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Murat Kurnaz: "Mama, ich will Menschenstimmen"

Viereinhalb Jahre verbrachte er in dem US-Gefängnis Guantánamo, wurde traumatisiert und gefoltert. Vor einer Woche kehrte Murat Kurnaz nach Hause zurück. Seine Anwälte erwägen eine Klage gegen die USA und die Bundesregierung.

Die Mutter des früheren Guantànamo-Häftlings Murat Kurnaz hat erstmals nach der Entlassung ihres Sohnes über die gesundheitlichen Folgen der US-Gefangenschaft berichtet. Ihr Sohn könne sehr schlecht laufen und habe physische Schäden davongetragen, unter anderem rote Stellen an den Armen von Handschellen, sagte Rabiye Kurnaz am Mittwochabend im NDR-Fernsehen. Sie betonte jedoch auch: "Er sieht gut aus, momentan geht es gut." Der 24-jährige Kurnaz war vor einer Woche nach mehr als viereinhalb Jahren US-Haft in seine Heimatstadt Bremen zurückgekehrt.

Kurnaz spricht nicht über die Haft

Der Fernsehsender Radio Bremen veröffentlichte am Donnerstagabend das erste Foto von Kurnaz seit 2001. Darauf ist er mit langen Haaren, einem Stirnband und einem langen Bart zu sehen. Sein Anwalt Bernhard Docke appellierte an die Verantwortung der Medien, nicht abschätzig über das Aussehen seines Mandanten zu urteilen. Er begründete die Veröffentlichung damit, dass Kurnaz die "mühsam errungene Freiheit auch genießen möchte und sich nicht selbst unter Hausarrest setzen will".

Ihr Sohn rede seit seiner Rückkehr nicht über die Zeit in der Haft und wolle darüber vorerst auch nicht öffentlich sprechen, sagte seine Mutter. "Wir stellen auch keine Fragen. Wir sind froh, dass er bei uns ist." Murat verbringe zu Hause viel Zeit in seinem verdunkelten Zimmer. Er vermisse jedoch seine Kontakte zu Freunden und Freundinnen. An sie habe er den Wunsch gerichtet: "Mama, ich will Kinderstimmen, ich will Menschenstimmen hören". Ihr Sohn brauche jetzt zunächst aber viel Ruhe.

Anwälte prüfen rechtliche Schritte gegen die USA und die Bundesrepublik

Docke prüft nach eigenen Angaben rechtliche Schritte gegen die USA und die Bundesrepublik. Die Anwälte von Kurnaz hatten von unmenschlichen Haftbedingungen und schwerer Folter berichtet. Er habe die ganze Zeit nur in grellem Neonlicht in einem Käfig gelebt. Das Licht sei nie ausgeschaltet worden, berichtete Docke nach der Freilassung. "Gefesselt, gedemütigt, entwürdigt wurde er den deutschen Behörden übergeben."

Zudem beklagten die Anwälte, die damalige rot-grüne Bundesregierung habe 2002 ein Angebot der Amerikaner zur Überstellung ihres Mandaten nach Deutschland abgelehnt. Nach dem Willen der Opposition soll sich der BND-Untersuchungsausschuss mit dem Fall des Deutsch-Türken befassen. Die Bundesregierung hatte den Vorwurf einer Mitschuld an der langen Dauer der Gefangenschaft von Kurnaz zurückgewiesen.

Schwerst traumatisiert und gefoltert

Es müsse eine mögliche deutsche Mitverantwortung an der langen Haftdauer untersucht werden, sagte Docke. Die Gründe sollten im BND- Untersuchungsausschuss und im EU-Ausschuss geklärt werden. Danach sei eine Schadenersatzklage gegen die Bundesrepublik Deutschland denkbar. Er erwäge auch eine Klage gegen die US-Regierung. Dies sei aber ein kompliziertes juristisches Verfahren. Sein Mandant sei schwerst traumatisiert und gefoltert worden - dies sei nicht wieder gut zu machen.

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