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Mutmaßlicher NS-Kriegsverbrecher: Mordprozess gegen John Demjanjuk beginnt

Es ist einer der letzten großen NS-Kriegsverbrecher-Prozesse: Der mutmaßliche Nazi-Scherge John Demjanjuk muss sich ab heute wegen Beihilfe zum Mord an 27.900 Juden vor dem Landgericht München verantworten. Demjanjuks Sohn ist von der Unschuld seines Vaters überzeugt.

Einer der letzten NS-Verbrecherprozesse beginnt heute in München. Der 89-jährige John Demjanjuk muss sich wegen Beihilfe zum Mord an 27.900 Juden im Vernichtungslager Sobibor 1943 verantworten. Hauptbeweismittel der Ankläger ist ein SS-Dienstausweis mit der Nummer 1393. Die Anwälte bezweifeln weiter die Echtheit des Ausweises. Demjanjuk selbst schweigt zu den Vorwürfen.

Der gebürtige Ukrainer ist seit seiner Abschiebung aus den USA im Mai in der Krankenabteilung der Haftanstalt München-Stadelheim in Untersuchungshaft. Im Oktober hatte das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe Verfassungsbeschwerden Demjanjuks abgewiesen und damit den Weg für den Prozess frei gemacht. Die Ärzte haben festgelegt, dass gegen den gesundheitlich angeschlagenen Demjanjuk nicht länger als zweimal 90 Minuten pro Tag verhandelt werden darf. Das Verfahren ist zunächst bis Mai angesetzt.

Nach Ansicht des Vertreters der Nebenkläger, Cornelius Nestler, spielt das Alter des Angeklagten in dem Prozess keine Rolle. Jeder, der an der Mordmaschinerie des NS-Vernichtungslagers Sobibor beteiligt gewesen sei, müsse sich seiner Verantwortung stellen, betonte der Kölner Strafrechtsprofessor am Sonntagabend im Bayerischen Fernsehen. Das gelte auch dann, wenn es sich um die niedrigen Stufen der Verantwortlichkeit handele. Demjanjuk könne sich nicht auf den sogenannten Befehlsnotstand berufen. Er hätte die Möglichkeit gehabt, das Lager zu verlassen, sagte Nestler. Die Wachmänner seien nicht eingesperrt gewesen.

Sohn sieht keine Beweise für Demjanjuks Schuld

Der Sohn des wegen Beihilfe zum Mord an 27.900 Juden angeklagten mutmaßlichen NS-Kriegsverbrechers John Demjanjuk ist von der Unschuld seines Vaters überzeugt. "Wir wissen in unseren Herzen, dass mein Vater niemals irgendjemandem ein Leid zugefügt hat. Und wir wissen auf Grundlage des vorliegenden Materials, dass es absolut keinen Beweis dafür gibt, dass er jemandem Leid zugefügt hat", sagte John Demjanjuk junior in einem Telefonat mit der Nachrichtenagentur AFP in Chicago. Der nun in Deutschland angeklagte Fall sei bereits vom Staat Israel und vom höchsten israelischen Gericht verworfen worden - und dies nicht aus rein formellen Gründen. Demjanjuk soll als sowjetischer Kriegsgefangener, als sogenannter Trawniki, 1943 Wächter im Vernichtungslager Sobibor gewesen sein. Auch Demjanjuk jr. zweifelt die Echtheit des SS-Ausweises an, der den Einsatz seines Vaters beweisen soll. Die eingetragene Körpergröße sei falsch, die Echtheit der Unterschrift zweifelhaft. Außerdem habe der Trawniki-Ausweis seines Vaters nicht die gleiche Lochung, die sein Foto aufweise.

Demjanjuk jr. will Bundesregierung verklagen

Aber selbst wenn jemand den Ausweis für echt halte, dürfe sein Vater nicht bestraft werden, sagte Demjanjuk jr. Denn es gebe zahlreiche Zeugenaussagen, wonach die in Sobibor eingesetzten Trawniki als Gefangene nicht anders handeln konnten als den dort befehlenden SS-Männern zu gehorchen. Jeder, der sich widersetzte und fliehen wollte, sei erschossen worden. Demjanjuk jr. verglich die Situation der Trawniki mit der Situation von Juden, die in Konzentrationslagern zu Hilfseinsätzen gezwungen wurden. Er frage sich, worin der Unterschied bestehe zu einem ukrainischen Kriegsgefangenen, der sich fürs Überleben entschieden habe. Zugleich zeigte sich der Sohn des Angeklagten empört darüber, dass die deutsche Regierung den Fall eines ukrainischen Kriegsgefangenen nun so forciere, während viele deutsche KZ-Wärter nie verurteilt wurden. "Einen Ukrainer zu verurteilen hilft ihnen, die Schuld wegzuschieben", sagte Demjanjuk jr. und drohte der Bundesregierung mit einer Klage. Er hoffe, einen Weg zu finden, die deutsche Regierung wegen des Vorgehens gegen seinen Vater verklagen zu können. "Sie beschleunigen seinen Tod. Er wird das nicht überleben", sagte Demjanjuk jr. Die Familie wird während des Prozesses nicht in München sein.

DPA/AFP / DPA