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Münchener Missbrauchsprozess Bizarre Morgenrituale


273 Mal soll die Professoren-Gattin Sabine D. ihren kleinen Sohn sexuell missbraucht haben. Verstörende Spielchen mit dem "Pipi" des Buben waren an der Tagesordnung - behauptet jetzt die Haushälterin.
Von Malte Arnsperger

Jeden Morgen gegen acht Uhr dasselbe Bild: Eine Frau Mitte Vierzig trägt ihren kleinen Sohn aus dem Schlafzimmer und legt ihn aufs Wohnzimmersofa. Dort zieht sie ihm die Windeln und die Hose aus und macht sich in sexueller Absicht an dem Penis des Jungen zu schaffen. Zehn, vielleicht auch mal 20 Minuten lang, soll dieses "Morgenritual" gedauert haben, über Jahre hinweg. Das jedenfalls behauptet die Haushälterin der Frau vor dem Landgericht München.

Carina F. ist die Hauptbelastungszeugin in einem ungewöhnlichen und vor allem verstörenden Verfahren. Die Münchener Staatsanwaltschaft wirft Sabine D. schweren sexuellen Missbrauch ihres heute zehnjährigen Sohnes Lukas vor. Die 53-jährige Medizinerin soll sich zwischen 2003 und 2006 in 273 Fällen an dem Buben vergangen haben. Und das alles unter den Augen der Haushälterin Carina F.

Schon am zweiten Prozesstag sitzt Carina F. auf der Zeugenbank. Denn nachdem Sabine D. alle Vorwürfe bestritten hat, ist die Aussage, das Auftreten und vor allem die Glaubwürdigkeit der Haushälterin entscheidend für diesen Prozess. Die 58-Jährige ist das, was man sich gemeinhin unter einer kernigen bayerischen Frau vorstellt. Kurze Haare, muskulöse Arme, tiefer Dialekt. Detailliert schildert sie ihre Beobachtungen mit dem "Pipi" von Lukas, dem man das "Mäntelchen ausziehen" müsse, wie Sabine D. immer gesagt habe. "Sie hat immer gesagt, das müsse man tun, um ihn sauberzumachen", berichtet Carina F. "Ich habe zu ihr gemeint: Das macht man nicht, das ist doch ein Kind." Lukas habe sich aber nicht gewehrt, sagt das Kindermädchen, "der war das gewohnt, und er vertraute halt seiner Mutter".

Carina F. ist die wichtigste Zeugin im Fall

Angeblich wurde dieses Vertrauen noch öfter ausgenutzt. Denn neben diesem "Morgenritual" habe es auch ein "Mittagsritual" gegeben. Immer gegen die Mittagszeit habe sich der Junge auf den Schoß der Mutter gesetzt, aus seinem Fläschchen getrunken und unter dem T-Shirt seiner Mutter deren Brüste gestreichelt. "Sie hat ihn immer dazu animiert. Ihre Brustwarzen waren verhärtet und sie hat gestöhnt", sagt Carina F. Ähnliches habe sich auch auf der Couch abgespielt. "Sie hat dann mal zu mir gesagt: 'Legen Sie sich doch dazu.'" Sie habe entrüstet abgelehnt und einmal sogar mit dem Jugendamt gedroht, erinnert sich Carina F. "Sie hat dann nur gesagt: 'Wem glaubt man wohl, einer Frau Professorin oder einer Carina?'"

Das Gericht hakt immer wieder nach, will detailliert wissen, wann, wie und wo sich die Vorfälle abgespielt haben sollen. Einige Prozessbeobachter blicken schon angewidert zu Boden. Aber die Neugierde der Richter dient dem Ziel, die angebliche Tat genau zu erfassen, schließlich geht es um erhebliche Vorwürfe. Und die Kammer will durch ihre intensive Befragung auch die Glaubwürdigkeit der wichtigsten Zeugin testen.

An einigen Stellen ergeben sich tatsächlich Zweifel, ob Carina F. immer die Wahrheit sagt oder ob ihr zumindest das Gedächtnis Streiche spielt. So hat sie in ihrer eigenen Eidesstattlichen Versicherung behauptet, Lukas habe seiner Mutter auch an die Genitalien gefasst. Das stimme nicht, sagt Carina F. nun vor Gericht. "Vielleicht habe ich das in dem Schreiben übersehen." Eine gravierende Abweichung, bemerkt der vorsitzende Richter mehrfach mit kritischem Blick.

Wann war wer im Haus?

Auf offensichtliche Verwunderung bei den Prozessbeteiligten stößt auch, dass Carina F. die Übergriffe zwar missbilligt haben will, aber offenbar trotzdem immer zugeschaut hat. Carina F.'s Begründung klingt wenig überzeugend. "Ich habe dann halt was aufgeräumt oder den Buben abgelenkt oder mich in die Küche gesetzt." Aber auch von dort aus habe sie alles sehen können. Aber warum hat sie nie dem Kindsvater Heinz W. oder dem anderen Kindermädchen davon erzählt, will das Gericht wissen. "Ich habe mich nicht getraut", sagt Carina F. Geblieben sei sie in dem Haushalt nur, weil ihr der Junge so leidgetan habe.

Strittig sind die Zeiten, zu denen Carina F. und Sabine D. überhaupt in dem Haus waren. Das ist entscheidend für die Frage, ob der sexuelle Missbrauch wie behauptet überhaupt stattgefunden und ob Carina F. ihn beobachtet haben kann. Sabine D. sagte vor Gericht aus, sie sei oft schon morgens aus dem Haus gegangen, um in der Praxis ihres Mannes zu helfen und Carina F. habe mittags fast immer bei einem Zahnarzt geputzt. Die Haushälterin schildert das Gegenteil: Sabine D. sei fast durchgehend zu Hause geblieben und sie selber habe nur bis 2004 mittags bei dem Zahnarzt gearbeitet. Die Anwälte von Sabine D. wollen dies unter anderem mit den Aufzeichnungen der Praxen widerlegen.

Und nicht nur das. Die Verteidigung glaubt an eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Ex-Ehemann Heinz W. und der Haushälterin zum Schaden ihrer Mandantin. Ob da denn gar nichts gewesen sei, fragen die Verteidiger immer wieder und halten ihr eine entsprechende Aussage von Heinz W. vor. Carina F. bestreitet es rundherum. Heinz W. habe ihr weder Geld versprochen noch irgendetwas bezahlt, noch habe sie für ihn gearbeitet. "Das kann ich beschwören."

Der Verteidigung gelingt es nicht, die Zeugin bei groben Lügen zu ertappen. Noch nicht. Denn zum einen kündigten die Anwälte schon weitere Beweisanträge genau zu diesem Zweck an. Und dann will Carina F. ihrem Sohn und einer anderen Arbeitgeberin schon vor vielen Jahren von dem Missbrauch erzählt haben. Vielleicht gelingt es dem Gericht mithilfe dieser Zeugen herauszubekommen, ob es diese anstößigen "Morgen- und Mittagsrituale" wirklich gab.

(Alle Namen von Beteiligten und Zeugen von der Redaktion verändert)


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