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Mütter, die ihre Babys töten: "Das sind keine Monster"

Es erscheint als besonders grausame Tat, wenn Mütter ihre Neugeborenen töten - so wie Andrea G. aus Wallenfels, die über Jahre heimlich Kinder zur Welt gebracht hat. Was geht nur in diesen Frauen vor?

Von Anette Lache

Haus der Familie von Andrea G. in Wallenfels

Ein Haus wie viele andere. Hier in Wallenfels lebte die Familie von Andrea G., hier versteckte sie über Jahre acht Babyleichen.

Vor zwei Wochen wurden sie gefunden: acht kleine Menschen ohne Namen, tot zwischen Gerümpel. Über Jahre hat heimlich Kinder zur Welt gebracht, anschließend in Plastiktüten gepackt und in einem Abstellraum versteckt. In einem Haus in der kleinen oberfränkischen Gemeinde Wallenfels, nur wenige Schritte vom Rathaus und von der katholischen Pfarrkirche entfernt.

Die Leichen waren so stark verwest, dass die Rechtsmediziner bisher nur feststellen konnten, dass sechs der acht Kinder von Andrea G. lebensfähig waren, ihre Organe ausgebildet. Ob tatsächlich alle nach der Geburt gelebt, also außerhalb des Mutterleibes geatmet haben, ist unklar. Ebenso, in welchen Jahren sie geboren wurden. Ob der Ehemann der Vater aller toten Babys ist, werden erst die Ergebnisse der DNA-Untersuchungen zeigen.

Andrea G. hat in ihrer ersten Vernehmung zugegeben, zumindest einige der Kinder nach der Geburt getötet zu haben. Was sie getan hat, verstört. „Das macht keine Mutter“, schrieb jemand in das Trauerbuch, das in der Kirche ausliegt.

Warum durften die Kinder nicht leben? Warum verbarg Andrea G. ihre Schwangerschaften? Vor ihrem Mann, ihren fünf anderen Kindern, die sie liebevoll umsorgt hat, vor Freunden, Nachbarn? Warum haben sie alle nichts bemerkt? Den Menschen in fehlen Antworten auf ihre Fragen. Sie wissen nicht, ob sie nicht alle doch irgendwie versagt haben. Oder zumindest nicht aufmerksam genug gewesen sind.

Oft werden sie erst nach Jahren gefunden

Es passiert selten, aber doch werden jedes Jahr in Neugeborene von ihren Müttern direkt nach der Geburt getötet oder einfach nicht versorgt, sodass sie sterben. Und dann versteckt: in Schließfächern von Bahnhöfen, Tiefkühltruhen, in Koffern im Keller und in Bettkästen. Manchmal ist es nur ein Säugling, manchmal sind es mehrere. Oft werden sie erst nach Jahren gefunden. Und manchmal bleiben sie wohl auch für immer unentdeckt, sagen Kriminologen.

Die Statistik erfasst solche Fälle von Neonatizid, der Tötung eines Kindes innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Geburt, nicht gesondert. Die Menschenrechtsorganisation Terre des Hommes wertet jedoch seit Jahren die Veröffentlichungen in den Medien aus und kommt auf jährlich 20 bis 30 Fälle in Deutschland. Der bisher schlimmste Fund: die Überreste von neun Neugeborenen im brandenburgischen Brieskow-Finkenheerd vor zehn Jahren. Ihre Mutter hatte sie in Blumenkübeln und anderen Gefäßen verscharrt und war sogar einmal damit umgezogen.

Für Deutschland gibt es inzwischen einige aussagekräftige Untersuchungen zum Thema Neonatizid, etwa eine in diesem Jahr veröffentlichte Arbeit des Landeskriminalamts von Nordrhein-Westfalen mit 194 Fällen und eine Untersuchung am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, das 199 Fälle analysiert hat. Die Auswertungen zeigen, dass das Klischee der Täterin – minderjährig, aus einem Problemviertel stammend – falsch ist. Die Frauen kommen aus allen Gesellschaftsschichten, das Durchschnittsalter liegt bei über 20 Jahren. Auch sind nicht alle psychisch krank. Was die Frauen verbindet: Sie haben ihre fast immer vor ihrem sozialen Umfeld verheimlicht. Und viele haben sie mehr oder weniger stark verdrängt.

Einfache Erklärungen gibt es für diese Taten fast nie. , Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité, gehört zu den wenigen Experten in Deutschland, die mit solchen Müttern gearbeitet haben.

