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Mutmaßlicher Foley-Mörder: Großbritannien - das Kinderzimmer des Terrors

Wie es aussieht, hat James Foleys mutmaßlicher Mörder nicht etwa ein Kuscheltier, sondern den Hass auf Amerika in die Wiege gelegt bekommen. Da ist er in Großbritannien beileibe nicht der einzige.

Von Michael Streck, London

Großbritannien ist zu einem Zentrum islamistischer Fanatiker geworden

Großbritannien ist zu einem Zentrum islamistischer Fanatiker geworden

Der Stadtteil Cricklewood im Nordwesten von London ist eine sehr bunte und multikulturelle Gegend mit kleinen Halal-Läden und Cafés und Märkten, gespeist aus einer großen muslimischen Gemeinde. Sie wirkt friedlich und ein bisschen verschlafen. Seit ein paar Wochen heißt es jetzt, Cricklewood sei ein Nervenzentrum der Muslimbruderschaft und des potenziellen Terrors. Premierminister David Cameron ordnete eigens eine Untersuchung an. Sie soll zeigen, ob Großbritannien das Ziel islamistischer Fanatiker sei. Inzwischen ist man etwas schlauer. Großbritannien ist nicht nur das Ziel von Radikalen, es ist ihr Wohnzimmer. Oder treffender: ihr Kinderzimmer.

Der mutmaßliche Mörder von James Foley könnte ein junger Rapper aus London sein, Abdel-Majed Abdel Bary, 23 Jahre alt. Das meldeten Medien zunächst übereinstimmend und beriefen sich auf die britischen Geheimdienste MI5 und MI6.

Bary lebte seit 1993 zusammen mit seinen Eltern in Maida Vale. Es gibt einen Kanal in Maida Vale und Hausboote an dem Kanal; die Ecke heißt Little Venice, Klein Venedig, und zählt zu den schönsten der ganzen Stadt. Dort wuchs Bary auf, in einem großen, stattlichen Haus. Er trat auf als Rapper, war sogar einigermaßen erfolgreich und nannte sich "Lyricist Jinn". Lyricist heißt Lyriker. Und seine Lyrik war unmissverständlich. Er singsang: "Give me the pride and the honour like my father. I swear the day they came and took my dad, I could have killed a cop or two and I wouldn't look back." Es geht um seinen Vater und dessen Verhaftung. Und darum, dass er, der Rapper, gerne die Polizisten umgebracht hätte.

Die Songs des Rappers handeln von Hass, Rache und Vergeltung

Sein Vater Adel Abdel Bary, muss man wissen, sitzt in New York in Haft und wartet auf seinen Prozess. Er galt als Vertrauter von Osama bin-Laden und soll die Bombenanschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania 1998 mit verantwortet haben. 224 Menschen starben. Er hatte 1993 Asyl im Vereinten Königreich beantragt. Als sein Sohn sechs war, wurde der Vater verhaftet und vor einigen Jahren an die USA ausgeliefert. Sein Sohn, der Lyricist, rappte: "Imagine back then I was only six, just picture what I'd do now with a loaded stick. Like boom bang fine, I'd be wishing you were dead. Violate my brothers and I'm filling you with lead." Es geht um Rache und Vergeltung und den Wunsch, andere mit Blei zu durchlöchern.

Er nannte das Werk "The Beginning", und irgendwie hätte man vielleicht ahnen können, welchen Weg er einschlagen würde. Früher postete er auf Facebook Videos von seinen Auftritten. Heute twittert er Fotos von sich mit dem abgetrennten Kopf eines ISIS-Opfers und verdammt seine einstige Heimat und die USA.

Man weiß nicht, wann genau Bary zum Krieger wurde. Man weiß auch noch nicht, ob er James Foley tatsächlich gemeuchelt hat. Oder ob nur seine Stimme auf dem Video zu hören ist. An der Version sind ernste Zweifel aufgetaucht. Ein forensischer Gesichtsvergleich des Henkers und des Londoner Rappers brachte keinen Aufschluss. Es könnte auch ein anderer Radikaler gewesen. Man weiß es nicht. Noch nicht.

Fast ein Fünftel der Isis-Kämpfer sind Frauen

Man weiß aber sehr genau, dass er in ziemlich großer britischer Gesellschaft ist. Zwischen 500 und 2000 britische Staatsbürger, die meisten jung, sind im Laufe des letzten Jahres nach Syrien oder in den Irak gereist und halten sich für Heilige Krieger. Die meisten sind unter 30 und Singles. Es sind Studenten, Ärzte, Computerfachleute, Jugendliche. Es sind Brüder, Schwestern, Ehefrauen. Und Kinder. Ein Fünftel sind Frauen, Jihadi-Bräute. Eine, Khadijah Dare, 22, prahlte auf Twitter, sie wäre gerne die erste Frau, die einen "UK- oder US-Terroristen enthaupten würde". Die britischen Kämpfer stammen aus Cardiff und Birmingham und Manchester, Portsmouth und London. Sie stammen aus dem ganzen Land.

