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Münchner S-Bahn-Mord: "Dominik war Vorbild und kein Held"

Er stellte sich an einer Münchner S-Bahn-Station schützend vor vier Schüler - und verlor dabei sein Leben. Im Interview berichten enge Freunde von Dominik Brunner, wie sie mit dem Verlust umgehen, und warum der 50-Jährige kein Held ist.

Am Nachmittag des 12. September wurde Ihr Freund und Kollege Dominik Brunner von zwei jungen Männern am Bahnsteig München-Solln ermordet, weil er sich schützend vor vier Schüler stellte. In den Jahresrückblicken wird er als "Held des Jahres" bezeichnet. Sehen Sie ihn auch als Held?
Claus Girnghuber: Ich würde ihn lieber "Vorbild des Jahres" nennen. Der Begriff Held wird sehr inflationär verwendet. Ein Held macht etwas, was nicht jeder kann. Aber hinschauen, eingreifen, das sollte jeder tun. Dominik Brunner ist für uns ein Vorbild für Mut und Zivilcourage – und das weit über dieses Jahr hinaus.

Am Jahresende blickt man zurück, geht in sich. Haben Sie den Tod Dominik Brunners bereits verarbeitet?
Peter Hoffmann: Ich habe seinen Tod nicht verarbeitet, nur den größten Schmerz überwunden. Wenn ich, wie jetzt, über seinen Tod rede, wühlt mich das immer noch sehr auf. Ich vermisse seine freundliche, zuvorkommende Art, seine Hilfsbereitschaft und seinen Humor.

Girnghuber: Wir hatten gerade die erste Aufsichtsratssitzung ohne ihn, es gibt viele erste Male ohne ihn, Erinnerungen, die ihn lebendig halten. Das kann man nicht verdrängen, das bleibt unter der Oberfläche immer da.

Peter Maier: Zeit, den Verlust zu verarbeiten, gab es bisher kaum. In ruhigen Minuten, wenn wir uns das Geschehene vergegenwärtigen, spüren wir, dass die Frage nach dem "Warum" uns noch weiter beschäftigen wird – vielleicht sogar das ganze Leben lang. Das liegt zum einen am Verlust von Dominik Brunner, zum anderen an der Dimension und Unbegreiflichkeit der Tat.

Wie haben Sie davon erfahren?
Maier: Ich habe Sonntagmorgens um acht einen Anruf bekommen, dass Dominik Brunner gestorben ist. Da funktioniert man erstmal nur wie ferngesteuert. Ich habe ein Treffen hier in der Firma organisiert, wir wussten gar nicht, wie es weitergehen sollte. Am nächsten Tag war Mitarbeiterversammlung, wie sollte ich es ihnen sagen? Wir sind ein mittelständischer Betrieb, etwas mehr als 500 Mitarbeiter, da kennt jeder jeden, da sitzt der Vorstand mit in der Kantine. Dominik Brunner war sehr beliebt. Dazu kam der Medienauflauf, den wir nicht gewohnt waren, es war sehr hektisch. Erst später habe ich so langsam realisiert, was passiert war.

Hoffmann: Wir waren überwältigt von der Trauer und der Sinnlosigkeit des Geschehenen. Dieses Gefühl ist fast unerträglich. Wir saßen zusammen und haben uns immer wieder gefragt: Warum ist das passiert? Warum musste er ausgerechnet zu dem Zeitpunkt an der Stelle sein? Wir haben viele Anrufe bekommen, von Leuten, die Ähnliches erlebt haben, aber nicht getötet wurden. Warum musste es bei Dominik Brunner tödlich ausgehen? Aber es bringt nichts, es gibt keine Antworten auf diese Fragen.

Maier: Wir haben dann begonnen, nach dem Wozu zu suchen. Und, wie können wir dieser völlig sinnlosen Tat doch noch irgendwie einen Sinn geben? Da kam schnell die Idee, eine Stiftung zu gründen. Wir haben die Dominik Brunner-Stiftung bereits wenige Tage nach der Tat gegründet.

Girnghuber: Wir wollen, dass die Werte, die er verkörpert hat und für die er letztlich gestorben ist, gestärkt werden, seinen Geist und seine Ideale in die Stiftung tragen. Dominik Brunner war ehrlich, fair, er war einfach ein anständiger Kerl, der nicht wegschauen konnte, wenn Stärkere Schwächere bedrohten.

Im Zug, am Bahnsteig waren viele andere Passanten. Von denen hat keiner so eingegriffen, dass der Mord verhindert worden ist. Macht Sie das wütend?
Girnghuber: Wir wissen nicht, was genau passiert ist, unsere Informationen stammen einzig aus den Medien. Wir machen niemand Vorwürfe, wer rechnet schon an einem Samstagnachmittag in München mit so einer Tat? Aber klar ist, wenn ein Zweiter oder Dritter aufgestanden wäre und eingegriffen hätte, würde Dominik Brunner heute noch leben. Deswegen ist eine zentrale Botschaft der Stiftung, nicht wegzuschauen.

Aber sollte Hinschauen, Zivilcourage zeigen, nicht selbstverständlich sein? Was läuft falsch in der Gesellschaft, wenn einer, der anderen hilft, ein Held ist?
Girnghuber: Wir haben zwar einen relativ großen materiellen Wohlstand, aber erleben einen drastischen Werteverfall. Wir haben keine Leitlinien mehr, früher gab es eine religiöse Prägung, einen größeren Einfluss des Elternhauses. Heute sind die Eltern meist Doppelverdiener, viele Kinder sich selbst überlassen. Ihnen müssen wir die richtigen Werte vorleben. Mit der Stiftung wollen wir auch Projekte an sozialen Brennpunkten fördern.

Wie geht es den Eltern von Dominik Brunner?
Girnghuber: Die Familie möchte in Ruhe trauern. Dies wurde von den Medien respektiert, dafür möchten wir uns bedanken. Dominik Brunners Vater ist auch im Kuratorium der Stiftung, bei den Sitzungen anwesend und in die Entscheidungen involviert.

Haben sich die Täter entschuldigt?
Girnghuber: Einer der beiden hat über seinen Anwalt verlauten lassen, dass ihm die Tat leid tue. Mehr nicht. Eine Entschuldigung gab es nicht.

Und die vier Schüler, die Dominik Brunner beschützt hat. Haben die sich bei Ihnen gemeldet?
Girnghuber: Bei uns nicht, aber sie haben den Eltern von Dominik Brunner einen sehr ehrlichen Brief geschrieben, ihre Trauer und Dankbarkeit bekundet, worüber die Eltern sich sehr gefreut haben.

Der Schriftsteller Martin Suter, dessen Sohn vor kurzem völlig unerwartet starb, sagte in einem Interview über die Trauer : "Es heißt, das Leben gehe weiter. Aber das stimmt nicht. Man tut nur so, als ginge es weiter." Geht es bei Ihnen schon weiter?
Girnghuber: Dominik Brunner und Martin Suter kannten sich sogar, waren sich ein paar Mal zufällig im Skiurlaub begegnet. Momentan ist Suters Aussage noch zutreffend, aber wir hoffen, dass der Zustand, in dem sich alles um den Verlust dreht, mit der Zeit nachlässt.

Hoffmann: Ich habe Dominik Brunner einfach sehr gemocht. Er fehlt mir als Freund, er fehlt im Unternehmen, seine sachliche Kompetenz geht dem Unternehmen ab. Er hinterlässt eine Lücke, die wir versuchen aufzufüllen. Fachlich mag das irgendwann gehen, menschlich ist das unmöglich.

Felix Hutt
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