Psychiaterin Isabella Heuser

Psychiaterin Isabella Heuser: „Diese Frauen haben nur einen Gedanken: Das Kind muss weg"

Frau Heuser, wie weit kann solch eine Verdrängung gehen?

So weit, dass die Frauen selbst davon überzeugt sind, nicht schwanger zu sein. Die Zeichen einer Schwangerschaft werden nicht als solche wahrgenommen. Gewichtszunahmen erklären sie sich mit zu wenig Sport oder zu viel Süßem, Kindsbewegungen mit Bauchgrummeln. Und die Kreuzschmerzen führen sie auf das vermeintliche Übergewicht zurück. Die Veränderungen des Körpers fallen interessanterweise bei diesen Frauen oft auch nicht so deutlich aus wie bei normalen Schwangerschaften. Die Frauen rauchen weiter, trinken weiter, sind völlig unbefangen beim Sex, alles in der festen Überzeugung, nicht schwanger zu sein.

Das heißt, sie werden von der Geburt überrascht?

Das mag merkwürdig klingen, aber so ist es tatsächlich. Die Frauen sind in diesem Moment in einem Ausnahmezustand. Psychologen sprechen von dissoziativen Zuständen – Fühlen und Handeln sind voneinander getrennt. Diese Frauen töten selten aus Gefühlskälte, vielmehr kommt es zu einer Panikreaktion im Zuge des Geburtsstresses. Ihr einziger Gedanke ist: Das Kind muss weg. Die Frauen sind dann in ihrer Steuerungsfähigkeit eingeschränkt. Das mindert später im Gerichtsprozess das Strafmaß. Wir hatten solche Patientinnen. Eine Mutter hat das Kind in ihrer Panik aus dem Fenster in den Hinterhof geworfen.

Warum können sich diese Frauen keine Alternativen überlegen?

In einem dissoziativen Zustand zu sein bedeutet, dass der Bezug zur Realität abhandenkommt. Es geht nur noch darum, alles möglichst schnell zu beenden. Das ist das beherrschende Gefühl.

Die ersten Babyschreie berühren sie offenbar nicht?

Auch die Sinne sind sozusagen taub. Für diese Mütter ist das Kind kein schützenswertes Wesen, sie haben während der Schwangerschaft keine Beziehung zu dem winzigen Leben in ihrem Bauch entwickeln können. Oftmals erinnern sie sich später nicht einmal an das Geschlecht des Kindes, das sie da zur Welt gebracht haben.

Das ist aber das Extrem?

Ja. Der größere Teil dieser Frauen verdrängt die Schwangerschaft nicht so komplett wie die junge Frau, die das Neugeborene aus dem Fenster warf, sondern ihnen ist mehr oder weniger doch bewusst, dass sie schwanger sind. Und es gibt auch Frauen, die gar nicht verdrängen, sondern nur verheimlichen.

Fast die Hälfte der Frauen wählt kein sicheres Versteck. Auch Andrea G. verwahrte die Babyleichen in dem Haus, in dem sie bis zur Trennung von ihrem Mann im September mit ihrer großen Patchworkfamilie gelebt hat.

Mütter, die ihr gerade geborenes Kind getötet haben, handeln meist nicht logisch oder vernünftig, sonst käme es nicht zu so bizarren Ablageorten wie Blumenkästen. Viele von ihnen verdrängen anschließend auch, dass das tote Baby noch in ihrer Nähe ist. Deshalb suchen sie später nicht nach einem besseren Versteck. Selten behalten sie das tote Kind bewusst in ihrer Nähe. Im Fall der Mutter mit den neun toten Babys war das jedoch so. Sie wollte sie bei sich haben.

Und danach leben sie ihr altes Leben weiter, als sei nichts geschehen?

Sonst würden ja Fragen gestellt werden. Wenn die Sache dann herauskommt, ist es fast immer so, dass die Nachbarn aus allen Wolken fallen und angeblich auch die Ehemänner. Nicht einmal beim Sex mit ihren Frauen wollen sie etwas bemerkt haben. Und was Mehrfachtäterinnen anbelangt: Wenn es ein- oder zweimal geklappt hat, wird es vermutlich von Mal zu Mal leichter. Es waren ja über Jahre Babyleichen in dem Haus in Wallenfels, und niemand hat etwas bemerkt.

Haben diese Frauen keine Schuldgefühle, kein Unrechtsbewusstsein?

Die Patientinnen, die bei uns waren und die Schwangerschaft nicht komplett verdrängt hatten, sagten, sie hätten schon gewusst, dass es nicht richtig war, was sie da getan haben. Aber dann wurde dieses negative Gefühl auch schnell wieder verdrängt, weg damit.

