis Mai 2006 in 273 Fällen am Glied ihres heute zehnjährigen Sohnes Lukas herum manipuliert, ihn sogar in den Mund genommen haben oder sich von dem Jungen an der Brust streicheln lassen. Dabei soll sie sexuell erregt gewesen sein. Die Münchner Staatsanwaltschaft beruft sich vor allem auf Aussagen, die Carina F., das ehemalige Kindermädchen der Familie, gemacht hat. Ein Bekannter der Familie will etwas ähnliches beobachtet haben.

Tränen vor Gericht

Ausführlich, rund drei Stunden lang, gibt Sabine D. vor Gericht Einblick in ihr Eheleben, ihr Sexualleben und ihre Beziehung zu Sohn Lukas, ihrem "Wunschkind". Immer wieder fängt sie an zu schluchzen, wischt sich die Tränen ab. "Des, was in der Anklage steht, hab i net gemacht", sagt D. gleich zu Beginn ihrer Vernehmung im Dialekt. "Net 200 mal, net ein mal." Nie habe sie am Penis ihres Sohnes "herumgemacht, außer um ihn zu waschen. Und ich habe ihn nie in den Mund genommen". Ja, meint die Mutter, sie habe ihren Sohn zwar relativ lange, bis er eineinhalb Jahre alt war, gestillt. Und auch danach habe der Junge immer mal wieder zurück an die Brust gewollt, "Mam-Mam" habe Lukas dazu gesagt. "Ich habe ihm aber immer gesagt: Du bist jetzt groß genug." Und natürlich habe sie sich mit dem Sohn mal vor den Fernseher auf die Coach gelegt. "Aber da war ich voll bekleidet und habe nie die Kleidung hochgezogen. Sexuelle Aktivitäten in irgendeiner Form habe ich nicht vorgenommen", sagt die Angeklagte weniger mundartlich. Mit fast mütterlicher Fürsorge spricht Sabine D. dann über die ehemalige Haushälterin Carina F., die Hauptbelastungszeugin. 2003 wurde die Frau eingestellt, als Zugehfrau, die aber auch auf den Sohn aufpassen sollte, während Sabine D. selber Teilzeit in der Praxis ihres Mannes arbeitete. Carina F. sei "zuverlässig, freundlich, gepflegt" gewesen, "eine Perle", sagt Sabine D. Als das Kindermädchen 2004 "tränenüberströmt" über Schulden klagte, habe sie mit Krediten ausgeholfen. "Sie bekam einen Vertrauensvorschuss von mir."

2005 hätten dann die Schwierigkeiten angefangen. Zunächst habe Carina F. den kleinen Lukas geschlagen, dann habe sie die Haushälterin beim Stehlen erwischt, schildert Sabine D. "Sie hat es zugegeben. Wir haben uns auf 2500 Euro geeinigt, die sie zurückzahlen muss. Ich habe beschlossen, ihr eine zweite Chance zu geben." Doch als 2006 mehrere Wertgegenstände, darunter Goldmünzen, fehlten, kündigte Sabine D. der Haushälterin fristlos. Mit knapp 10.000 Euro stehe Carina F. bis heute in ihrer Schuld, sagt die Angeklagte.

Kein Sex mehr seit der Schwangerschaft

Fast parallel verschlechterte sich in diesen Jahren die Beziehung zu ihrem Mann Heinz W. Nicht nur, dass der seit der Schwangerschaft jeglichen sexuellen Kontakt verweigert habe. "Er hat auch irgendwann aufgehört, mit mir zu reden. Er hat bei uns gelebt wie ein Flüchtling", erzählt Sabine D. Immer wieder sei es zu Spannungen zwischen dem "muffeligen" Vater und dem Sohn gekommen, Heinz W. habe Lukas auch ins Gesicht geschlagen . Und nicht nur das: "Mein Sohn und mein Mann haben immer ein Spiel gemacht, bei dem sich beide am Pipi kitzeln. Ich habe gesagt: 'Hört auf, das macht man nicht.' Aber mein Mann sagte: 'Ich mach doch gar nichts.'" Ostern 2009, nach einem erneuten Streit, stellte Sabine D. ihrem Mann buchstäblich die Koffer für die Tür. Der Beginn eines erbitterten Scheidungs- und Sorgerechtstreits, begleitet von diversen gegenseitigen Strafanzeigen.

Die gravierendste, die Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs, erstattete jedoch nicht Heinz W. Es war ein Bekannter der Familie, Robert C.. Nur wenige Wochen nach der Trennung 2009 habe ihm der Vater von den Beobachtungen der Haushälterin erzählt. So sagt es C., ein alter Studienfreund von Heinz W., vor Gericht. Daraufhin habe er sich an einen Vorfall von 2004 erinnert. Zusammen mit Sabine D. und Lukas sei er damals in einem Modegeschäft gewesen. "Ich habe dort gesehen, wie sie auf einem Stuhl vor den Umkleidekabinen saß, ihr Sohn stand zwischen ihren Beinen. Er hat ihre Brüste unter dem weißen T-Shirt gestreichelt, ihre versteiften Brustwarzen waren an dem T-Shirt erkennbar. Ich habe vermutet, der BH war hochgeschoben." Er sei damals entrüstet gewesen, sagt Robert C.. Sabine D. habe nur geantwortet: "Nun hab dich nicht so." Er habe es dann selber abgetan und vergessen. Dem Vater habe er von dem Erlebnis erst 2009, nach dessen Trennung, erzählt und dann selbstständig Anzeige gegen Sabine D. erstattet. "Ich musste aufgrund der Erzählungen der Haushälterin und meinem Erlebnis handeln. Ich musste das Kind da rausholen", sagt Robert C.

Die Verteidiger von Sabine D., die eine von ihrem Mann angezettelte Verschwörung gegen ihre Mandantin wittern, zeigen Lücken in der Aussage von Robert C auf. So habe Sabine D. nie einen BH getragen und nie weiße T-Shirts. Zudem sei es "unglaubwürdig", dass Robert C. die Anzeige ohne Rücksprache mit Heinz W., dem Mann und Kindsvater, gestellt habe.

Entscheidender Auftritt am Freitag

Entscheidender für das Verfahren dürfte jedoch der Auftritt von Carina F. sein, die am Freitag aussagen soll. Schließlich will die Haushälterin den schweren sexuellen Missbrauch jahrelang beobachtet haben. Sie wird erklären müssen, warum sie es solange niemanden erzählt hat. Und auch, wann der Missbrauch genau stattgefunden haben soll. Laut Anklage soll es nämlich meistens zur Mittagszeit passiert sein, während des Essens, als Heinz W. noch in der Praxis weilte. Das steht jedoch im krassen Widerspruch zu der Aussage von Sabine D. Demnach war Heinz W. beim Mittagessen meistens dabei und Carina F. längst bei ihrer zweiten Arbeitsstelle - einer Zahnarztpraxis.

"Wir haben einige Überraschungen für die Haushälterin vorbereitet", kündigt Sabine D.s Verteidiger Steffen Ufer in einer Prozesspause an. Seine Mandantin steht derweil neben ihm und gibt den Journalisten bereitwillig Auskunft. Ihr Kind sei derzeit bei einer "wunderbaren Pflegefamilie" untergebracht, schließlich sei sie auch einige Monate in Untersuchungshaft gewesen. Ihr Sohn sei durch die Geschehnisse der letzten Zeit "schwer traumatisiert", sagt Sabine D. Und sie gibt zu: "Ich war als Mutter sicher nicht immer perfekt."

*Alle Namen von Familienmitgliedern und Zeugen wurden von der Redaktion geändert.


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