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Mutmaßlicher Kindesmörder Martin N.: Der Müll des "Schwarzen Mannes"

Was bleibt von einem Mann, der im Gefängnis sitzt, weil er kleine Jungen getötet haben soll? Der stern hat Reste des Hausstands von Martin N. durchsucht.

Von Kerstin Herrnkind

Rainer Friske steht vor seinem Lager, einem baufälligen Fachwerkhaus, in Oldendorf an der Göhrde, 85 Kilometer von Hamburg entfernt, und schimpft. "Wenn ich gewusst hätte, dass es die Wohnung eines Kindermörders war, die ich ausräumen sollte, hätte ich den Auftrag nie angenommen." Friske deutet auf sechs Pappkartons und vier Müllsäcke im Laderaum seines Kleintransporters, der auf seinem Hof steht. Es ist die Hinterlassenschaft des mutmaßlichen Kindermörders Martin N., der gestanden hat, den 13-jährigen Stefan Jahr, den neunjährigen Dennis Rostel und den zwölfjährigen Dennis Klein entführt und getötet zu haben. Außerdem soll Martin N. über 40 Jungen sexuell missbraucht haben.

Schwarz gekleidet und mit einer Strickmütze über dem Kopf drang der gescheiterte Mathematiklehrer in Schullandheime, Zeltlager oder Wohnungen ein, überfiel seine Opfer im Schlaf, missbrauchte oder tötete sie. 19 Jahre dauerte es, bis die Polizei den "Schwarzen Mann" Mitte April fasste.

Am Montag kommender Woche muss sich Martin N. vor dem Landgericht Stade wegen Mordes und sexuellen Missbrauchs verantworten. Vermutlich wird er den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen. Deshalb hat sein Halbbruder Friske beauftragt, die Wohnung – nach Freigabe durch die Kripo - zu räumen und den Hausrat zu verkaufen. Vier Stunden brauchte der Entrümpler, um die spärlich möblierte Zwei-Zimmer-Wohnung in Hamburg zu räumen. Ein schwarzes Kunstledersofa, das Bett von Martin N. und seinen Kleiderschrank aus Kiefernholz, ist Friske losgeworden. Übrig geblieben sind sechs Pappkartons und zwei Müllsäcke, die der stern Friske für 500 Euro abgekauft hat. Ein muffiger Geruch steigt aus den Kartons. Auf den ersten Blick ist das nicht der Hausrat eines erwachsenen Mannes. Martin N. besaß auffallend viel Kinderspielzeug. Ein ganzes Heer bunter Phantasiegestalten aus Überraschungseiern, Bauklötze, Bastelpapier, Knallteufel, ein Puzzle vom Bremer Weserstadion, das "Spiel des Wissens", ein Würfelbrett, eine Dartscheibe. Lockmittel für Kinder, die Martin N. auf der Straße ansprach oder über seine Arbeit als Betreuer kennenlernte. "Wir wussten alle, dass der es mit Kindern treibt", sagte ein Anwohner nach der Verhaftung von Martin N. zu Journalisten. Seine Vermieterin Christa R. räumte vor laufenden Fernsehkameras ein, dass sie erst kürzlich Geräusche aus dem Schlafzimmer gehört habe. "Gestöhne und Gequieke". Gesagt hat sie nichts. "Was geht es mich an, was der da oben treibt?", fügte sie hinzu - und erschreckend kühl und offen: "Mich hat nur interessiert, dass der pünktlich seine Miete zahlt." Elf Jahre lang lebte die 76-jährige Rentnerin mit Martin N. unter einem Dach. Mehrfach, so räumte Christa R. auch bei ihrer Vernehmung vor der Polizei ein, sei sie von Nachbarn darauf angesprochen worden, dass ihr Mieter Martin N. auffallend viele Kinder zu Besuch gehabt habe.

Auf dem Boden des Kartons liegt eine angebrochene Flasche Babyöl. Eine CD mit Verschlüsselungssoftware. Und eine Einwegspritze. Mit Nadel. Ein unheimlicher Fund. Und es ist nicht der einzige.