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Münchner S-Bahn-Mord: In der Heimat des toten Helden

Ergoldsbach, die Heimat von Dominik Brunner, trägt Trauer. Der Mann, der vergangenen Sonntag von drei Jugendlichen zu Tode geprügelt wurde, war in seiner Gemeinde tief verwurzelt. Ein Besuch in der bayerischen Provinz.

Von Felix Sperling

Ergoldsbach hat nichts von bayerischer Postkartenidylle - die Bahn und eine vielbefahrene Straße zerschneiden den Ortskern. Nun sieht hier alles noch trister aus. "Wir können alle nicht begreifen, dass es ausgerechnet unseren Dominik getroffen hat", sagt die blonde Angestellte einer Metzgerei in der Industriestraße. Dort, wo "der Nick" gewohnt hat. Wie es sich für einen Betriebsleiter alter Schule gehört, lebten die Brunners direkt neben der Ziegelfabrik, in der der Vater Geschäftsführer war.

Ergoldsbacher pilgern nach München

Allzu viel wollen die Ergoldsbacher nicht über ihren Helden verraten. Sie halten zusammen, respektieren den Wunsch der Eltern, nicht allzu viel über ihren Sohn zu erzählen. Wenigstens bis nach der Beerdigung. Vater Oskar Brunner, 79, und die Mutter Felicitas, 81, ließen am Mittwoch auf der Trauerfeier am Münchner S-Bahnhof Solln nochmals durch den Pfarrer verkünden, dass sie die Trauer um ihr einziges Kind "im engsten Kreise bewältigen wollen".

Deshalb gab es bisher in der 8000 Seelen Gemeinde noch keinen offiziellen Trauergottesdienst. Das macht die Ergoldsbacher noch hilfloser. Viele reisten gestern nach München an, um dort erstmals öffentlich ihr Entsetzen zu bekunden.

"Immer eine soziale Ader gehabt"

Dominik Brunner zog als dreijähriges Kind mit seinen Eltern in die niederbayerische Kleinstadt, wuchs hier auf, besuchte die Volkssschule. "Er war immer der Schlauste in unserer Klasse", sagt die ehemalige Klassenkameradin Martina Fleck. Früher waren die Mitschüler oft auf Geburtstags- und Faschingsfeste bei der Familie Brunner eingeladen. "Für diesen Oktober", sagt Martina Fleck, "war schon ein Klassentreffen für unsere damalige Volksschulklasse organisiert."

Im Mai erst hatte Dominik Brunner in einem großen Festzelt mit 150 geladenen Gästen seinen 50. Geburtstag gefeiert. Auch Bürgermeister Ludwig Robold war eingeladen. "Er wollte keine Geschenke, sondern hat um eine Spende für den Förderverein Klinikum Landshut gebeten." Obwohl aus einer wohlhabenden Familie, habe Brunner immer eine soziale Ader gehabt und sei nie hochgestochen gewesen.

Das bestätigen alle hier im Ort. "Bescheiden ist er gewesen", sagt ein älterer Herr beim örtlichen Tennisclub. "Angenehm, unauffällig, voller Tatendrang, lebensbejahend und ausgeglichen", darin sind sich alle einig. Josef Wargitsch, Direktor der örtlichen Hauptschule, kannte Dominik Brunner zwar nur flüchtig, aber er erinnert sich noch gut an einen "gemeinsamen Abend im Bierzelt bei unserem Volksfest." Die Freunde rund um Brunner haben richtig Stimmung gemacht und gute Laune verbreitet. "Herr Brunner hatte ein so ansteckendes Lachen", sagt Josef Wargitsch.

Opfer hatte kurz zuvor die Eltern besucht

Seine Karriere würde Außenstehende als "grundsolide" bezeichnen. Nach einem Jurastudium in München stieg Brunner beruflich in die Fußstapfen seines Vaters und war zuletzt Vorstand der Baustoff Erlus AG, einer mittelständischen Firma mit rund 800 Mitarbeitern. Um seine kranken Eltern zu unterstützen, wohnte er in Ergoldsbach in einem Haus nur 100 Meter von ihnen entfernt. Auch im Münchner Stadtteil Solln hatte er eine Wohnung. Dorthin war er unterwegs, als er zur Hilfe eilte und wegen seiner Hilfsbereitschaft von drei Jugendlichen zu Tode geprügelt wurde.

Wenn Dominik Brunner am Freitag in aller Stille beerdigt ist, sollen auch noch die Ergoldsbacher ihre offizielle Trauerfeier bekommen. Bis dahin trösten sich viele mit kurzem Gedenken in der Kirche. Beim Gemeindegottesdienst hielt der Pfarrer während seiner Predigt plötzlich einen Moment inne, und sprach sichtlich gerührt zur Gemeinde: "Wir beten für den Brunner, der sein Leben zum Schutz Schwächerer gab. Mit seinem Handeln ist er einem jeden Vorbild."