Oft heißt es, diese Frauen seien häufiger als andere psychisch krank.

Natürlich sind darunter welche, die unter einer schweren psychischen Erkrankung leiden, unter Psychosen, schweren Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen. Oder sie sind abhängig von Alkohol, Drogen, Schmerzmitteln. Aber viel häufiger spielen bestimmte Persönlichkeitsmerkmale eine Rolle. Es handelt sich oft um unsichere, abhängige Persönlichkeiten. Sie erwarten immer nur das Schlimmste: Wenn ich jetzt schon wieder schwanger bin, verlässt er mich, und dann bin ich allein. Und allein bestehe ich dieses Leben nicht. Ein solcher Mensch kann selbstständig keine Handlungsstrategien entwickeln, ist nicht in der Lage, bei unerwünschten Schwangerschaften eine Lösung zu finden, wie abzutreiben oder das Baby zur Adoption freizugeben.

Die Täterin, die schlicht böse ist, gibt es also nicht?

Doch natürlich. Auch eine Frau ohne besondere psychische Auffälligkeiten kann zur Mörderin werden, mit krimineller Energie etwas Kriminelles tun. Etwa, weil sie etwas vertuschen will, Untreue zum Beispiel.

Was sind weitere Motive?

Der Partner lehnt das Kind ab oder will keine weiteren haben. Oder die Frauen haben eine konfliktreiche Beziehung. Oder sie befinden sich in einer anderen schwierigen Lebenssituation. Im Nachhinein ist häufig nicht aufzuklären, was die tiefer liegenden Gründe waren. Die Täterinnen haben oft selbst keine Erklärung für ihr Handeln.

Warum hat Andrea G. nicht spätestens nach dem ersten ungewollten Kind verhütet?

Ich denke, dass bei Frauen, die mehrmals heimlich schwanger werden und keinen anderen Ausweg finden, als das Kind zu töten, ein psychischer Defekt vorliegt, eine Unzulänglichkeit des Denkens und Wahrnehmens.

Die Frauen werden als „Horrormütter“ beschimpft.

Mich ärgert das. Nicht alle, aber viele dieser Frauen haben viel zu wenig an sich gedacht, sich zu wenig um sich selbst gekümmert. Damit will ich nicht die Grausamkeit ihrer Taten kleinreden, aber ich sehe sie doch als Personen, die man unterstützen muss, denen man Hilfe zukommen lassen muss. Das sind keine Monster. Die meisten von ihnen haben aus großer Not heraus gehandelt.

Welche Rolle spielen die Väter? Kann es sein, dass ein Mann achtmal nichts mitbekommt?

Ich kann mir das nur schwer vorstellen. Aber offensichtlich gibt es das, die Ehemänner werden von der Kripo immer sehr genau befragt. In diesen Beziehungen muss es völlig an Achtsamkeit und Kommunikation gefehlt haben. Das können eigentlich nur Routine Ehen gewesen sein, in der die Partner mehr oder weniger aneinander vorbeigelebt haben, vielleicht einmal in der Woche für drei Minuten Sex hatten. In einer guten Beziehung bricht man auch mal zusammen, bittet den Partner um Hilfe. Und der Partner ist dann für einen da.

Andrea G. hat auch drei halbwüchsige Kinder. Wie können sie damit klarkommen, dass sie acht Geschwister hatten, umgebracht von ihrer eigenen Mutter und jahrelang versteckt im Haus der Familie?

Man sollte ihnen erklären, dass sich ihre Mutter in einer absoluten Ausnahmesituation befunden hat, dass das, was sie getan hat, schlimm ist, aber Menschen manchmal zwei Gesichter haben. Und dass sie für sie trotzdem immer eine gute Mutter gewesen ist. Es ist wichtig, dass die Kinder über ihre widersprüchlichen Gefühle sprechen dürfen.

Was kann die Gesellschaft tun?

Wir sollten mehr aufeinander achten. Das passiert zu wenig. Wir sind alle sehr vernetzt über die sozialen Medien, schreiben ständig Whatsapp-Nachrichten oder twittern, aber wir sind nicht mehr wirklich miteinander verbunden.

Wie wichtig ist eine Therapie für die Frauen?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ohne eine psychotherapeutische Aufarbeitung geht. Damit sie irgendwann selbst verstehen können, warum sie so und nicht anders gehandelt haben. Sie müssen ja mit dem, was sie getan haben, weiterleben und wollen irgendwann, wenn ihre Strafe verbüßt ist, auch wieder sozial integriert sein. Und vor allem: Es soll nie wieder passieren.