Viele reisen über die Türkei ein. Ein regelrechter Kriegstourismus hat sich entwickelt an der türkisch-syrischen Grenze. Es ist fast wie ein Reisebüro für Dschidahisten. Drei Schulfreunde aus Cardiff – Nasser Muthana, sein Bruder Aseel und deren Freund Reyaad Khan – buchten einen Trip nach Antalya, mieteten sich dort in ein Fünfsterne-Hotel ein. Und verschwanden am nächsten Morgen. Das nächste, was man von ihnen sah, war ein IS-Video aus Syrien, in dem sie ihrem einstigen Heimatland drohten. Die britische Regierung müsse sich fürchten vor seinen Fähigkeiten, Bomben zu bauen. Nassers Vater Ahmed, ein Einwanderer aus dem Jemen, reagierte schockiert und entsetzt. Er war nach Großbritannien gekommen, um seinen Kindern ein besseres, sichereres Leben zu garantieren. Er weinte vor laufenden Kameras und fragte sich immerzu: warum?

Die gesamte Nation reagiert schockiert entsetzt und voller Scham. Auch sie fragt sich: warum?

Es gibt keine vernünftigen Antworten darauf.

"Gelangweilt, überqualifiziert und Reiz-unterfordert"

Denn es ist ja nicht so, dass die jungen Männer und Frauen einer frustrierten und chancenlosen und diskriminierten Randgruppe angehört hätten. Sie hatten größtenteils gut bezahlte Jobs, sie lernten an guten Universitäten, sie gingen in Pubs oder zum Fußball. Sie kamen aus der Mitte der Gesellschaft. Und keineswegs von unten. Der amerikanische Anthropologe Scott Atran, der die Vita von Nachwuchs-Dschihadisten erforscht hat, sagt, dass der Islam am allerwenigsten mit der Brutalisierung zu tun hat. Es sei vielmehr die Sehnsucht nach Aktion, nach Ruhm und Ehre und Anerkennung unter ihresgleichen, die sie treibe. Seine Beschreibung könnte auch auf Hooligans passen: Der gemeine Fanatiker sei "gelangweilt, unterbeschäftigt, überqualifiziert und Reiz-unterfordert". Die Religion spiele, wenn überhaupt, nur eine geringe Rolle. Der Heilige Krieg sei in der verqueren Wahrnehmung dieser Hobby-Krieger "eine egalitäre Chance, aufregende, glorreiche Chance". Wenn man so will eine Art Videospiel. Nur real. Und tödlich.

Seit Juli stehen zwei dieser Möchtegern-Islamisten in London vor Gericht: Nahin Ahmed und Yusuf Sarwar aus Birmingham. Beide 21 und beide keine religiösen Fanatiker, sondern eher schlichte Gemüter. Sie hatten sich mit Anfängerliteratur "Islam for Dummies" und "The Koran for Dummies" wie bei einer Klassenarbeit notdürftig auf den heiligen Kampf vorbereitetet, um dann ausgerechnet gegen Infidels, Ungläubige, zu kämpfen. Die beiden wurden auf dem Rückweg von Syrien über die Türkei in London verhaftet. Insgesamt hat die Polizei in diesem Jahr allein 69 Leute im Zusammenhang mit Syrien und Terror-Verdacht festgenommen.

Der Londoner Bürgermeister Boris Johnson schlug sogar vor, dass Leute, die aus Syrien nach Großbritannien zurückkehren, per se als Verdächtige zu betrachten seien. Er schlug nichts anderes vor, als das Recht außer Kraft zu setzen und die gültige Unschuldsvermutung umzudrehen.

So weit wird es nicht kommen. Aber es zeigt den Grad der Verunsicherung im Land.

Die beiden Idioten aus Birmingham wurden natürlich nicht festgenommen, weil sie aus Syrien kamen. Sondern aufgrund echter, elterlicher Sorge und Liebe. Sawars Mutter und Vater hatten sich an die Polizei gewandt und den Beamten einen Brief ihres verlorenen Sohnes übergeben. Darin stand in krakeliger, fehlerhafter Sprache: "Ich gehe nach Syrien, um Heiligen Krieg zu machen."

Die beiden bekannten sich schuldig. Es heißt, sie bereuten ihren Fehler.