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Mutmaßlicher Messerstecher von Hamburg "Wenn Du mich anmachst, liegst Du sofort flach"


Warum tötet ein Jugendlicher einen anderen - grundlos, wahllos, einfach so? Ein Rap-Video, voller Hass und verbaler Gewalt, produziert von einer Großstadt-Gang rund um den mutmaßlichen Messerstecher vom Hamburger Jungfernstieg, scheint klare Hinweise zu geben. Doch die Polizei warnt vor einer Überbewertung.
Von Sönke Wiese

Der Tod kam aus dem Nichts. Draußen feierte die Stadt gerade das Kirschblütenfest an der Alster, als der 19-jährige Mel D. in der S-Bahnstation Jungfernstieg verblutete. Der 16-jährige Elias A. hatte dem Schüler aus Altona ein Messer in die Brust gerammt, einfach so, nach einer kleinen Pöbelei. Opfer und Täter kannten sich nicht. Der Jungfernstieg, eine Flaniermeile mitten in der Hamburger Innenstadt, galt bisher als Gegend, in der bis auf Taschendiebstahl kaum schlimmere Verbrechen vorkommen. Nicht einmal Sicherheitspersonal war hier an jenem Freitagabend vor Ort. Mel D. war einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Er hatte Pech. So leicht wird mittlerweile in einer deutschen Großstadt getötet.

Elias A., der mutmaßliche Täter, war schnell geschnappt. Zu viele Kameras hatten die Tat beobachtet. Schon zuvor galt er als jugendlicher Intensivtäter, der Deutsch-Afghane gehörte zu Hamburgs "Top 100" in dieser Kategorie.

Der Gangster-Rap der "Neustädter Jungs"

Aber aus welchem Milieu stammte Elias A.? Steht seine Tat für eine gesellschaftliche Entwicklung, eine hemmungslose Verrohung? Eine latente Gefahr? Aufschluss darüber scheint jetzt ein Video zu geben, das seit einigen Tagen im Internet kursiert. Es ist ein Rap-Video, das eine Gruppe produziert hat, die sich die "Neustädter Jungs" nennt. Die Neustadt liegt im Hamburger Zentrum, direkt an der Elbe. Es ist ein bürgerlicher Stadtteil mit schönen Altbauten, hohen Mieten und teuren Restaurants, hier steht auch der Michel, Hamburgs Wahrzeichen.

Nachts auf der Straße kriegst du ein Messer in den Bauch

In dem Video posieren rund 20 Jugendliche in bester Gangstermanier, machen grimmige Gesichter und zeigen Stinkefinger. Zwei Anführer rappen, die anderen bilden, wenn man so will, den Hintergrund. Auch Elias A. gehörte zu den Jungs im Hintergrund. Der Liedtext ist brutal, aggressiv, klingt wie die Ankündigung der tödlichen Attacke am Jungfernstieg: "Nachts auf der Straße kriegst du ein Messer in den Bauch", heißt es. "Meine Jungs aus der Neustadt regieren hier die Straßen. Wenn du mich anmachst, liegst du sofort flach." Ein Wort, ein Blick zu viel, heißt das, und wir kommen Dir mit Gewalt. Einfach so.

Das Video scheint zu verdeutlichen, aus welchem Umfeld Elias A. stammt, ein Umfeld, das die Gewalt zu verherrlichen scheint, in dem die Grenze zwischen martialischer Rhetorik und tödlichem Handeln zu verschwinden scheint.

Die Polizei misst dem Film keine Bedeutung zu

Die Hamburger Polizei warnt allerdings im Umgang mit dem Video vor voreiligen Schlüssen. Sie misst dem Filmchen keine weitere Bedeutung bei. "Es handelt sich nicht um eine feststrukturierte Gruppe", sagte eine Sprecherin der Hamburger Polizei stern.de über die "Neustädter". "Das sind normale Jungs, die mal mit dem einen, mal mit dem anderen herumhängen." Die Videos seien uralt und hätten mit dem Vorfall auf dem Jungfernstieg nichts zu tun.

Alles nur gelangweilte, harmlose Mittelschicht mit Poser-Bedarf also? Nicht ganz. Denn nach Informationen von Lokalzeitungen haben die Neustädter Jungs die Anwohner schon seit langem in Angst und Schrecken versetzt. Sie sollen Supermarkt-Angestellte verprügelt, Wirte bedroht und Ladentüren eingeschmissen haben.

Der Hamburger-S-Bahn-Mord erscheint banal, brutal und zynisch, in seiner Beiläufigkeit besonders erschreckend. Die Analyse der Hintergründe dieser Tat wird dennoch länger dauern. Denn sind die "Neustädter Jungs" Symbol eines neuen, gewaltbereiten Milieus, das da entstanden ist, das Täter wie mutmaßlich Elias A. hervorbringt? Dann steht diese Tat für eine umfassendere gesellschaftliche Unwucht. Oder ist Elias A. einer jener Täter, die man nie ganz wird verhindern können?

Einer der "Neustädter Jungs" nimmt in seinem Myspace-Profil jedenfalls Bezug auf die Attacke am Jungfernstieg. "R.I.P. Mel" hat er auf seine Seite im Internet geschrieben, eine Abkürzung für "Rest in peace", "Ruhe in Frieden". Soviel zum Opfer. An den mutmaßlichen Täter gerichtet schrieb er: "Elias, wir warten".


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