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Mutmaßlicher Tugce-Totschläger: Setzt sich Sanel M. ins Land seiner Eltern ab?

Der mutmaßliche Tugce-Totschläger schon bald frei? Wie das? Sanel M. unterliegt dem Jugendstrafrecht. Da geht Resozialisierung vor Strafe. Doch M. könnte sich zudem dem Zugriff der Polizei entziehen.

Sanel M. (r.) gilt als Täter im Fall des Zivilcourage-Opfers Tugce Albayrak. Anfang Februar hat er einen Haftprüfungstermin.

Sanel M. (r.) gilt als Täter im Fall des Zivilcourage-Opfers Tugce Albayrak. Anfang Februar hat er einen Haftprüfungstermin.

Der Gedanke muss für die Angehörigen unerträglich sein, doch unrealistisch ist er nicht mehr: Sanel M., der mutmaßliche Totschläger des Offenbacher Zivilcourage-Opfers Tugce Albayrak, 23, könnte unter Umständen nicht vor einem deutschen Gericht stehen. Möglicherweise wird der 18-Jährige nach einem Haftprüfungstermin schon bald auf freiem Fuß sein. Das würde zwar noch nicht reichen, um einem Gerichtstermin zu entgehen, doch die Polizei befürchtet, dass M. die unverhoffte Freiheit nutzt und sich nach Serbien absetzt, der Heimat seiner Eltern. Nicht zuletzt, weil es gegen ihn handfeste Drohungen gab.

Obwohl Sanel M. bereits volljährig ist, unterliegt er dem Jugendstrafrecht. Darunter fallen auch Heranwachsende zwischen 18 und 20 Jahren - wenngleich sie bereits härter angefasst werden als 14- bis 17-jährige Straftäter. Im Jugendstrafrecht geht es grundsätzlich zunächst um Erziehung und Resozialisierung und erst in zweiter Linie um Bestrafung. Daher gilt auch schon während einer U-Haft der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit. Sanel M. sitzt bereits seit zweieinhalb Monaten in einem Wiesbadener Gefängnis. Daher hat er gute Chancen, nach der Haftprüfung, die für den 4. Februar angesetzt ist, erst einmal das Gefängnis verlassen zu können.

M. fühlt sich nicht als Deutscher

Natürlich ist Sanel M. dann kein feier Mann, der Prozess gegen ihn wird weiter vorbereitet. Doch bis zum Prozesstermin soll der junge Straftäter erst einmal so weit wie möglich ein normales Leben führen. Allerdings: Die Polizei glaubt im Fall Sanel M. wohl nicht daran. Laut "Bild"-Zeitung gehen die Behörden eher davon aus, dass sich M. mit dem Absetzen nach Serbien erst einmal dem Zugriff der deutschen Polizei entzieht.

Und dafür spricht tatsächlich einiges. Zwar ist Sanel M. in Offenbach geboren, fühlt sich selbst aber nicht als Deutscher, ja nicht einmal als Serbe. Schulfreunde berichteten dem "Spiegel", er habe sich stets als "Sandschakaner" bezeichnet und sei darauf "mächtig stolz" gewesen. Teile des Sandschaks liegen im Südwesten Serbiens; auch die Heimatstadt seiner Eltern, Sjenica, liegt in dieser Region. Die Gegend ist muslimisch geprägt, so wie Sanel selbst. Allerdings wird er nicht als gläubig beschrieben, trinkt zudem gern Alkohol. Die Mehrheit der Bevölkerung des Sandschaks bilden die Bosniaken, denen sich Sanel zugehörig fühlt, wie es heißt.

Gescheiterte Integrationskarriere

Jugendliche gleicher Herkunft waren es auch zumeist, mit denen sich der 18-Jährige vor jener Nacht herumtrieb, in der er Tugce Albayrak auf dem Parkplatz des McDonald's in Offenbach-Kaiserlei ins Koma schlug. Die Clique hing in Burger-Läden, Shisha-Bars oder an Tankstellen herum. Auf öffentlichen Plätzen bedrohten er und seine Kumpels Passanten, sie klauten oder bepöbelten auf den Fußballplätzen der Umgebung die Schiedsrichter.

Fußball war eigentlich Sanel Ms. große Liebe. Doch das war zu einer Zeit als alles noch gut schien. Zwar wuchs er im Offenbacher Bahnhofsviertel, einer rauhen Gegend, auf, doch kümmerte sich der Junge seinerzeit noch liebevoll um den kleinen Bruder. Ansonsten hatte er "nur Fußball im Kopf". Das reichte auf dem Gymnasium für eine gute Sportnote, doch ansonsten tat er sich allzu schwer. Das Scheitern in der Schule setzte jene Mechanismen in Gang, die vor allem bei jungen Männern auch die Integration scheitern lassen: Frust, Flucht aus der Welt, die ihn überfordert, Prügeleien, Ärger mit den Eltern, irgendwann Schulverweis, fehlende Perspektive, erste Straftaten, mit 16 die erste von bisher vier Verurteilungen - Arbeitsstunden wegen versuchten gemeinschaftlichen Diebstahls - dann die erste gefährliche Körperverletzung, eine Woche Jugendarrest.

"Fick den Staatsanwalt"

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Sanel M. längst aller Kontrolle entzogen. "Sanel macht, was er will", sagte die Mutter einmal einem Lehrer, der nach seinem Schüler fragte. Es sind nicht nur die Eltern, die Sanel M. nicht mehr als Autoritäten anerkennt. "Fick den Staatsanwalt, ich bin hier die Staatsgewalt", posetet er einmal auf seiner Facebook-Seite. Dass der zweite Teil dieses Satzes nicht zutrifft, dürfte Sanel M. inzwischen zu spüren bekommen haben.

Beim ersten Halbsatz könnte es anders aussehen. Was geschieht, sollte Sanel erst einmal in Serbien sein, muss sich zeigen. Der Staat gehört (noch) nicht der EU an, die in Sachen Strafverfolgung eins ist. Und auch innerhalb des Europäischen Auslieferungsabkommens hat jeder beigetretene Staat die Möglichkeit, eine Auslieferung abzulehnen - beispielsweise aus Gründen der Verhältnismäßigkeit, die ja gerade bei jugendlichen Straftätern nicht nur in Deutschland eine Rolle spielt.

Ob solche Fragen überhaupt beantwortet werden müssen, wird sich zeigen. Wie der Ermittlungsrichter während der Haftprüfung, die Sanel M. auf Antrag wie jedem anderen Häftling zusteht, entscheidet, lässt sich kaum vorhersagen. Die Sorgen der Polizei, dass sich Sanel M. durch die Flucht in das Land seiner Eltern seiner mutmaßlichen Verantwortung für den Tod Tugces entzieht, scheinen aber in der Tat sehr berechtigt.

dho
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